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Umstrittene Billigmodekette Primark Warum das Primark-Prinzip nicht in Ordnung ist - auch wenn es billig ist

Auf Primania tummeln sich die Teenies in den Klamotten der Marke - Preisschild inklusive.
Auf Primania tummeln sich die Teenies in den Klamotten der Marke - Preisschild inklusive.
© Screenshot
Primark ist das Crystal-Meth der Mode: Für wenig Geld gibt es ein unglaubliches High. Die Sachen sehen aus wie von Lady Gaga und kosten fast nichts. Nachhaltig und korrekt ist der Kaufrausch nicht.

Eigentlich sind wir korrekt, sorgen uns um fairen Handel und um Nachhaltigkeit. Kleidung sollte zertifiziert sein wegen der Löhne in Bangladesch und der fiesen Chemikalien, die im Stoff enthalten sind. So was reden wir uns zumindest ein. In Wirklichkeit ist das nur Gedöns. Denn wenn eins boomt in Deutschland, dann ist es billig. Mal mit Qualität - mal auch ohne. Seit Jahren überrollt die irische Modekette Primark wie ein Panzer über die deutschen Innenstädte. 

Das Grundrezept: Top-modisch und unglaublich billig. Bei Primark kostet ein Teil selten über zehn Euro, fünf Euro für ein Oberteil sind normal. Für fünfzig Euro gibt es ein komplettes Outfit - inklusive Fünfer-Socken-Pack, für einen Hunderter erhält frau mehr Mode als sie tragen kann. In anderen Billigläden gibt es so etwas auch schon, nur sehen die Sachen nicht verführerisch aus. Sie sind billig und stempeln den Träger auch als solches ab.

Billig oder geschmacklos wirken die Fummel von Primark nicht - sie sind immer frisch von den Laufstegen der Welt inspiriert oder kopiert - wie man will. Nach diesem Rezept kleiden auch Modeketten wie H&M oder Zara seit Jahren ihre Kunden ein, aber Primark hat noch draufgelegt. Verglichen mit den Preisen der irischen Modekette ist H&M fast unbezahlbar.

Primark ist nicht nur billiger, es ist auch schneller. Hier können sich Teenies so stylen wie die Stars. Vermutlich scannen die Scouts der Firma die Selfies der Berühmtheiten nach interessanten Outfits und schicken die Aufnahmen direkt weiter in die Produktion. Angeblich kommen die Kopien schneller auf den Wühltisch als die Originale in die Edelboutiquen.

Und man kann sich mit sehen lassen: Der Primark-Teenie kann seine Verwandlungsfotos auf die Seite Primania hochladen. Und? Sieht cool aus und nicht nach fünf Euro. Auf Youtube gibt es die eigene Gattung "Primark Haul" auf der Mädchen beglückt ihre Beute vorführen (siehe Video unten).

Besonders wichtig ist das Einkaufserlebnis. Die Läden sehen aus wie ein abgerockter Lebensmitteldiscounter, doch wenn eine Hose billiger ist als ein Bio-Brot, gerät das Preisgefüge im Kopf auseinander - es kommt zum Shopping-Kurzschluss, zum Einkaufs-Flash. Sobald Mode zum Kilopreis verschleudert wird, verändern sich Kauf- und Tragerlebnis. Hier wird nicht lange überlegt, ausgewählt und ausgesucht, was zu einem passt - Primark ermöglicht einen Kaufrausch. Jedem Impuls kann die Kundin folgen, mitnehmen was spontan gefällt. Es zählt nur der Augenblick, ein später ist egal. Man möchte nicht wissen, wieviel zusammengerafft und nie getragen wird.

Bisher hat noch jede neue Filiale die Innenstadt ringsum lahmgelegt. Zu Primark geht niemand einkaufen, die Läden werden gestürmt. Innen ist alles auf die "Nimm mich mit"-Verführung ausgelegt, zurückhalten muss sich niemand, denn das ganze Zeug kostet ja nichts. Natürlich ist das Ein-Weg-Mode, die in über 1000 Fabriken zusammengenäht wird. Manche Stücke sollen zwar erstaunlich lange halten, aber gedacht sind die Teile für ein paar Tage - dann haben sie ihren Zweck erfüllt und kommen in den Müll.

Derzeit richtet sich Primark an die ganz Jungen, aber so hat H&M auch angefangen, inzwischen wird die ganze Familie bedient. Die Primarkpreise definieren die Preisgrenzen für alle Modemarken neu - sie sind der neue Ur-Meter der Preisbildung. Zara kann teurer bleiben, im Kopf wird aber in Zukunft in Werten wie "doppelt so teuer wie Primark" gerechnet.

So geraten die Preise der ganzen Branche unter Druck. Preise von fünf Euro für ein Oberteil und zehn Euro für eine Hose lassen ahnen, welcher Kostendruck in der Produktion steckt. Denn auch wenn die Sachen ziemlich sorglos zusammengeheftet sind, genäht wird trotzdem. Und eines dürfte klar sein - trotz aller anderslautenden Statements von Primark: Der Weg zum fairen Handel wird nicht über Wegwerfmode gehen.


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