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SCHÖNHEITS-OP: Immer mehr Männer unterm Messer

Waren es bisher die Frauen, die sich für Schönheits-Operationen unters Messer legten, entdecken inzwischen immer mehr Männer die plastische Chirurgie.

Kein Gramm Fett an Bauch und Hüfte. Ein muskulöser Oberkörper. Volle Lippen und markante Wangenknochen. Um diesen Körper wird der Kalifornier Steve Erhardt von vielen Geschlechtsgenossen beneidet. Doch der Visagist ist nicht mit sich zufrieden. Die Gesichtshaut sei etwas schlaff und der Waschbrettbauch nicht perfekt, nörgelt Steve beim Blick in den Spiegel. Dass er dabei nicht die Stirn runzelt, liegt nur daran, dass er sich gerade eine frische Dosis »Botox« zum Glätten der Gesichtsfalten spritzen ließ.

Immer mehr Männer unterm Messer

Bereits 22 Mal hat sich der Perfektionist aus Los Angeles unter das Messer der Schönheitsärzte gelegt. Seit der ersten Nasenkorrektur vor 15 Jahren investierte er über 125 000 Dollar (rund 125 000 Euro). Der Amerikaner, der für Stars wie Cher, Madonna und Sylvester Stallone Make-up und Hair-Styling macht, sieht seinen Körper als »work in progress«: Bis ans Lebensende will er sich - stets in Konkurrenz zu seiner Umwelt - regelmäßig straffen und formen lassen. Steve muss sicher als schnittiger Extremfall gelten, doch im Mekka der Schönen folgen immer mehr Männer seinem Beispiel.

»Richard-Gere-Look« ist gefragt

»Vor 10 Jahren machten Frauen rund 80 Prozent meiner Kundschaft aus. Heute sind es zur Hälfte Männer«, berichtet Richard Fleming vom Institut für Aesthetic and Reconstructive Surgery in Beverly Hills. Der natürliche »Cowboy-Look« des wettergegerbten, faltigen Marlboro-Mannes sei durch den gepflegten, sensiblen »Richard-Gere-Look« ersetzt worden, resümiert der Arzt. Dies treibe nun neben Models und Schauspielern immer mehr Anwälte, Geschäftsleute und »Mittelklasse- Männer« in seine Praxis.

Zur Nase gratis ein Kinn-Implantat dazu

Als er sich 1987 eine neue Nase wünschte, waren Eingriffe für Männer noch die Ausnahme, erinnert sich Steve Erhardt. Er ging zu »Doc Hollywood«, wie der Arzt Steven Hoefflin genannt wird, der Liz Taylor und Michael Jackson zu seinen prominenten Kunden zählt. Zu der Nase gab es gratis ein Kinn-Implantat mit einem Grübchen, als Test für eine Operation, die sich der »King of Pop« später angeblich wünschte.

Dann ging es Schnitt für Schnitt weiter: Gesichts-Lifting, aufgespritzte Lippen, Fett absaugen, geformte Augenbrauen, Brustimplantate, Wangenstraffung, Laserbehandlungen, Vitamin- und Hormonspritzen, permanentes Make-up. »Ich sehe jetzt wie Ende zwanzig aus«, meint Steve, der sein echtes Alter nicht verrät, aber vermutlich schon die 40 überschritten hat. »Durch die ständigen Eingriffe werde ich dem Altern vorbeugen und nie älter als Mitte 30 aussehen«, prophezeit er.

Bereits 20-Jährige unterm Messer

In der Klinik von Richard Fleming legen sich zunehmend jüngere Männer unter das Messer. Bereits 20-Jährige lassen sich Haare transplantieren oder Nasen verschönern, versichert der Arzt. Ältere verlangten straffere Augenlider, und ab 40 seien komplette Gesichts- Liftings gefragt. Sogar 80-Jährige würden sich noch die Augensäcke entfernen lassen, sagt der 57-jährige Arzt, der die eigenen Augenfalten durch einen Kollegen glätten ließ.

7.000 bis 10.000 Dollar pro OP

Für die Körperkorrekturen blättern die Herren genauso bereitwillig wie die weibliche Kundschaft 7.000 bis 10.000 Dollar hin. Nur in einem unterscheiden sich nach Flemings Erfahrungen die Männer: »Sie sprechen nicht so locker wie Frauen beim Lunch oder auf Partys über ihre Operationen. Viele halten Facelifts immer noch für «unmännlich», tun es aber trotzdem.«

Schwule noch versessener

Die schwule Szene in Los Angeles sei zwar noch ein wenig schönheitsversessener, räumt Steve Erhardt ein, doch »immer mehr Heteros schauen besorgt in den Spiegel«. Bei den »Botox«-Partys trifft er inzwischen auf eine bunte Männer-Mischung. Manche gehen schon am Morgen zum »Botox«-Brunch, wo neben Spritzen auch frische Bagels serviert werden. Am liebsten tun es die Männer am Freitag, denn bis zum Bürobeginn montagfrüh seien dann die letzten verdächtigen Rötungen der Anti-Falten-Spritze verschwunden. In Hollywood ist die Behandlung so beliebt, dass sich die Regisseure Martin Scorsese und Baz Luhrman bereits über die starren Gesichtszüge - eine Nebenwirkung des Nervengiftes »Botox« - der Schauspieler beklagen.

Druck ist extrem

Der seit 20 Jahren in Beverly Hills praktizierende Schönheitschirurg Barry Weintraub bezeichnet den »Druck, jung auszusehen« in Hollywood als »extrem«. »Die Männer kommen mit Fotos von Tom Cruise in meine Praxis und verlangen Wunder«, beklagt sich der Arzt. Rund ein Drittel der Patienten mit unrealistischen Erwartungen weise er ab, versichert Weintraub. In Ärztekreisen kenne man diese Kunden, die mit keinem Eingriff zufrieden seien. Der Hollywood-Operateur hat eigens einen Fragebogen entworfen, um den Beauty-Fanatikern auf die Spur zu kommen: Wie viele Stunden am Tag denken Sie über ihre Mängel nach? Weniger als eine Stunde. Ein bis drei Stunden? Mehr als drei Stunden?

»Hauptsache man fühlt sich gut«

Die Menschen in Los Angeles seien längst vom »Lookism« gepackt, meint Fleming. So lautet der Szene-Jargon für die wachsende Bedeutung von Schönheit und Jugendlichkeit - unabhängig vom Geschlecht. »Hauptsache man fühlt sich gut in seiner Haut«, lautet dabei die Devise von Prachtexemplar Steve Erhardt. Wenn er weitere 8500 Dollar gespart hat, will er sich Po-Implantate gönnen. Und er träumt bereits von der Zukunft, wenn Ärzte endlich einen künstlichen Bizeps basteln können: »Ich würde mich als Erster zur Verfügung stellen.«