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Theaterkunst: Die Stoffe für den Filmstoff

Ohne seine Dienste stünden viele Schauspieler nackt da: Der Berliner Kostümfundus Theaterkunst versorgt seit 100 Jahren deutsche und internationale Produktionen mit Kleidern und Accessoires - von "Ben Hur" bis "Das Wunder von Bern".

Von Dirk van Versendaal

Kleider machen Leute, das ist bekannt, aber machen sie aus Indern auch Mexikaner? Klar, kein Problem, bei der Firma "Theaterkunst" geht so etwas: Für "Das wilde Leben", die verfilmte Biografie Uschi Obermaiers, verpackte das Kostümhaus im Berliner Stadtteil Wilmersdorf indische Komparsen durchaus glaubwürdig in mittelamerikanische Folklore. Dazu wurden Hunderte weitere Komparsen in den Berliner 68er-Demo-Look gehüllt, etliche andere in Schupos oder auch Hamburger Luden verwandelt - alles ganz authentisch. Insgesamt versorgte Theaterkunst den Dreh mit 2500 Stücken.

Ob "Das Leben der Anderen", "München" von Steven Spielberg, "Good bye, Lenin" oder "Das Wunder von Bern" - kaum ein in Deutschland gedrehter, produzierter oder spielender Film, den Theaterkunst nicht ausgestattet hätte. Das Fernsehen stünde ohne den größten Kostümfundus Deutschlands gar nackt da. "Dresden", "Die Manns", "Die Luftbrücke" - jeder der aufwendigen TV-Filme wurde mit Tausenden von Teilen der Berliner Kostümausstattung bestückt. Zehn Millionen Kleidungsstücke und Accessoires werden im Fundus verwaltet und gepflegt, und sie sind, wie die Geschäftsführerin Susanne Franke anmerkt, wohlsortiert - nach Epochen, Geschlecht und Größe.

Weil das Kostümhaus sich nicht nur verdient gemacht hat um Film und Fernsehen, sondern auch 1907 gegründet wurde, kommt es vom 29. März an zu musealen Ehren: Fünf Monate lang präsentiert das Berliner Filmmuseum die Ausstellung "Das Filmkostüm im Fokus - 100 Jahre Unternehmen Theaterkunst"; anschließend wandern die Exponate nach Hamburg und Düsseldorf.

Die jubilare sind zurzeit damit beschäftigt, die Ausstellungsstücke zusammenzustellen: Die Mönchskutte von Joseph Fiennes als "Luther" und Fritz Weppers "Cabaret"-Anzug wurden schon für die Ausstellung aufgeputzt, Marlene Dietrichs Kimono aus Josef von Sternbergs "Der blaue Engel" ebenso. Die Uniformmäntel, die Klaus Kinski in "Fitzcarraldo" trug und David Bowie als "Schöner Gigolo, armer Gigolo", warten noch auf ihre Auffrischung.

Romys Kostüme lagen in der Kinderabteilung

Mitunter erwies sich die Suche nach den eigenen Klassikern als schwierig. Die Kostüme für Fritz Langs "Metropolis" (1927) etwa wurden seinerzeit nicht archiviert, sondern achtlos zurückgehängt; sie sind heute nicht mehr auffindbar. Um die Rüstungen und Togen des Monumentalwerks "Ben Hur" zu finden - 1924 reisten die Hauptdarsteller per Schiff aus Amerika zu den Anproben an - , müssen derzeit noch der Film und seine Ausstattung gesichtet werden. Lange unauffindbar sei Romy Schneiders Kostüm aus "Mädchen in Uniform" von 1958 gewesen, erzählt die Kostümleiterin Christa Hedderich. Fündig wurde man schließlich in der Kinderabteilung - bei der damaligen Konfektionsgröße Romy Schneiders von 32 keine Überraschung.

Derzeit wird in den Werkstätten mit Hochdruck geschneidert, patiniert, gebügelt und verschickt - etwa für die Filmproduktion "Der rote Baron", die rund 5000 Kostüme und Kostümteile geordert hat. Von der neuen Lust der Deutschen an der Verfilmung ihrer Geschichte profitiert auch Theaterkunst. Dennoch sei das Geschäft in den vergangenen Jahren nicht leichter geworden, wie Susanne Franke erklärt: Weil Filme wie "Das Parfum" und "Der Untergang" aus Kostengründen häufig in Ost- und Südeuropa gedreht werden, lasse man die Kostüme auch dort nähen. Den Berlinern werde zwar weiterhin oft die Ausstattung der Hauptrollen anvertraut, die lukrativen Aufträge für die Massenszenen entgingen ihnen aber.

Theaterkunst leiht seine Schätze übrigens nicht nur an Film, Fernsehen und Theater aus. Jedem, der mal glaubhaft als Husarenreiter, Mariachi, Scheich oder Käpitän zur See Eindruck machen will, steht das Kostümhaus, nach Terminabsprache, offen.

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