Trends Was hier geht, kommt


Tokios Jugend hat den Konsum zur Kunstform erklärt. Hemmungslos experimentiert sie mit Stil und Outfit, mit neuer Technik und bizarrem Design. Trendscouts aus aller Welt schauen ihr dabei zu - um sich mit der Zukunft vertraut zu machen
Von Janis Vougioukas

Ein Mädchen tritt aus der Umkleidekabine, es trägt einen lila Minirock, der gerade das Nötigste bedeckt, darunter schwarze Strapse und Stiefel mit hohen Absätzen. In der Boutique bricht Jubel aus. Verkäuferinnen klatschen in die Hände, kreischen, hüpfen auf das Mädchen zu und tanzen zu dröhnender HipHop-Musik. Es ist, als sei ein Popstar hinter dem Vorhang hervorgetreten. Das Mädchen schaut erst unsicher, dann strahlt es vor Freude über den Zuspruch.

Mit dem Kirschblütenfest Ende März ist der Frühling nach Tokio gekommen. Die Sonne scheint, in der Schule sind Ferien. Und ganz Japan kauft die neueste Sommermode. Die Verkäuferinnen in der Shopping Mall 109 in Tokios Stadtteil Shibuya verstehen es besonders gut, ihre jungen Kundinnen mit Komplimenten und Applaus zu überzeugen - und zum Kauf zu animieren.

Konsum ist Kunst

Einkaufen ist für japanische Teenager nicht bloß eine Freizeitbeschäftigung. Konsum ist Kunst - und niemand beherrscht sie so gut wie die mode- und trendverliebte Jugend in Tokio. Für viele internationale Modekonzerne und Topdesigner ist die japanische Hauptstadt mit ihren zwölf Millionen Einwohnern inzwischen zu einer der wichtigsten Bühnen geworden. Gleichbedeutend mit New York und Paris gehört Tokio zu den großen Modezentren der Welt. Immer häufiger entstehen hier Stilrichtungen, Produkte und Modekulturen, die ganze Branchen prägen - vom Girlie-Look bis zu Strumpfhosen aus der Sprühdose.

Das Zentrum des Stadtteils Shibuya ist ein riesiger rechteckiger Betonplatz vor der U-Bahn-Station. Die Spiegelfassaden der Shoppingzentren ragen aus dem Boden, angestrahlt mit übergroßen Werbefilmen wie im Autokino. Reklameschriftzüge leuchten bunt auf Dächern und über Eingängen. Musik dröhnt, Tausende Menschen laufen umher: Die U-Bahn-Station Shibuya ist der Treffpunkt der Tokioter Jugend. An keinem anderen Ort der Stadt stapeln sich in den Hochhäusern so viele Boutiquen. Am Morgen bestimmen die Anzüge und Kostüme der Büroarbeiter die Farbe der Straße. Jetzt, am Nachmittag, hat die Jugend Shibuya übernommen und die schwarzweiße Monotonie in eine bunte Parade verwandelt. Es ist eine Welt aus Lack, Haartönung, Glitzer, Kunstperlen, grellem Make-up und hohen Absätzen. Tokios Jugend liebt modische Experimente, und in Shibuya ist die Straße ihr Laufsteg.

Junge Japaner kaufen alle drei Monate neue Handys

Nur wenige kennen sich in diesem grellen Durcheinander so gut aus wie der Deutsche Sven Kilian-Nakamura. Vor 15 Jahren entdeckte der hoch gewachsene 36-Jährige seine Liebe zu Asien. Er kam als Hippie nach Tokio und verkaufte T-Shirts auf den Straßenmärkten. Seit viereinhalb Jahren arbeitet er hier als Trenddetektiv für die Firma "Cscout" und die Berliner "Trend-Akademie". Sein Arbeitsplatz sind die Straßen von Shibuya, zu seinen Kunden gehören Firmen wie Siemens und BMW. Für sie sucht er nach der Zukunft. "Die Japaner sind viel produkt- und modehungriger als die Menschen im Westen", sagt Kilian. Junge Japaner etwa kauften sich alle drei Monate ein neues Handy, "so können neue Trends leichter entstehen."

Viele Technikprodukte wie Handys, Digitalkameras oder Computerspiele bekommen auf dem japanischen Markt nur wenige Wochen Zeit, um sich zu bewähren. Die Unternehmen probieren neue Modelle in kleinen Stückzahlen aus und beobachten, wie sie sich verkaufen. So habe, erzählt Kilian, der Unterhaltungselektronikhersteller Sega sein "Homestar Planetarium", ein professionelles Planetarium fürs Wohnzimmer, nur in einer Mini-Auflage in die Läden gebracht - woraufhin es monatelang ausverkauft war. Jetzt soll die Sternen-Show auch ins Ausland gehen.

Selbst Lagerfeld lässt sich auf Shibuyas Straßen inspirieren

Kilian schlendert durch die Seitenstraßen. An einem Plakat mit Getränkewerbung bleibt er stehen und fotografiert es mit seinem Handy. Gerade hat er ein Projekt für eine große Brauerei abgeschlossen. Zwei deutsche Manager kamen nach Tokio, um Ideen für den Biermarkt in Deutschland zu sammeln. Fünf Tage zog er mit seinen Kunden durch Supermärkte und Getränkehandlungen. Kilians Ware sind Inspirationen aus dem zukunftsverliebten Japan. Er organisiert Führungen für durchreisende Topmanager, schreibt Berichte und Präsentationen mit den Informationen und Bildern, die er auf der Straße gesammelt hat. Kein Modekonzern, keine Firma mit Design- oder Trendprodukten kann es sich leisten, Japan zu ignorieren.

"Vor allem Technik- und Lifestyle-Entwicklungen kommen aus Japan - in allen Bereichen, von Handys und Design bis zu Spielen und Ernährung", sagt Kilian. Vieles davon gelangt erst viel später nach Europa. Als das Computerküken Tamagotchi Mitte der Neunziger den Westen eroberte, war es in Japan fast schon wieder ausgestorben. Als Karl Lagerfeld in Tokio eine Boutique eröffnete, soll er auf den Straßen von Shibuya Tausende Fotos gemacht haben, um sich für neue Kollektionen zu inspirieren.

Kleider werden vom Laufsteg weg bestellt

Die Straßen des Viertels sind für die Designabteilungen der Konzerne inzwischen so wichtig wie einst das Orakel von Delphi für die Herrscher des antiken Athen. Was in Shibuya heute ein Thema ist, kann morgen die Hauptstädte der Welt begeistern. "Die Japaner haben eine ganz andere Konsumfreudigkeit. Japanischer Lifestyle taucht in der ganzen Welt auf. Für unsere Firma ist das sehr wichtig", sagt Jörn Clausen, Leiter der Abteilung Global Trend & Lifestyle Marketing beim deutschen Sportartikelhersteller Adidas. Clausens Abteilung beschäftigt drei Mitarbeiter in Tokio, um nichts von diesen Trends zu verpassen. Denn kaum etwas entwickelt sich in Tokio so schnell wie die Mode. 20 000 junge Frauen kamen im März zur Modenschau "Tokyo Girls Collection". Noch während der Veranstaltung bestellten viele die Kleider per Handy direkt vom Laufsteg.

Ayana Matsuaki ist 17 Jahre alt und besucht im Tokioter Vorort Saitama die elfte Schulklasse. Jeden Monat gibt sie 70 000 Yen für Kleidung und Kosmetik aus - umgerechnet etwa 500 Euro. Das ist in Japan noch nicht einmal viel. Damit sie sich den Luxus leisten kann, kellnert Ayana dreimal pro Woche abends in einem Restaurant. Sie trägt grüne Kontaktlinsen, ein enges Oberteil, einen knappen Minirock und schwarze Kniestrümpfe. Zu Hause, etwa eine U-Bahn-Stunde vom Stadtzentrum entfernt, teilt sie sich mit ihrem 13-jährigen Bruder ein kleines Zimmer unter dem Dach. Ayanas Vater arbeitet als Manager bei einem Kurierdienst. Meist geht er schon vor sechs Uhr morgens zur Arbeit und kommt erst nach zehn Uhr abends nach Hause. Die Mutter verkauft Fertighäuser. Beide Eltern haben ihr ganzes Leben gearbeitet, eingesperrt in einer Welt, die nur aus Büro, überfüllten U-Bahnen und der Fernsehcouch im Wohnzimmer besteht.

Mädchen kleiden sich als Lolitas oder Dienstmädchen

Ayana versteht sich gut mit ihren Eltern. Doch wie viele junge Japanerinnen würde sie später gern ein freieres Leben führen. Sie wäre gern als Afroamerikanerin auf die Welt gekommen. Die spielten viel Basketball und tanzten mit kreisenden Hüften, sagt Ayana. Manchmal versucht sie mit ihren Freundinnen, die Bewegungen nachzumachen. Aus Reggaemusik, Miniröcken und dicken goldenen Halsketten hat sich das Mädchen eine Traumwelt geschaffen, die Möglichkeit, in eine andere Realität zu flüchten. Sie ist keine Rebellin, man darf das nicht falsch verstehen. Aber in ihrem Herzen brennt eine Flamme der Sehnsucht.

Der Drang, jemand anderes und Teil einer fremden Gruppe zu sein, hat in Japan die absurdesten Moderichtungen hervorgebracht. Mädchen, die sich wie Lolitas oder französische Dienerinnen kleiden, "Ego Girls" und Fabelwesen im Stil der Comicfiguren aus den japanischen Mangas. Spätestens mit dem ersten Bewerbungsgespräch aber verwandeln sich die Fantasiegestalten zurück in normale Mädchen.

Verkäufer entscheiden wer kaufen darf

"So verrückt die Modewelt auch ist, alles findet im Rahmen der streng organisierten japanischen Gesellschaft statt", sagt Gene Krell, internationaler Modedirektor der Zeitschrift "Vogue". Der 60-jährige Amerikaner mit Boxernase und langen Haaren kam vor 40 Jahren zum ersten Mal nach Tokio, irgendwann zog er ganz hierher. Er besaß damals in London den Szeneladen "Granny Takes a Trip", wo auch die Beatles und Jimi Hendrix einkauften. Heute ist Krell einer der wichtigsten Stil- und Modeexperten Japans. Das alte Kaiserreich war schon in den Sechzigern modehungrig - auch wenn niemand die Trends aus dem Westen verstand. "Ich habe sogar Männer in Miniröcken gesehen! Alle experimentierten. Westliche Kleidung war für die Japaner ein Kostüm, bei dem sie zwischen den Geschlechtern keinen Unterschied machten", sagt Krell. Noch heute werden die Ideen bis in die Extreme getrieben. Es ist genau der kreative Wahnsinn, den die Modeindustrie so liebt.

1993 gründete der Designer und Musiker Nigo die ultracoole Marke "A Bathing Ape" ("Ein badender Affe"). Bekannt wurde "Ape" nicht nur wegen des schrillen Designs mit dem grinsenden Affenkopf. Es war vor allem die verrückte Werbestrategie, die Nigo zum Erfolg verhalf: Jeder Kunde durfte anfangs nur ein Kleidungsstück und nur in seiner eigenen Größe kaufen. Wer den Verkäufern zu uncool erschien, wurde weggeschickt. Alle wollten Ape. Inzwischen hat die junge Firma Geschäfte in London und New York. Auch andere Trendmarken aus Japan erobern die Modewelt. Und immer mehr westliche Firmen vergeben Aufträge an die schrägen Designer aus Tokio. Puma beauftragte Yasuhiro Mihara mit der Gestaltung einer Freizeitschuhserie. Der sagt, die Idee zur neuen Kollektion "MY-23" sei ihm gekommen, als er einen Zombiefilm gesehen habe.

Tokio ist die modischste Stadt der Welt

Auch in anderen Bereichen gibt Japan die Richtung vor. Spitzenkoch Joël Robuchon hat sein Restaurant vom Eiffelturm in den Tokioter Mori Tower verlegt. Kürzlich folgte ihm der englische Starkoch Gordon Ramsay. In den Bereichen Produktdesign und Architektur spielt Tokio schon lange in der Weltliga.

Mode-Ikone Gene Krell ist sicher, dass er für immer in Japan bleiben wird. Auch wenn er nach 40 Jahren noch oft das Gefühl hat, dieses Land in seinen Extremen nicht ganz zu verstehen. "Manchmal schalte ich den Fernseher an, und da hängt jemand kopfüber im Bild und putzt sich die Zähne mit Chilipulver", sagt er. Dann lehnt er sich zurück und denkt einen Moment nach. "So ist Tokio. Die modischste Stadt der Welt", sagt er. Wahrscheinlich wird aus dem Chilipulver einmal ein Welttrend.

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