Vintage Couture. Container-Kollektion


Von wegen Altkleidersammlung! Hier sehen Sie gebrauchte Stoffe - und dennoch aktuelle Mode. Der Trend heißt Vintage Couture. Judith Rosmair vom Hamburger Thalia-Theater präsentiert Entwürfe der besten Recycling-Designer.

Ein Stück von Ketchup & Majo, bitte! Wer jetzt an Heißes und Fettiges aus der Frittenschmiede denkt, liegt falsch. Ein Faible für rote und weiße Streifen brachte Janina Meyer auf die Idee, ihrem Label diesen schrägen Namen zu geben. So ungewöhnlich wie der ist auch ihre Mode. Denn die Frankfurterin gehört zu einer Gruppe von deutschen Designern, die aus alten Kleidungsstücken und Gebrauchsgegenständen aktuelle Klamotten fertigen - so genannte Vintage Couture. Dabei verwertet Meyer ausrangierte Bettwäsche ebenso gern wie Flugzeugdecken und verwandelt die gebrauchten, aber unversehrten Stoffe in Kleider, Röcke oder T-Shirts. Ihre Entwürfe mit Comic- und Märchenfiguren wie Heidi und Schneewittchen wecken nostalgische Kindheitserinnerungen, und jedes Stück ist ein unverwechselbares Unikat.

In Hollywood tragen Stars

wie Julia Roberts und Renée Zellweger schon seit einigen Jahren immer mal wieder Couture-Kleider aus den 80ern. In diesen noblen Secondhand-Roben ist die Gefahr gering, sich mit der Rivalin im gleichen, aktuellen Designerdress das Blitzlichtgewitter teilen zu müssen. Und was schon bei der Oscar-Verleihung in Los Angeles für Furore sorgt, kann bei Filmpremieren in Berlin, Hamburg oder München erst recht nicht verkehrt sein. Allerdings ist originelle Vintage-Ware hierzulande noch rar, dafür aber wächst die Zahl der Modemacher, die den Trend zum Secondhand kreativ weiterdrehen. Wie die Remixer in der Musikbranche bringen sie Bewährtes aus vergangenen Jahrzehnten in einen neuen modischen Kontext. Alt und neu verschmilzt zu zeitgemäßem Glamour.

Die Stoffe, aus denen das Recyclingsdesign entsteht, finden die Modemacher vorwiegend auf Flohmärkten. "Wer heute cool und trendy sein will, trägt nicht den Designer-Komplett-Look", sagt Viola B. Haderlein aus Berlin, "gerade die ungewöhnliche Mischung aus Edlem, Günstigem, Gebrauchtem und Modernem macht guten Stil aus." Unter dem Namen Viola Bruni - "Unique Vintage Couture" - fertigt sie Röcke aus bunten Krawatten, Seidentüchern oder auch mal alten Wandteppichen mit röhrendem Hirsch. Ihre Zielgruppe: modebewusste Frauen, die sich nicht über Marken definieren, sondern originelle Teile abseits des Mainstreams schätzen.

Der besondere Reiz der recycelten Modestücke - da sind sich Designer und ihre Kunden einig - liegt oftmals im emotionalen Zusatzwert der Materialien. Tina Timmers-Struwe beispielsweise hat ein Faible für alte Tischdecken. "Ich habe Respekt vor ihrer Vergangenheit, vor dem, was sie erzählen könnten. Denn schließlich wurde an ihnen gegessen, geredet, gelacht oder kurz gesagt: einfach gelebt." Unter dem Label "menue =" verarbeitet sie in ihrem Hamburger Atelier die bestickten oder bedruckten Tücher zu Mänteln, Kleidern oder Kostümen, wobei stets auch aktuelle Materialien wie Tweed oder Spitze Verwendung finden.

Selbst Stoffreste

kommen noch zum Einsatz: Mit Satin wird ein alter Pelzkragen aufgepeppt oder aus Jeansschichten eine Blütenbrosche kreiert. Manchmal blitzt die Vergangenheit auch nur aus Tascheneingriffen, Bundbelegen oder Rockfalten hervor; je subtiler ihr Einsatz, desto größer ist oft die Wirkung der alten Stoffe. Inzwischen achte sie darauf, sagt Timmers-Struwe, dass sie sich ihre Begeisterung nicht mehr so offensichtlich anmerken lässt, wenn sie auf Flohmärkten fündig wird. Manch ältere Trödlerin habe sich als knallharte Geschäftsfrau entpuppt, als es um die Preisverhandlung für die Liebhaberstücke ging. Suchen, finden, feilschen - das machen nicht mehr nur diejenigen, die sich das Designer-Original nicht leisten können. Selbst Stilikonen wie Kate Moss oder Sienna Miller, demnächst wohl Gattin von Jude Law, sind seit Jahren bekennende Vintage-Jüngerinnen, die ihre Hippie-Kleidchen und unzählige Accessoires auf Flohmärkten finden.

Vintage ist Trend und Secondhand nicht länger das Synonym für Motten-Mief von Altkleidersammlungen. Diese Erkenntnis ist mittlerweile auch beim Bekleidungsriesen H&M angekommen. In München und Berlin hängen neuerdings neben der regulären Neuware, fein aufgebügelt, gebrauchte T-Shirts und Hemden. "Vintage to go" sozusagen - Individualität für Faule. Designerin Petra Beeking alias "Paul's Schwester" findet's nicht so klasse. "Warum muss eine originelle Modebewegung sofort kommerzialisiert werden?", sagt die Münchnerin ärgerlich und verweist auf ihre eigenen Unikate, deren Stoffe oft ungewöhnlicher Herkunft sind. Aus einer alten Wolldecke aus dem Bestand der deutschen Bundeswehr wurde bei ihr eine kuschelige Jacke mit dem Aufdruck "Bundeseigentum".

Aussagekräftige Prints

stehen auch bei "Elternhaus Maegde & Knechte" aus Hamburg im Vordergrund. Die kreative Gruppe, die als Pionier der Vintage-Couture in Deutschland gilt, sieht das Textil als reines Transportmittel für ihre Botschaften. In gleich bleibender Typografie zieren dort Zeilen wie "Helden im Chaos", "ruhig mal heulen e.V." oder simpel "Brot" den Stoff. Zu dem Label gehören zehn Partner, die sich weniger als klassische Modedesigner, sondern mehr als Visionäre sehen. Ihre Sinnsprüche findet man auf Hemden und Jacken, dazu auch auf zahlreichen Alltagsgegenständen, von der Seife bis zur Kerze. 100 Meter von ihrem Laden entfernt liegt das "Atelier für Frottier" von Andreas Linzner. Der gelernte Herrenschneider hat das wohl auffälligste Schaufenster im Hamburger Karoviertel.

Und das schönste. Eine ganze Herde von Stofftieren in bunten Farben und Dessins steht dort, allesamt aus Linzners Lieblingsmaterial: Retro-Frottee. Aus alter Schlingenware im 60er- und 70er-Jahre-Look fertigt er inzwischen auch Kleidung und Accessoires, sein Kuschelzoo bleibt aber ganz klar im Mittelpunkt. "Eine Kundin hat gerade ihren elften Elefanten gekauft", erzählt Linzner stolz. Denn bei so viel Liebe zum Detail kann bei einem einfach nicht Schluss sein.

Cathrin Dobelmann print

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