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Klassiker mit Jubiläumsausgabe: Bravo Hits 100: Kein Wunder, dass wir gerade alle ganz nostalgisch werden

Wir sind mit den Samplern aufgewachsen und so manches Kind der Neunziger kann es wahrscheinlich kaum glauben, aber: Die "Bravo Hits" gibt's immer noch - aktuell in der 100. Ausgabe. Der Versuch einer Erklärung des Phänomens.

Bravo Hits Cover

Cover-Art: Die erste und die neueste Ausgabe der "Bravo Hits"

100! 100? Ernsthaft?!?

Wenn dieser Tage das Gespräch unter Freunden oder Kollegen auf die Jubiläumsausgabe der "Bravo Hits" kommt, sind die Reaktionen immer gleich: ein verklärtes Lächeln und die Erinnerung an die erste eigene Compilation ("Nr. 10 ... oder 12?! Auf jeden Fall die mit Nana!"), gefolgt von der schockierten Feststellung: "Verdammt, bin ich alt geworden!"

Gerade ist "Bravo Hits 100" erschienen. Seit über 25 Jahren kommt die Compilation nun bereits so verlässlich wie die Jahreszeiten: ein Sampler für den Sommer, einer für den Herbst, einer für den Winter, einer für den Frühling - und dann das Ganze wieder von vorne. Drauf ist stets, was gerade die Hitparade anführt, erzählt Thomas Schenk, Erfinder der Reihe und seinerzeit Marketingchef bei der Plattenfirma Warner, im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Man habe bei der Songauswahl ausschließlich auf die Charts geguckt: "Wer ist da oben?"

Die "Bravo Hits" und der nostalgische Hype

Auf die Frage, was denn einen Bravo-Hit ausmache, antwortet Schenk: "Dass er ein Hit ist. Je näher er an der eins dran ist, desto mehr ist er ein Bravo-Hit." Eigentlich klingt das ziemlich zynisch. Eigentlich ist das ganze Konzept "Bravo Hits" ziemlich zynisch. Warum also der nostalgische Hype um die Reihe – immerhin wird Folge 1 gerade für 97 Euro auf Amazon angeboten, bei Ebay für über 100 Euro gehandelt? Schließlich sprechen wir hier nicht von irgendwelchen raren Vinyl-Perlen von Pink Floyd oder Oasis, sondern von Wegwerf-CDs, die man damals lieber auf Privatpartys geklaut als bei Saturn gekauft hat.

Die Erklärung ist einfach: weil wir Kinder der Neunziger gerne alles romantisieren, sobald wir in Erinnerungen an unsere Kindheit und Jugend schwelgen. Die Zeiten waren damals einfach übersichtlicher, und dafür standen die "Bravo Hits" exemplarisch: Die Sampler waren das Lagerfeuer einer Generation, auf CD gepresst. Es war ausgeschlossen, einer Privatparty beizuwohnen, auf der nicht spätestens zu fortgeschrittener Stunde die aktuelle Ausgabe in den Player gepresst wurde. Weil es so schön bequem war, einerseits.

Andererseits verband die Compilation auf radikale, weil jegliche Genregrenzen sprengende Weise die verschiedenen Geschmäcker. Ältere Semester denken in Erinnerung an ihre alten "Bravo Hits" wahrscheinlich eher an Eurodance-Trash wie "Eins, zwei, Polizei" oder Kirmestechno von Brooklyn Bounce. Tatsächlich gaben sich auf den Doppel-CDs Rapper, Rocker und Boygroups die Klinke in die Hand – und das bedeutete eben nicht nur, dass hier die seltsamen "Ich-höre-gerne-Charts"-Menschen bedient wurden, sondern auch, dass keine Vorliebe ausgegrenzt wurde. Hier war wirklich für jeden irgendwas dabei, für dich und dich und dich und mich. Die "Bravo Hits" war immer die große Disk der Demokratie.

Gibt es das in Zeiten von Spotify und Streaming überhaupt noch? Wohl kaum, können wir doch heute ohne großen Aufwand unsere persönlichen Playlists zusammenstellen, ohne dabei in Berührung zu kommen mit der Musik, die wir nicht mögen. Trotzdem landen die Sampler immer noch an der Spitze der Charts – wenn auch aufgrund des schrumpfenden Marktes mit deutlich niedrigeren Absatzzahlen als in den Neunzigern. Weil der Deutsche nach wie vor "Jäger und Sammler" sei, sagt Thomas Schenk. Und weil viele Leute noch einen CD-Player im Auto hätten: "Da steckt man die 'Bravo Hits' auch ganz schnell und einfach rein."

Heimelige Konstanz in Compilation-Form

Mag sein. Aber vielleicht vermissen wir auch nur ein bisschen mehr Führung im wilden Streaming-Dschungel? Vielleicht sehnen wir uns schlicht nach einer einfacheren Zeit. Einer Zeit, in der wir für unsere Party keine Playlist erstellen mussten, weil die "Bravo Hits" das für uns erledigt hat. Einer Zeit, in der wir viel häufiger im Kollektiv singen konnten, weil ohnehin jeder den Text zu "Breakfast at Tiffany’s" oder "Lemon Tree" kannte – weil diese Songs eben überall liefen. Einer Zeit, deren Jahreszeiten wir heute noch die entsprechenden "Bravo Hits" zuordnen können. Sommer 1995? Die 10 mit Marky Mark und "Ein Bett im Kornfeld". Herbst 1997? Ausgabe 19, da waren Chumbawamba drauf. Frühling 2000? Nummer 28, "Join Me" und "Sexbomb".

Kein Wunder, dass uns diese heimelige Konstanz in Compilation-Form heutzutage ein bisschen abgeht. Meine erste "Bravo Hits" war damals übrigens Folge 8 – die mit "Everybody" von DJ Bobo. Meine letzte war Folge 18 – die mit "Everybody" von den Backstreet Boys.

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