HOME
Interview

Zukunftsvision: Forscherin erklärt, ob die Netflix-Serie "Black Mirror" realistisch ist

Als der Hype um die Netflix-Serie "Black Mirror" begann, fragten sich viele Zuschauer: Sind die Dystopien wirklich realistisch? Wir haben eine Zukunftsforscherin um Antworten gebeten – und blicken jetzt ein bisschen angstvoller auf die kommenden Jahre. 

Wie realistisch sind die Innovationen aus der Netflix-Serie "Black Mirror"?

"Black Mirror" Staffel 1, Episode 3: "Das transparente Ich"

Menschen können sich Implantate einpflanzen lassen, die es ermöglichen, Erinnerungen zu speichern und sie vor dem inneren Auge oder auf einem Bildschirm abzuspielen, um sie mit anderen zu teilen. Frage: Ist es möglich, Erinnerungen abzuspeichern und zu teilen?


Lena Papasabbas: Tendenziell nein. Auf jeden Fall nicht in der Form, wie das dort verkauft wird. In der Folge können die Menschen die ganze Zeit switchen von Gehirn auf Bildschirm. Die Erinnerungen werden wie Dateien dargestellt, die man einfach abrufen kann. So funktioniert das Gehirn aber nicht. Es ist kein Computer. Deswegen gibt es auch nicht solche Schnittstellen. Zum einen ist das technologisch nicht möglich – aber das liegt nicht nur an der fehlenden Technologie oder daran, dass man eigentlich unglaublich viel Rechenleistung bräuchte für das, was das Gehirn leistet –, sondern daran, dass das Gehirn das komplexeste Ding im Universum ist und aus Hundertmilliarden Nervenzellen besteht. Und obwohl man sich seit Jahrzehnten intensiv damit beschäftigt, weiß eigentlich niemand genau, wie es funktioniert. Das Gehirn ist immer noch zum größten Teil eine Blackbox. Deswegen ist es aktuell noch sehr unrealistisch, so eine Schnittstelle zu entwickeln. Biologische und digitale Informationen sind zwei völlig verschiedene Welten. Die kann man nicht einfach miteinander verbinden.

Dazu kommt, dass Erinnerungen nicht wie Filme funktionieren, sondern total subjektiv sind. Sie haben einen hohen Anteil an Fiktion. Allein die Wahrnehmung von Geschehnissen ist sehr individuell. Zwei Menschen können Dasselbe erleben, aber die Situation ganz anders wahrnehmen. Und wenn es dann zur Erinnerung der Wahrnehmung kommt, wird es richtig tricky. Man kann Leuten sogar Pseudo-Erinnerungen einpflanzen. Studien haben gezeigt, dass es ziemlich einfach ist, Menschen davon zu überzeugen, bestimmte Kindheitserinnerungen gemacht zu haben. 

Es gibt einfach keine fixen Dateien, die unverändert irgendwo im Gehirn abliegen.

Seit Folge eins (die zugegeben ziemlich eklig war) bin ich Fan von "Black Mirror". Ein Premierminister, der dazu gezwungen wird, mit einem Schwein zu ... ähm, verkehren, konnte mich nicht davon abschrecken, die ganze Staffel innerhalb eines Tages wegzubingen. Und die nächste Staffel. Und die nächste. Und das Special. Und den interaktiven Film. Und die semi-gute neue Staffel inklusive Miley Cyrus. Ich freue mich jedes Mal wieder auf die neuen Ideen der Drehbuchautoren – auch wenn ich regelmäßig nach dem Schauen ziemlich verstört bin und mich frage: Wie realistisch sind diese düsteren Zukunftsvisionen eigentlich? Müssen wir Angst vor der Zukunft haben? Und: Wie zur Hölle kommt man auf solche Ideen?! 

Wie realistisch ist die Netflix-Serie "Black Mirror"?

Auf der Suche nach Antworten habe ich mich mit der Kulturanthropologin und Zukunftsforscherin Lena Papasabbas zum Telefon-Interview verabredet. Sie arbeitet beim Zukunftsinstitut in Frankfurt. Aus jeder der fünf Staffeln "Black Mirror" habe ich mir eine Folge, die ich damals beim Schauen besonders spannend fand, herausgesucht und Lena gefragt: Wie realistisch ist das eigentlich? Ihre (teilweise erschreckenden) Antworten findet ihr in der Fotostrecke.