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Meinung

Comedy-Meisterwerk: "Fleabag": So großartig ist die Serie, die bei den Emmys abgeräumt hat

Die britische Serie "Fleabag" zählt zu den großen Gewinnern der diesjährigen Emmy-Verleihung. Für Fans der Show und ihrer Macherin Phoebe Waller-Bridge kommt das wenig überraschend. Eine Verneigung.

Fleabag Trailer

Eigentlich dürfte ich diesen Text nicht schreiben. Weil er von "Fleabag" handelt. Ich liebe "Fleabag". Mir fehlt also komplett die kritische Distanz. Andererseits: Jeder, der "Fleabag" gesehen hat, liebt "Fleabag". Was theoretisch bedeutet, dass niemand von ihrem Zauber berichten dürfte. Und das kann ja wohl auch nicht die Lösung sein.

Kurz die schnöden Fakten: "Fleabag" war ursprünglich ein Solo-Theaterstück der Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin Phoebe Waller-Bridge, die ihr Meisterwerk schließlich als Dramedyserie für die BBC adaptierte. Zunächst war nur eine Staffel geplant. Diese geriet großartig, und Waller-Bridge schob eine noch bessere zweite Season nach. Anschließend erklärte sie das Projekt für beendet.

Fleabag: Brett Gelman und Phoebe Waller-Bridge

Die schönsten Seitenblicke der Fernsehgeschichte: Brett Gelman und Phoebe Waller-Bridge in "Fleabag"

Picture Alliance

"Fleabag" zwischen Zynismus und Empathie

Das ist schade, aber vor allem schlau, denn auf diese Weise wird "Fleabag" immer die Sensation bleiben, als die sie zurzeit wahrgenommen wird: eine Show über eine Frau, die zwischen Trauer und Wut, Sexsucht und Selbsthass hin- und hergerissen ist, die eine komplizierte Beziehung zu ihrer Schwester pflegt und die sich in ihrem Alltag als Café-Betreiberin in London aufreibt. Eine Show, so gut, dass sich Kollegen wie Ryan Reynolds gar wünschen, sie hätten sie nie gesehen. Eben einschüchternd gut.

Phoebe Waller-Bridge gibt die von ihr entworfene Figur Fleabag ohne Rücksicht auf Verluste. Die 34-Jährige changiert filigran zwischen Zynismus und Empathie, wie alle Protagonisten der Serie ist sie ein komplexer Charakter, der zwar mit jeder Menge Nihilismus auf die Welt blickt, aber trotzdem seine Glücksmomente findet in diesem leidigen Leben.

Immer wieder durchbricht Fleabag die vierte Wand und spricht direkt zum Zuschauer – eigentlich ein abgedroschener Move, der hier aber verdammt gut funktioniert, was auch an den Seitenblicken von Waller-Bridge liegt, die zu den schönsten der Fernsehgeschichte gezählt werden müssen.

Der Zuschauer wird auf diese Weise zu Fleabags Freund, weil Waller-Bridge in ihrem Durchblickermodus unwiderstehlich ist, was dazu führt, dass in den sozialen Medien immer wieder Menschen behaupten, Fleabag würde sich ausschließlich und höchstpersönlich an sie wenden, was aber natürlich Quatsch ist, denn Fleabag wendet sich natürlich ausschließlich und höchstpersönlich an MICH.

Davon abgesehen ist "Fleabag" eine dreckige, leicht perverse und trotzdem immer hoffnungsvolle Serie, nach der sich, wenig überraschend, ein ganzer TV- und Streamingmarkt die Finger leckt, weil sie eben diese perfekt-unperfekte Frauenfigur, die schon mal neben ihrem Freund im Bett liegt und zu einer Rede von Barack Obama masturbiert, etabliert.

Schau dir die Dankesrede von "Fleabag"-Macherin Phoebe Waller-Bridge im Video an: 

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Was Phoebe Waller-Bridge an Fleabag liebt

Tatsächlich wird es dem Werk aber nicht gerecht, es bloß auf seine (unbestritten herausragenden) feministischen Werte zu reduzieren, denn so befreiend Fleabags Fokus scheint, so limitierend ist er doch, wie "The Atlantic" bemängelt: "Warum sollte das alles nur für Mädchen sein? Warum kann die Kunst einer Frau nicht universell sein, auf die gleiche Weise wie 'Portnoys Beschwerden', diese Masturbationsodyssee, ein großer amerikanischer Roman ist und kein großer amerikanischer Männerroman?"

Word. Tatsächlich ist "Fleabag" nicht nur eine großartige Frauenserie, sondern schlicht eine großartige Serie. Was ihr am besten gefalle, hat Waller-Bridge einmal im Interview mit "The Cut" gesagt, sei Fleabags Allwissenheit über Sex und ihre Gabe, immer einen Schritt weiter zu sein und zu wissen, was die Typen denken, bevor sie es selbst denken – und ihnen dabei trotzdem immer leicht dämlich vorzugaukeln, es nicht zu wissen.

Theoretisch habe ich deshalb auch sehr laut und sehr häufig über mich und meine eigenen Macken gelacht. Aber praktisch waren es natürlich die einzigen Momente, in denen Fleabag sich NICHT ausschließlich und höchstpersönlich an mich gewendet hat.