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Einer gegen alle

Todsünde für Serienjunkies: Ich gucke alle Serien auf Deutsch – und schäme mich nicht dafür

Beim Smalltalk über Netflix, Amazon Prime und sonstigen Streamingdiensten wird gerne damit geprahlt, dass man alle Serien im Original gucke. Unsere Autorin gibt ganz offen zu: Sie schaut alle Serien mit deutscher Synchronisation – und eckt damit oft an.

Deutsche Synchronisation: Ich gucke Serien und Filme nicht im Original

Unsere Autorin schaut alle Serien auf Deutsch – deswegen kennt sie die Original-Stimme von Walter White auch nicht

"Du musst das unbedingt im Original gucken! Auf Deutsch kommen die brillianten Dialoge überhaupt nicht rüber! Und die Witze erst!" Ist man an einem Gespräch über Streaming auf Netflix, Amazon Prime, und wie sie alle heißen, beteiligt, findet sich garantiert immer jemand in der Runde, der damit prahlt, Serien und Filme nur mit Originalton zu schauen. Die deutsche Synchronfassung scheint bei selbsternannten Serienexperten als Todsünde zu gelten.

Wenn ich dann sage, dass ich immer alles auf Deutsch gucke, weil es mir sonst zu anstrengend ist, werde ich meistens angeschaut, als hätte ich gerade gesagt, dass ich "Queer Eye" nicht mag. Und das wäre tatsächlich eine Todsünde! ("Queer Eye" ist übrigens die einzige Serie, die ich tatsächlich auf Englisch gucke, weil die deutschen Stimmen eine Zumutung sind.)

Serien im Original zu schauen, scheint in unserer heutigen Zeit ein Zeichen von Intellekt zu sein. Generell haben wir Deutschen ein Problem mit Englisch, das auf der Welt ziemlich einzigartig ist: Wir schämen uns, wenn man unseren deutschen Akzent hört. Oder lachen andere dafür aus, wenn sie das "th" falsch aussprechen. Beim Telefonat mit dem englischen Kunden verlassen wir das Büro und stammeln vor uns hin, weil wir Angst haben, die Kollegen könnten uns verurteilen. Auf Partys trinken wir uns Mut an, damit wir beim englischen Smalltalk mit dem Erasmus-Studenten aus Spanien vergessen, dass wir eigentlich immer so klingen wollen wie ein Muttersprachler.

Deutsche Synchronsprecher sind toll

Wir haben in Deutschland so viele tolle Synchronsprecher und eine sehr gute Synchronisationskultur – warum wird das so wenig wertgeschätzt? Habt ihr schonmal synchronisierte Filme in anderen Ländern geschaut? Da wird manchmal jeder Charakter vom selben Sprecher gesprochen (und nein, die sind nicht so talentiert wie Rufus Beck). Oder es wird einfach über die Originaltonspur gesprochen, so dass man beides hört (wie bei den trashigen Ami-Auktionssendungen auf DMAX). In Deutschland wird penibel darauf geachtet, dass trotz anderer Sprache die Lippenbewegungen einigermaßen synchron sind. Da geben sich Menschen wirklich viel Mühe, sprechen hundertmal den selben Satz ein und versetzen sich in eine Rolle, die sie nur vor einem Mikro ausleben dürfen. Diese Arbeit braucht mehr Support!

Was eine gute Synchronisation ausmachen kann, habe ich zum ersten Mal bei "O.C. California" gemerkt. Jede Folge habe ich damals auf Deutsch im Fernsehen gesehen, mir Jahre später aber trotzdem noch die komplette Serie auf DVD gekauft. Und natürlich habe ich mich gefragt, wie die Schauspieler in echt klingen. Die Antwort: enttäuschend. Es kann an meinen Teenie-Ohren gelegen haben, aber für mich klang jede Stimme gleich. In der deutschen Fassung hatte jede Figur eine sehr individuelle Klangfarbe, die perfekt zum Charakter passte. Besser als im Original, wie ich fand. 

Serien auf Englisch gucken ist mir zu anstrengend

Seien wir mal ehrlich: Englisch ist anstrengend. Beim Bingen will ich mich entspannen – und nicht zurückspulen müssen, weil ich nur die Hälfte verstanden habe. Und: Untertitel nerven. SO. SEHR. Wer kann sich auf die Handlung konzentrieren, wenn unten die ganze Zeit Text hin und her hüpft?! Ich nicht. Und ich stehe dazu. Lasst uns aufhören, uns über so nichtige Dinge wie Sprachkenntnisse zu definieren. Das ist nicht intellektuell, sondern elitär. Nicht jeder konnte sich in der zehnten Klasse ein Austauschjahr leisten oder im Ausland studieren. Es gibt genug Leute, die aus verschiedensten Gründen nur schlecht oder gar kein Englisch sprechen können. Und was ist so schlimm an einem Akzent? Beim spanischen Erasmus-Studenten finden wir ihn doch auch süß. Und das sollten wir übrigens nicht nur bei Europäern so sehen – es ist immer schön, wenn jemand versucht, eine andere Sprache zu lernen. 

Deutsche Synchronisation: Ich gucke Serien und Filme nicht im Original

Eleven heißt in der deutschen Fassung von "Stranger Things" Elfie

Mein Englisch ist nicht perfekt, ich habe keine Ahnung wie sich Bryan Cranston alias Walter White anhört, für mich heißt Eleven aus "Stranger Things" Elfie (ich finde den Namen super-süß!) und mir macht es nichts aus, wenn ein Wortspiel in der Übersetzung mal nicht so gut rüberkommt. Das ist doch der Vorteil von Streaming: Ich kann die Sprache mitten in der Szene einfach ändern, nochmal zurückspulen und mir die Stelle im Original anhören. Könnte allerdings sein, dass ich den Witz trotzdem nicht verstehe.

PS. Guckt euch "Queer Eye" bitte wirklich nicht in der deutschen Fassung an! Dann lieber Untertitel ...