HOME

"Familiye" im Kino: Warum Moritz Bleibtreu in einen Gangster-Film von der Straße investiert

Moritz Bleibtreu hat einen Film produziert, von dem er sagt: "Mehr Kino geht nicht!". Über einen Gangster-Film, der direkt von der Straße auf die Leinwand kommt.

Kinotrailer: "Familiye": Gewalt, Liebe und Kriminalität halten diese Brüder zusammen

Dass dieser Film jetzt in den Kinos läuft, damit konnte eigentlich niemand rechnen. Schon gar nicht diejenigen, die jahrelang daran gearbeitet haben: Die Deutschkurden Kubilay Sarikaya und Sedat Kirtan schlugen sich als Streetworker und Türsteher durch, doch sie hatten diesen Traum vom Filmemachen. Also sparten sie eisern auf Kameras, gründeten eine Produktionsfirma, schrieben ein Drehbuch, engagierten Kumpels aus ihrem Kiez in Berlin Spandau und legten los. "Familiye" heißt ihr Werk - eine Milieustudie, ein Familiendrama, ein Gangster-Film ist es geworden. Ein Film von der Straße über die Straße für die Straße. (Den Trailer seht ihr oben im Video.) Und genau da kommt ins Spiel.

"Als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, konnte ich kaum glauben, dass die Leute das vorbei an jeglichen Finanzstrukturen realisiert hatten. Ich hab mich sofort in das Ding verliebt und gedacht: Mehr Kino geht nicht!", schwärmt er. Und weil Bleibtreu nicht nur Schauspieler, sondern auch Produzent ist, griff er zu und produzierte das Ganze einfach mit. Es war das entscheidende Quäntchen Glück für Sarikaya und Kirtan. Mittlerweile hat "Familiye" sogar den Publikumspreis beim Filmfest in Oldenburg gewonnen. Nur: Wie kriegt man einen Moritz Bleibtreu dazu, bei einem Debütfilm von der Straße einzusteigen? NEON hat bei dem Schauspieler nachgefragt.

1. Private Empfehlung: Der Rapper Xatar kannte die Jungs aus Spandau - und Bleibtreu

"Xatar und ich sind gut befreundet und ticken ähnlich. Da war mir klar, dass das interessant ist. Er spielt ja eine wichtige Rolle im Film und hatte auch eigenes Interesse daran, das zu verwirklichen", sagt Bleibtreu. Er und Xatar sind seit den Dreharbeiten zu "Nur Gott kann mich richten" befreundet. Dass der Rapper schon wegen Raub und Körperverletzung im Knast saß, interessiert Bleibtreu übrigens nicht. "Ich will nicht wissen, mit wie vielen Film-Geschäftsführern ich schon essen war, die drei Mal so viel auf dem Kerbholz haben wie Xatar. Der Mann hat seine Strafe gebüßt und ist wieder integriert in unsere Gesellschaft – und wie schön! Er macht Musik in deutscher Sprache. Goethe wäre stolz."

2. Nostalgie: "Familiye" ging Bleibtreu ans Herz

"Der Film hat mich an Zeiten erinnert, in denen ich selbst von nix Ahnung hatte und wie sich das angefühlt hat", sagt Bleibtreu. "Dieser Enthusiasmus mit dem man etwas macht, von dem man eigentlich keine Ahnung hat. Das ist großartig und das macht den Film aus." Außerdem kennt Bleibtreu das beschriebene Milieu: Im Alter von acht Jahren zog er mit seiner Mutter von einer bürgerlichen Gegend ins Rotlichtviertel von Hamburg. "Wenn man da aufwächst, assimiliert man sich natürlich auch. Genau dieser Gegensatz macht mich aus: Ich bin von einer intellektuellen Mutter aufgezogen worden, mit einer großen Offenheit und viel Kunstverstand. Aber umgeben haben mich meine Kindheit lang eher die '4 Blocks'."

Andererseits habe sein Leben heute damit nichts mehr zu tun. "Ich könnte meinem Sohn den Begriff 'Ehre', wie ich ihn gelernt habe, gar nicht mehr erklären. Ich wüsste nicht wie, weil sein Umfeld das gar nicht hergibt. Die Ehre der Straße beinhaltet, dass du nicht viel hast und deshalb dein Wort das Einzige ist, was zählt. Und dass dein Wort deshalb etwas bedeutet, wie es für ein bürgerliches Stadtkind nicht der Fall ist."

3. Lukratives Geschäft: Nach dem Erfolg von "4 Blocks" und Deutschrap ist die Zeit reif für das Gangster-Genre

"Es ist jetzt auf einmal ein Markt da, für den man über urbane Subkulturen erzählen kann. Das Problem war lange, dass man über diese Kultur erzählt hat - aber nicht mit und für sie. Das haben wir 2008 mit 'Chiko' erstmals gemacht. Jetzt haben die Geschichten aus dem Milieu Erfolg. Vor zehn Jahren hab ich einen Film mit Bushido gemacht, da haben die Leute mir noch Eier an den Kopf geworfen. Dass sie jetzt zuhören, liegt am deutschen Hip Hop", erklärt Bleibtreu. Denn das hörten eben nicht mehr nur die Rapper aus der Hood. "Geh mal in einen Club und schau das Rap-Publikum an. Da sind auch die braven Jungs aus Blankenese, die im Poloshirt dastehen und Haftbefehl hören. Genau da fällt 'Familiye' rein, mit einem künstlerischen Anspruch, den es noch nie gab. Ich freu mich über jedes Genre, das in Deutschland neu funktioniert."

"Familiye" läuft ab dem 3. Mai in den deutschen Kinos

Familiye

Kubilay Sarikaya, Moritz Bleibtreu und Sedat Kirtan bei der Premiere von "Familiye" in Berlin diese Woche