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Interview

"4 Blocks"-Regisseur Marvin Kren: "Die Straße ist die beste Schauspielschule"

Marvin Kren, Regisseur der TV-Serie "4 Blocks", über die Unterwelt Berlin-Neuköllns, fliegende Sessel während der Dreharbeiten und die neue Radikalität beim Erzählen deutscher Geschichten.

4 Blocks

Toni (Kida Khodr Ramadan) will aus dem Drogengeschäft aussteigen, aber sein alter Freund Vince (Frederick Lau) ist in Geldnot. Tonis Bruder Abbas (Veysel Gelin) traut Vince nicht.

Herr Kren, Sie sind Österreicher und leben in Wien. Wie haben Sie sich die arabisch-türkische Welt Neuköllns erschlossen, in der Ihre Serie "4 Blocks" spielt?
Ich bin im 16. Bezirk in Wien aufgewachsen, auch da gibt es einen hohen Ausländeranteil – also ganz fremd war mir dieses Milieu nicht. Aber es stimmt schon: In die Unter- und Schattenwelt, die ich schildern wollte, musste ich mich vortasten. Kida Khodr Ramadan, mein Hauptdarsteller, hat mir viele Türen geöffnet. Er ist libanesischer Kurde, kam in den 80er Jahren als Flüchtling nach Berlin und kennt Neukölln besser als jeder andere.

Sie haben mit vielen Laiendarstellern gearbeitet, mit jungen Männern aus dem Milieu. Haben Sie etwa keine Schauspieler gefunden, die diesen Typen ein Gesicht hätten geben können?
Die Jungs aus den Gangs machen doch seit vielen Jahren nicht anderes, als ihre Rollen als Gangster einzustudieren. Wie man sich bewegt als böser Junge, wie man spricht, wie man schaut, welche kleinen Gesten man drauf haben muss – wie man zum Beispiel im Auto die Fensterscheibe runterkurbelt und lässig den Ellenbogen raushängt. Kein Schauspieler dieser Welt kann das so authentisch und präzise mimen. Die Straße ist die beste überhaupt. Und deshalb sind die Jungs auch die besten Darsteller ihrer selbst.

Diese jungen Männer scheinen alle sehr breitbeinig durchs Leben zu gehen und sehr große Egos zu besitzen – wurden Sie als Regisseur, als Chef, überhaupt akzeptiert?
Am Anfang der Dreharbeiten gab es kurzzeitig mal Stress. Da hat Kida in der Rolle des Toni einen längeren Monolog gehalten. Das war die erste große Szene. Und dann sagt ein Nebendarsteller: "Kida, das war jetzt echt scheiße". Da bin ich durchgedreht. Da habe ich einen Sessel durch den Raum geworfen. Der einzige, der eine Szene bewerten darf, ist der Regisseur – niemand sonst. Wenn jeder mitreden darf, fliegt einem der Film um die Ohren. Dann geht der Fokus komplett verloren.

Nach diesem Vorfall waren die Verhältnisse geklärt?
Es lief dann relativ glatt. Wobei ich das gar nicht meiner Autorität zuschreiben will. Allein die Kamera löst schon Respekt aus am Set. Sie wirkt sehr disziplinierend – alle Darsteller wissen: Wir haben einen Job zu machen. Und alle wollen natürlich gut sein, weil wir ja letztlich ihre Geschichten auf die TV-Bildschirme bringen.

Wobei: Heldengeschichten sind das nicht gerade.
Stimmt. Aber es ist trotzdem eine Chance. Diese Jungs, die sich am Rande der Gesellschaft bewegen, bekommen eine Stimme.

Und sie treten als Künstler in Erscheinung, als Schauspieler in einer großen deutschen TV-Serie.
Ich habe so viele junge talentierte Menschen kennengelernt in Neukölln. Da schlummert ein gewaltiges kreatives Potenzial. Ich hoffe für meine Darsteller, dass es jetzt weitergeht und sie auch in anderen Produktionen mitspielen werden.

Marvin Kren

Marvin Kren, 1980 geboren in Wien, führte Regie bei "4 Blocks". Zuvor machte er mit drei "Tatorten" auf sich aufmerksam.

Sie übernehmen in "4 Blocks" die Perspektive der Verbrecher. Warum haben Sie sich gegen eine Ermittler-Story entschieden, mit Polizisten als Identifikationsfiguren?
Ursprünglich gab es mal Überlegungen, "4 Blocks" ähnlich zu inszenieren wie "Im Angesicht des Verbrechens" (ARD-Serie von Dominik Graf über die Russenmafia, Anmerkung d. Redaktion), als klassische Cop-Geschichte. Aber das haben wir schnell verworfen. Anke Greifeneder, die Verantwortliche von Turner, wollte den Blickwinkel wechseln und die Geschichte aus einer arabischen Familie heraus erzählen. So konnte ich tief eintauchen in das Leben meiner Figuren – ansonsten wäre der Blick auf Neukölln immer der eines Fremden geblieben.

Ihre Serie kann man sich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen kaum vorstellen, so rotzig wie sie erzählt ist.
Wenn man fürs Pay-TV arbeitet, darf man auch mal mutig sein und eine Story gegen den Strich bürsten. Meine Auftraggeber wollten etwas Besonderes, die haben mich geradezu aufgefordert zu einer Radikalität im Erzählen. Ich habe das sehr genossen.

Solch eine Verbeugung finden Ihre Geld- und Auftraggeber sicherlich gut.
Nein, darum geht es mir nicht. Das meine ich ganz ehrlich. Anke Greifeneder hat immer wieder gesagt: Marvin, Du darfst Grenzen ausloten. Nimm keine Rücksicht, auch nicht bei der Darstellung von Sex und Gewalt. Mach Deine Geschichte draus.

Sie entwickeln in "4 Blocks" einen ziemlich schonungslosen, harten Blick auf Verbrecherbiografien. Sie romantisieren nichts, im Gegenteil: Gangster sind Verlierer für Sie.
Ein Gangster macht immer ein emotionales Minusgeschäft. Er fügt anderen Menschen Schmerzen zu, beraubt und betrügt sie oder verkauft ihnen Drogen. Ein Gangster schafft nichts Gutes, er zerstört nur.

Wie hält er das aus?
Zum Beispiel, indem er sich in die Fiktion flüchtet. Die Jungs gucken Filme wie "Boyzs n the Hood" oder Serien wie "Der Pate", viel Mafia-Zeug. Diese Filme sind eine Art Rechtfertigung für ihr Leben, sie geben ihnen Halt und Orientierung. Einer meiner Darsteller kann zum Beispiel die komplette deutsche Synchronfassung vom "Paten" rezitieren, Folge eins bis drei. Die Jungs leben viele Stunden ihres Lebens in einer Filmwelt. Die fühlt sich besser an als das Leben draußen.

Für Ihre Serie haben Sie auch namhafte Schauspieler wie Frederik Lau, Ludwig Trepte und Ronald Zehrfeld für die Besetzung der deutschen Rollen verpflichtet. Wie schwer war es, jemanden wie Zehrfeld zu gewinnen? Er wirkte zuletzt in "Der Staat gegen Fritz Bauer" mit, einer anspruchsvollen und preisgekrönten Nachkriegsgeschichte über einen jüdischen Staatsanwalt.
Ronald war sofort Feuer und Flamme. Der hat mich wenig Mühe gekostet. Es gibt eine große Sehnsucht bei Schauspielern, auch mal ins Extrem zu gehen. Ronald spielt Ruffi, den finsteren Chef eines Rockerklubs, der der arabischen Bande um Toni Gebiete im Drogenhandel streitig machen will.

Glauben Sie, dass "4 Blocks" zum Nachdenken über das eigene Leben führen wird in dem Milieu, das Sie schildern?
Ich weiß nur, dass die Sonnenallee wie leergefegt war, als die erste Folge gesendet wurde. Halb saß in irgendwelchen Shisha-Bars und hat auf gecrackten Receivern "4 Blocks" geschaut. Welche Wirkung meine Serie hinterlässt? Ob sie die Welt ein bisschen besser macht? Keine Ahnung. Die Aufgabe eines Filmemachers ist jedenfalls nicht, einen pädagogisch wertvollen Film zu machen, sondern eine starke, wahrhaftige Geschichte zu erzählen. Ich hoffe, das ist mir gelungen.

"4 Blocks" läuft immer montags um 21 Uhr auf TNT Serie.