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Freizeit: Die edlen Wilden

Juli Zeh, die den Zusammenbruch der DDR als Teenager erlebte, hat nun endlich ihren ersten Gesellschaftsroman vollendet – der in Brandenburg spielt.

Juli Zeh hat ihrenn ersten Gesellschaftsroman veröffentlicht

Juli Zeh hat ihrenn ersten Gesellschaftsroman veröffentlicht

Text: Verena Lugert
Bild: Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Die Handlung

Im brandenburgischen Dörfchen Unterleuten ist man unter Leuten. Und nicht im Elfenbeinturm. Genau das ist das Problem: Großstadtgewächse mit akademisch-alternativem Hintergrund und Berlin-Ennuie ziehen sich ins Brandenburgische zurück, verzückt von den wogenden Wäldern und den niedrigen Immobilienpreisen. Die Städter nennen die Einheimischen die »Unterleutchen« und nehmen sie nur als Statisten vor der ländlichen Kulisse wahr – oder als Edle Wilde. Aber genau das sind sie nicht, müssen die Ex-Großstädter feststellen. »Das Tier hat uns in der Hand. Ich halte das nicht mehr aus«, schreit Jule ihren Professoren-Gatten Gerhard an, während sie ihren brüllenden Säugling zu beruhigen versucht. Seit Tagen verbrennt der Nachbar, »das Tier«, ein echter Unterleutner, Gummireifen auf seinem Grundstück. Wegen dieser toxischen Dämpfe kann das Paar kein Fenster mehr öffnen – und das bei fast vierzig Grad Rekordsommerhitze. Doch nicht nur zwischen Alt und Neu, zwischen Ossis und Wessis, gibt es Zunder, auch durch die alteingesessene Dorfgemeinschaft geht ein tiefer Riss: Es gibt die Wende-Gewinner und die Alt-Kommunisten, die sich vom Leben und von der Gesellschaft betrogen fühlen. Doch dann kommt das Schicksal in Gestalt eines geplanten Windparks ins Dorf geweht und mischt alle Karten und Alliancen neu. Erst sind alle gegen den Park – bis das Dorf erfährt, dass derjenige, der sein Land für die Windräder an die Betreiberfirma verpachtet, jährlich mit sechsstelligen Einnahmen rechnen kann. Aber nur einer wird den Zuschlag bekommen. Aus schwelenden Animositäten wird blutiger Krieg.

Entstehung über zehn Jahre hinweg

»Unterleuten« ist ein grandioser Roman, ein fotorealistisches Bild der deutsch-deutschen Verhältnisse mit dem Tempo und der Spannung eines Thrillers, er ist Juli Zehs erster Gesellschaftsroman und ein ganz großer Wurf.

»Ich habe an die zehn Jahre daran geschrieben, ‚Unterleuten’ ist das Buch, für das ich am längsten gebraucht habe«, sagt Juli Zeh. Sie ist Juristin und Schriftstellerin, bekannt geworden vor fünfzehn Jahren mit dem Roman »Adler und Engel«. Er spielt in der internationalen Juristenszene und der Drogenwelt und wurde in 31 Sprachen übersetzt. Zahlreiche Bücher kamen hinzu. Jetzt hat sie sich der literarischen Königsklasse zugewendet: dem Gesellschaftsroman. Ein Genre, das eine Gesellschaft abbildet, die sich gerade wandelt. Immer geht es um den Einzelnen und wie er ein Kind seiner Zeit ist. Daher drängt sich natürlich die Frage auf, wie aktuell der Roman ist. Hätte Juli Zeh den Roman anders geschrieben, angesichts der momentanen Flüchtlingskrise, die ziemlich sicher auch Unterleuten betreffen würde? »Wenn ich jetzt noch schreiben würde, wäre das ehrlich gesagt furchtbar für mich gewesen. Die Flüchtlingsdebatte ist so prägend für unsere Gesellschaft, dass die unbedingt hineingemusst hätte in ein Buch, das etwas über Deutschland erzählen will. Aber ich weiß nicht, wie ich es eingebaut hätte in die Handlung.« Die Flüchtlinge, auch ein Thema, das Brandenburg betrifft.

Zeh engagiert sich »gegen den Überwachungsstaat«

Juli Zeh lebt mit Mann und zwei Kindern in dem Bundesland, sie kennt die Menschen dort.

Zeh ist wohl die bekannteste deutsche Intellektuelle, die sich seit Jahren juristisch, in Talkshows, essayistisch und als Autorin vehement gegen das einsetzt, was sie als Eingriff in die Freiheit des Einzelnen versteht: Sie wettert gegen die Vorratsdatenspeicherung, gegen biometrische Reisepässe und Fingerabdrücke, gegen den Überwachungsstaat.
»Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren«, so eines der Motti ihrer Bücher; ein altes Benjamin-Franklin-Zitat. Natürlich hat sie, die zum Zeitpunkt des Mauerfalls ein Teenager mit vierzehn Jahren war, ihre politische Meinung auch in »Unterleuten« einfließen lassen. Den Alt-Kommunisten Kron lässt sie wettern: »Zur Zeit der Stasi wurde weniger beobachtet, abgehört, gedroht und gefeuert als heute, und trotzdem nannte sich das neue System Demokratie

Wie die Demokratie funktioniert

Juli Zeh weiß als Juristin und als Tochter von Wolfgang Zeh, dem ehemaligen Direktor beim Deutschen Bundestag, natürlich wie Demokratie funktioniert. Zeh redet und schreibt nicht nur, 2008 reichte sie beispielsweise im Verfassungsgericht eine Beschwerde gegen biometrische Reisepässe ein (der jedoch nicht stattgegeben wurde). Aber ist Zehs Haltung nicht naiv? Der Grund für die Maßnahmen ist ja immerhin die reale Terrorgefahr. Wie würde Juli Zeh jetzt ihre Haltung angesichts der aktuellen Ereignisse bewerten? Ist sie noch auf der Linie von ihrer literarischen Figur Kron, oder hat sich etwas verändert, seit sie das Buch abgeschlossen hat? »Stärker denn je bin ich gegen den Überwachungsstaat«, sagt Zeh im NEON-Interview. »Was uns dazu bringt, von unseren demokratischen Überzeugungen abzuweichen ist Angst, nichts als das.« Überwachung der Bürger lehnt sie strikt ab. Analysieren, nüchtern abwägen, jedem eine Stimme geben: so funktioniert die Demokratie, so funktioniert auch Juli Zehs Erzählweise in »Unterleuten«, diesem Roman, in dem sie ohne Wertung auf die wuselnden Unterleutner schaut, die sich so abmühen und von ihren Überzeugungen getrieben ins eigene Unglück rennen. Niemand macht ja absichtlich etwas falsch, jeder handelt seinen Werten gemäß, jeder Unterleutner verfolgt seine Ziele, die per se gar nicht so böse sind. Und immer, wenn man sich dann ganz vorurteilsfrei hinein begibt in den Kopf eines Bürgers – dann wird auch klar, warum das Zusammenleben einiger Individuen an einem Ort so viel Stoff für eine Tragödie bereithält. Wunderbare Literatur, von der man nach 640 Seiten nicht genug hat. Jetzt wünscht man sich einen Band zwei herbei: Vielleicht mit einem Unterleuten, das ein Flüchtlingsheim bekommt.

Tag der Demokratie: In diesen Staaten hat das Volk gar nichts zu melden