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Freizeit: Mein Lebenswerk: Lars Eidinger

Alle hingen sie als Poster in meinem Kinderzimmer: a-ha, Prince, David Bowie. Ich bin ein Kind der 80er Jahre und damit extrem von Pop geprägt, dem Kult um die perfekte Oberfläche. Unter all diesen Helden der Popkultur erstrahlte einer am hellsten: Michael Jackson.

Schauspieler Lars Eidinger

Schauspieler Lars Eidinger trägt sein Idol auf dem T-Shirt

Text: Esther Göbel 

Lars Eidinger über das Idol seiner Jugend

Er war der Größte, der King of Pop, mein King of Pop.

Ich muss etwa sechs Jahre alt gewesen sein, als er mir zum ersten Mal begegnete. Mein Vater hatte mir eine Apparatur gebaut, mit der ich Lieder aus dem Fernsehen mitschneiden und auf eine Musikkassette aufnehmen konnte.

So saß ich in unserem abgedunkelten Gästezimmer in Berlin-Tempelhof, einen Kopfhörerstecker im Ohr, den Ghettoblaster zum Aufnehmen auf dem Schoß.

Im Fernsehen lief MTV auf Englisch, ich verstand kein Wort und versuchte angestrengt, das nächste Lied vorauszuahnen, um im richtigen Moment die Aufnahmetaste zu drücken. Irgendwann lief „Thriller“. Es war der allererste Song, den ich von Michael Jackson hörte und als Video sah. Ich gruselte mich schrecklich, war aber gleichzeitig total fasziniert. Von den vielen Effekten, die ich nicht verstand, von der Art der Bewegungen, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte, von Michael Jacksons roter Lederjacke, der zu kurzen Hose, den weißen Strümpfen. Seine ganze Erscheinung hatte für mich etwas Übermenschliches.

Ab diesem Zeitpunkt war ich Fan und wollte unbedingt selbst berühmt werden. Weil ich dachte, Michael Jacksons Erfolg müsse das absolute Glück bedeuten. So glücklich wollte ich auch werden. Dass ausgerechnet er, der den Thron des Pop bestiegen und damit das Versprechen von Perfektion nach außen erfüllt hatte, ein furchtbar einsamer Mensch gewesen sein muss, verstand ich erst später. Heute denke ich, Michael Jackson war der personifizierte Widerspruch: Pop hat ihn berühmt gemacht – und letztlich zu Fall gebracht. Er hatte schwere Schlafstörungen, nahm jahrelang Schmerzmittel und starb schließlich an einer Überdosis davon.

Das Gefühl auf der Bühne

Mittlerweile bin ich selbst bekannt und habe verstanden: Ruhm macht nicht glücklich. Mir verschafft nicht der Erfolg Befriedigung, sondern das Spielen selbst.

Mich treibt auch kein missionarischer Eifer, ich spiele zum reinen Selbstzweck. Weil ich dadurch etwas über mich erfahre. Wenn ich auf der Bühne stehe, ist das wie eine Bewusstseinserweiterung. Ich sehe alles: meine Kollegen in ihren Rollen, die Privatpersonen dahinter, die Zuschauer, den Raum, die Lichter. Ich vergesse, was war und was sein wird. Es geht um die Intensität dieses Moments.

Der Grund, warum ich Schauspieler und nicht wie Michael Jackson Musiker geworden bin, ist ein ganz banaler: Als Sänger hatte ich nicht genug Talent. Im Musikunterricht lobte mich niemand, wenn ich hingegen im Schultheater auf der Bühne stand, bekam ich dafür viel Bestätigung.

Mit zehn Jahren spielte ich meine erste Rolle im Kinderfernsehen, in der Reihe „Moskito – Nichts sticht besser!“. Das war eine Jugendserie mit aufklärerischem Anspruch, in der Themen wie Rechtsradikalismus, Drogen oder Homosexualität behandelt wurden. Im Radio hatte ich einen Aufruf gehört, dass Kinderdarsteller für Videos gesucht wurden. Mir schossen sofort jene Clips in den Kopf, die ich von MTV kannte – mein erster Dreh war dann ein Musikvideo zum Thema Konfirmation. Trotzdem war ab diesem Zeitpunkt klar: Ich werde Schauspieler.

Die Schauspielerei als Widerspruch

An den Postern in meinem Kinderzimmer imponierten mir immer besonders die Posen der Stars. Wie Morten Harket von a-ha die Faust ballte oder Michael Jackson sich in den Schritt fasste. Als Schauspieler macht man das auch, Posen. Aber ich versuche immer, das Private hinter meiner Rolle durchscheinen zu lassen. Das ist es, was das ganze Spiel für mich erst interessant macht. Ich glaube gar nicht daran, dass ich als Schauspieler die perfekte Illusion erzeugen kann. Auch nicht daran, dass ich auf der Bühne zu Richard oder Hamlet werde. Sondern: Ich, Lars Eidinger, spiele Richard. Es ist dieser Widerspruch, der mich reizt.

Beim Pop dagegen bestimmt die Form den Inhalt. Es geht nur um die Oberfläche, um den alleinigen Schein. Wenn ich heute als DJ auflege und es schaffe, die Menschen in einen kollektiven Zustand der Euphorie zu versetzen, kann ich mich der Illusion des perfekten Moments tatsächlich hingeben. Ich tauche dann in die Musik ein und schwebe in der Blase des Pop. Ich lege immer Michael Jackson auf, meist „Billie Jean“. Für mich steckt in Michael Jacksons Texten viel Wahres, wenngleich die Botschaften etwa in dem Song „Heal the World“ simpel sind. Aber wir alle tragen eben die Sehnsucht nach Perfektion in uns – auch wenn es sich dabei wahrscheinlich letztendlich um eine Todessehnsucht handelt. Denn perfekt ist nur der Tod.
Als ich „Thriller“ sah, wollte ich auch berühmt werden.

Lars Eidinger, 40, ist einer der bekanntesten Schauspieler Deutschlands. Er spielt in Kino- und Fernsehfilmen, zum Beispiel im „Tatort“. Seit 1999 gehört er zum Ensemble der Berliner Schaubühne, spielt in dieser Saison den Hamlet und Richard III. In der Schaubühne veranstaltet er seit Jahren die Partyreihe „Autistic Disco – Pop Is Pop and Art Is Art“.


Dieser Text ist in der Ausgabe 09/2016 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.