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Fußball-Kultur: Fußball hat mich nie interessiert. Trotzdem wollte ich Fan werden - und wurde Heribert Faßbender

Geschmäht von den Fußball-Freaks im Freundeskreis, hat unser Autor eine folgenschwere Entscheidung getroffen: Er wird sich ab sofort für Fußball interessieren. Eine Suche nach dem (guten) Kick.

Fußball-Fankultur: Wie ich Heribert Faßbender wurde

"Gut bespielbarer Rasen" ist nur eine Fußball-Floskel von Reporter-Legende Heribert Faßbender (Archivbild), die sich unser Autor drauf geschafft hat

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"Man, man, man" oder "Junge, Junge, Junge" - das waren bisher die einzigen Kommentare, die ich beim Fußballgucken abgeben konnte. Ein Trauerspiel. Und eine regelrechte Zumutung für alle Beteiligten. Irgendwie habe ich den Zeitpunkt verpasst, mich für zu interessieren. 

Schlimm fand ich das nie. Nicht jeder muss sich für Fußball interessieren. Oder? Ich begann zu zweifeln. Eine eigentliche Nebensache (sorry!) ist längst zur Hauptsache geworden. Die "Tagesschau", der Leuchtturm für die wichtigsten Nachrichten aus aller Welt, präsentiert in jeder Sendung die aktuellen Ergebnisse. Die Fußball-Fankultur soll Unesco-Kulturerbe werden. Wer von der Weltmeisterschaft 2006 spricht, sagt immer nur "Sommermärchen" - der damit einhergehende Skandal um angeblich gekaufte Stimmen von "Kaiser" Franz Beckenbauer ist in einer "Fußballnation" scheinbar staatstragend. Und alles was ich dazu beitragen kann, ist: "Man, man, man".

Mehr geballtes Halbwissen, schieres Desinteresse und abgedroschene Fußball-Floskeln kann ein "Fußball-Fan", wie ich einer bin, nicht vereinen. Was ich brauchte, war ein Grund, mitzufiebern. Ich brauchte einen Verein. Und .

Grün-weiße Grüße, Dein Rudelführer

Welchen Verein ich feiern sollte, entschied ein Scherz für mich. "Lieber Wölfe-Fan", hieß es in der Anmeldung zum Online-Newsletter des VfL Wolfsburg, die plötzlich in meinem Postfach lag. "Jetzt nur noch einnetzen" mit einem Klick, um die Anmeldung abzuschließen. So schnell wird man Wölfe-Fan, dachte ich. Ich akzeptierte und bestellte meinem Kumpel "Grün-weiße Grüße", die in Anspielung an Klaas Heufer-Umlaufs legendärer Ahnungslosigkeit und auf meine Kosten eigentlich nur einen billigen Lacher landen wollten. Unterzeichnet: "Dein Rudelführer". Ich nahm die Herausforderung an und traf die folgenschwere Entscheidung: Ich werde mich jetzt für Fußball interessieren.

Am Kiosk kaufte ich mir den aktuellen "Kicker" und die "11 Freunde", um mir die aktuellen Ergebnisse, Analysen und Geschichten "vom Rasen" draufzuschaffen. Für das nötige Randwissen und launige Anekdoten aus vergangenen Zeiten sah ich mir "Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs" im WDR an. Das war zumindest der Plan. Denn weder den "Kicker" noch die "11 Freunde" habe ich ernsthaft gelesen und "Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs" fand ich gar nicht so wunderbar. Es interessierte mich, immer noch, nicht. 

Ich musste nur noch "abgewichst" abziehen

Damit hatte ich gerechnet. Immerhin: Warum sollte es jetzt anders sein? Egal, meinen Trumpf hatte ich ohnehin noch nicht ausgespielt: "So werde ich Heribert Faßbender", eine (nicht ganz ernst gemeinte) Fußball-Fibel von zwei "Titanic"-Redakteuren. Das Buch mit den besten und schön-schlimmsten Floskeln des legendären und mittlerweile pensionierten Fußball-Kommentators (1. Auflage: 1995) hat mir ein Freund mitgebracht, als er von meinem leidlichen Selbstversuch erfahren hat. "Das ist dir auf den Spann geschneidert", witzelte er in Anspielung an eine der "1.750 wichtigsten Wörter und -wendungen" von Faßbender, wie es auf dem Buchrücken heißt. Die Verheißung: "Wer Grund- und Aufbauwortschatz aktiv beherrscht, ist in der Lage, 95 bis 97 Prozent aller Spielzüge zu verstehen und an den Fernsehzuschauer weiterzuleiten. Damit ist er ein sehr guter Fußballreporter!" Jetzt nur noch einnetzen, erinnerte ich mich.

Wie ein Wörterbuch führte ich die Floskel-Fibel mit mir, immerhin sind auch hier alle Sätze alphabetisch sortiert. Ganz davon abgesehen, dass es sich für mich wirklich so anfühlte, als würde ich eine Fremdsprache sprechen, wenn ich über Fußball "philosophierte". Die allgemeingültigsten und damit vielversprechendsten Floskeln für das nächste "BuLi-Wochenende" lernte ich auswendig:

  • "Da brennt nichts an!"
  • "Also, Pfeffer ist hier drin."
  • "Das ist klassisches Pressing."
  • "Gut bespielbarer Rasen."
  • "Ja, ein Flankengott sieht wahrlich anders aus."

Das Pseudo-Wissen zu "König Fußball" wurde mir sozusagen "auf den Fuß serviert" - und ich brauchte nur noch "abgewichst" abzuziehen. Ich nahm die Gelegenheit beim nächsten "heißen Tänzchen" wahr, als "meine " gegen Hannover 96 im DFB-Pokal ran mussten. Ich wollte in meiner Runde mit ein paar Kenner-Sprüchen ein paar Mal "schön guten Tag sagen". Das muss die Devise sein, wie Faßbender nun gesagt hätte. Doch, wie heißt es so schön: "Der Pokal hat seine eigenen Gesetze."

Natürlich lief ich bei meinen Fußball-Freunden gnadenlos auf. Ich, der zweifelhafte "Paladin an der Pille", wurde schnell als verzweifelter Trittbrettfahrer enttarnt. Vielleicht war mein hochtrabenes Zitat von Trainerlegende Dettmar Cramer eine Spur zu demonstrativ: "Im Spiel gibt es eigentlich nur zwei Probleme: Das sind Raum und Zeit. Wenn ich genug Platz habe, hab' ich genug Zeit für das, was ich tun muss." Aber was er auch schon wusste, und ich nicht: "Aus einem traurigen Arsch kommt niemals ein fröhlicher Furz." Wenigstens gewannen "meine Wölfe" mit 1:0.

Fankultur und Fußball - das ist mehr als eine Phrase

Der Begriff "Fankultur", besonders im Fußball, ist alles andere als eine Phrase. Und diese halbherzig verstehen zu wollen, ist anmaßend. Das wurde mir klar, als meine Freunde erzählten, wie sie zu Fußball-Fans geworden sind. Einer von ihnen erzählte mir von gemeinsamen "Sportschau"-Abenden mit seinem Vater und seinen zwei Brüdern. Gemeinsam Fußballgucken, das war ihnen ein liebgewordenes Ritual. Sogar über Generationen hinweg: Auch mit seinem Sohn schaut er mittlerweile Fußball. Ein anderer Freund berichtete mir von Bolzplatz-Erinnerungen. Wie er legendäre Spielzüge und Tore nachspielte. Das gib ihm buchstäblich den "Kick".  

Vielleicht werde ich diesen einen Moment, den wahrlich guten Kick, auch noch erleben. Ganz nach Heribert Faßbender: "Der Ball ist noch heiß."