HOME
Meinung

Netflix-Doku "Homecoming": Alle feiern Beyoncé – dabei zeigt ihre Doku bloß, dass sie kein gutes Vorbild ist

Beyoncé gilt als Kämpferin für die Rechte der Frauen und der Schwarzen – und die neue Netflix-Doku "Homecoming" will ihr als Symbol für Empowerment unbedingt ein Denkmal setzen. Aber das ist gar nicht mal so einfach.

"Homecoming" von Beyoncé

Sängerin Beyoncé in Netflix-Doku "Homecoming": Kniet nieder, ihr Bauern!

Und dann zeigt Beyoncé ihrem Mann Jay-Z, dass sie es geschafft hat: Sie passt tatsächlich wieder in ihr enges Bühnenoutfit, kein Jahr nach der Geburt ihrer Zwillinge. Der radikale Diätplan – kein Brot, keine Kohlenhydrate, keine Milchprodukte, keinen Zucker, kein Fisch, kein Fleisch, keinen Alkohol – hat sich bezahlt gemacht. Sie hat es geschafft. So wie sie alles schafft. Also wirklich alles.

Es ist eine bezeichnende Szene für die neue Netflix-Doku "Homecoming", in der die Geschichte rund um Beyoncés legendären Coachella-Auftritt im vergangenen Jahr erzählt wird. Bezeichnend deshalb, weil sie irritiert: Versucht die zurzeit größte weibliche Pop-Ikone, den Vater ihrer Kinder allen Ernstes ausgerechnet damit zu beeindrucken, dass sie sich ihre Schwangerschaftspfunde runtergehungert hat?

Momente, die mit Macht beeindrucken wollen

Ganz abgesehen davon, dass es sich bei besagtem Vater um einen mächtigen Rapper handelt, der mit misogynen Texten Millionen gemacht und seinen Ruf als notorischer Fremdgänger nie verhehlt hat: Kann Beyoncé mit Haltungen wie dieser den Frauen der Welt wirklich das Vorbild sein, als das sie wahrgenommen wird?

"Homecoming" ist voller Momente, die mit aller Macht beeindrucken wollen, auf den zweiten Blick aber ziemlich zwiespältig daherkommen. Zwischendurch fragt sich vielleicht nicht der Fan, wohl aber der neutrale Beobachter, wofür genau diese Frau eigentlich so frenetisch gefeiert wird?

Wobei gefeiert noch ein harmloser Ausdruck für den Hype ist, der seit Coachella um Beyoncé entstanden ist: Vor allem die US-Medien bezeichnen "Homecoming" beinahe einhellig als einen der großartigsten Konzertfilme aller Zeiten, aber zum Beispiel auch die deutsche Kollegin der "Welt" nennt den Auftritt gar "das beste Konzert der Popmusikgeschichte". Coachella? Beychella! Oder auch: Kniet nieder, ihr Bauern, die Pop-Queen ist zu Gast!

Das ist die Attitüde, die diesen Auftritt trägt: die Überpräsentation eines gefälligen R&B's, die von grandiosen Choreografien, Kostümwechseln und Empowerment-Pose lebt. So weit, so gut – schließlich muss Pop nicht mehr als makellose Oberfläche sein.

Das Problem: Beyoncé will für das wahrgenommen werden, was unter dieser Oberfläche ist – ohne sich auch nur für einen einzigen Moment die Blöße zu geben. Der ganze Film ist, untermalt von Zitaten großer schwarzer Intellektueller, darauf angelegt, ihr unbedingt ein Denkmal zu setzen: als Symbol, als Ikone, als Kämpferin für die Rechte der Frauen und der Schwarzen.

"Homecoming": Beyoncé, die Mensch-Maschine

Aber dieses Ansinnen wird durch die manische Fehlerlosigkeit der Protagonistin zuverlässig konterkariert. Beyoncé gibt die Mensch-Maschine, und schon bald ahnt der Zuschauer, dass unter der Oberfläche – weder ihrer eigenen noch der ihres Werkes – womöglich gar nicht mal so viel zu holen ist. Und dann zeigt sie ihrem Mann irgendwann, dass sie wieder ins Kostüm passt.

In der Welt der Millennials sei kein Platz mehr für Negativität, prangert der Schriftsteller Bret Easton Ellis in seinem neuen Buch "Weiß" an, weshalb nur noch "Likes" produziert würden. Demnach gebe es auch keine Künstler mehr, bloß noch Kuratoren. Laut dieser streitbaren These wäre Beyoncé tatsächlich die ultimative Botschafterin ihrer Generation.

"Homecoming" ist am Ende eigentlich keine Musikdokumentation, denn in einer solchen geht es immer auch um die Schwächen der Künstler: so wie Metallica sie einst auf peinliche Weise in "Some Kind of Monster" dokumentierten, so wie Lady Gaga sie in "Gaga: Five Foot Two" ganz schön überstrapaziert offenlegte. Das ist nicht immer schön, aber echt. Auf jeden Fall echter als Beyoncés Inszenierung hechelnder Heiligkeit. 

Stattdessen ist "Homecoming" ein 137 Minuten langer Werbeclip, der Beyoncé-Jünger ergriffen zurücklässt, alle anderen aber nachdenklich machen sollte. Denn die Meisterin der Selbstvermarktung predigt hier das bedingungslose Streben nach Perfektion als einzigen Weg nach oben. Präzision ist alles, Fehler sind nicht vorgesehen.

Das macht den Film zu einem so einschüchternden wie ermüdenden Dokument, das vor allem jüngeren Fans, die in einer Ära hemmungsloser Selbstvermarktung in sozialen Medien ohnehin unter Dauerdruck stehen, eine bedrohliche Botschaft sendet: Zeige keine Schwächen und sei perfekt, sonst bist du nichts!

Kurz gesagt: Sei wie Beyoncé! Ein reichlich aussichtsloser Ratschlag. Und es ist die große Ironie des Films, dass "Homecoming" ausgerechnet all das, wofür die Königin des Pop dieser Tage steht und stehen will, als brüchige Fassade entlarvt.

Netflix: Beyoncé ist gleich Regisseurin und Star im neuen Film "Homecoming"