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"Ich stehe noch - Ayaktayim": Häusliche Gewalt nach der Zwangsheirat – wie einer jungen Türkin nach 20 Jahren die Flucht gelang

Buket ist 14 Jahre alt, als sie an den 22-jährigen Mahmut aus Berlin verheiratet wird. Schlagartig endet ihre glückliche Kindheit in der Türkei. In Deutschland folgen Jahre der Gewalt, Erniedrigung und Vergewaltigung.

Von Marie Groß

Nahaufnahme vom Gesicht einer Frau, die sich mit flacher Hand Tränen vom Gesicht wischt.

Laut dem BKA wurden 2017 über 138 000 Fälle häuslicher Gewalt angezeigt.

Getty Images

 "Im März 2005 ereignete sich der schrecklichste Tag meines Lebens", berichtet Buket Kaya in ihrer Biografie. Der schrecklichste Tag in einem Leben voller schrecklicher Tage. An diesem Tag wird Buket das Opfer eines Überfalls, den sie nicht hätte überleben sollen. Ein Überfall, der in ihrem eigenen Zuhause geschieht. Ein Überfall, der von ihrem eigenen Ehemann geplant worden war.

In der türkischen Parallelgesellschaft, in der Buket in Berlin lebt, schenkt man ihrem Leiden keine Beachtung

Buket ist damals Mitte 30, hat zwei Töchter und führt eine erfolgreiche Bäckerei in Berlin, die auf den Namen ihres Mannes läuft. An diesen Mann wurde sie verheiratet als sie 14 Jahre alt war. Er war damals 22. Zwei Jahre nach der Hochzeit in der Türkei holte er sie zu sich und seiner Familie nach Berlin. Buket scheute das neue Land zuerst, doch ihre Neugier trieb sie an. Sie wollte Deutsch lernen, wollte einen Beruf erlernen, wollte sich in dieses neue Leben integrieren. Schon als Kind ging sie gerne zur Schule. Sie wollte studieren, um später Grundschullehrerin zu werden. Doch dieser Traum wurde zerstört, bevor er überhaupt richtig entstehen konnte. Als Buket 13 Jahre alt war, entschied nämlich nicht mehr ihre Familie über ihre Bildung, sondern ihr Verlobter. Ein damals 21-jähriger Bäcker-Lehrling ohne Ambitionen, ohne Mitgefühl, ohne Anstand. Er verbot ihr, weiter zur Schule zu gehen.

In Deutschland ist von Bukets behüteten und glücklichen Kindheitstagen nichts mehr übrig. Hier hat sie nichts mehr zu sagen. Sie kocht, sie putzt, sie kümmert sich um die Familie ihres Ehemannes. Zusätzlich übernimmt sie den Hausmeisterjob in ihrem Wohnhaus und arbeitet als Putzhilfe, um etwas Geld zu verdienen. Geld, das ihr Mann in Casinos verprasst. Bukets Leben besteht aus Arbeit, Gewalt und Erniedrigung. Sie wird von ihrem Mann geschlagen, eingesperrt, unter Drogen gesetzt, vergewaltigt. Sie versucht zu fliehen. Bis nach Saarbrücken schafft sie es mit ihren Töchtern, dann nach Köln. Da sie nicht weiß, wohin, sucht sie Hilfe bei der Polizei. Doch die Beamten verständigen Bukets Ehemann, der das gemeinsame Auto als gestohlen gemeldet hat. Die Tyrannei geht weiter und erreicht im März 2005 seinen Höhepunkt.

5000 Euro zahlte er den Männern, die bei Bukets Entführung halfen

An diesem Tag lässt Bukets Ehemann sie von zwei fremden Männern fesseln, knebeln und in den Bunker werfen, der sich im Keller der gemeinsamen Bäckerei befindet. Er hält ihr die Pistole vors Gesicht. "Bald ist es vorbei!", sagt er. Doch ihr gelingt die Flucht. Ihr Mann wird festgenommen, aber nach drei Monaten Untersuchungshaft entlassen. Das Urteil: zwei Jahre auf Bewährung. Der Richter fürchtet, Mahmut könne im Gefängnis nur weitere kriminelle Kontakte knüpfen. Außerdem solle er den Betrieb weiterführen können. Es folgen Jahre des Rechtsstreit, der Anklagen, Gerichtstermine und weiterer Erniedrigung für Buket. Sogar ihre Töchter wenden sich von ihr ab. Mahmut manipuliert die psychisch ohnehin schon belasteten Teenagerinnen so sehr, dass sie sich vor Gericht gegen ihre Mutter stellen. Buket verliert somit ihren letzten Halt.

Buch-Cover, dunkelgrün: Buket Kaya und Emine Fabian. Ich stehe noch - Ayaktayim. Eine Türkin in Berlin

Die Biografie erschien am 9. April bei Topicus, Amazon Publishing und ist über amazon.de erhältlich.

Amazon

Nach Jahren der Verzweiflung lernt Buket Emine Fabian kennen. Emine Fabian ist studierte Sprachwissenschaftlerin und arbeitet als freie Autorin. Die junge Mutter lebt mit ihrer Familie ebenfalls in Berlin. Sie meldet sich 2013 auf Bukets Anzeige als Putzhilfe. Bei ihrem ersten Treffen fragt Emine Fabian, ob Buket auch Kinder habe. "Ja, zwei Töchter", sagt sie. "Aber wir haben keinen Kontakt." Augenblicklich fängt sie an zu weinen. Emine Fabian ist von den starken Emotionen dieser Frau überwältigt. Die beiden Fremden weinen zusammen. Weinen über das Leid einer Mutter, die alles ertragen hat, um ihren Kindern ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Ein Leben, aus dem die Töchter ihre Mutter ausgeschlossen haben, um einen Mann zu schützen, der sie fast umgebracht hätte. Sie weinen um eine unbeschwerte, lebenslustige Buket, die nicht nur für Emine Fabian, sondern auch für Buket selbst eine Fremde ist.

Sie beschließen, Bukets Geschichte gemeinsam aufzuschreiben

"Sie war sehr zurückhaltend, sehr still", erinnert sich Emine Fabian im Gespräch mit NEON. "Sie war völlig übermüdet. Ich wusste gar nicht, dass Augenringe so dunkel sein können." Buket leidet unter schweren Schlafstörungen, ausgelöst durch ihr Trauma und die lähmende Angst, Mahmut könne doch noch einen Weg finden, seine Drohungen wahr zu machen.

Wir haben mit Emine Fabian aber nicht nur über Bukets Gegenwart gesprochen, sondern auch über das Problem der häuslichen Gewalt in Deutschland und über die Parallelgesellschaften türkischer Einwanderer in Deutschland, in denen teilweise auch heute noch junge Frauen – und auch Männer – in ihrer Freiheit beschnitten werden. Über Familien, in denen ihnen aus Achtung vor Traditionen etliche Möglichkeiten versagt werden, die Deutschland zu bieten hat.

"Man hört Geschichten von häuslicher Gewalt meistens nur im kleinsten Rahmen und die Öffentlichkeit bekommt davon nichts mit", sagt Emine Fabian. "Aber hinter verschlossenen Türen wird teilweise bestialisch mit Menschen umgegangen, ohne dass diese Menschen Hilfe bekommen oder überhaupt wissen, wie sie sich Hilfe holen können. Durch das Buch erkennen sich vielleicht manche selbst oder andere wieder und je mehr Menschen sich trauen, häusliche Gewalt anzusprechen, desto eher trauen sich auch andere Betroffene, Hilfe in Anspruch zu nehmen." Es soll aber auch ein Appell an die Eltern aus Migrantenfamilien mit sehr strengen Traditionsvorstellungen sein: "Lasst zu, dass eure Kinder sich dieser Welt öffnen!" Wurzeln sollen erhalten und gepflegt werden, aber dennoch sollten alle die Möglichkeit haben, die Freiheiten zu nutzen, die Deutschland ihnen bietet – auch Mädchen und Frauen.

"Es wäre mein Wunsch, dass da manche ihre Herzen und Köpfe etwas öffnen."

Dieser Wunsch ist auch das Risiko wert, dem sich Emine Fabian und Buket Kaya durch ihre Zusammenarbeit ausgesetzt haben. Keine von beiden kann sich sicher sein, dass sie für Bukets Ex-Mann nicht zur Zielscheibe werden, sollte er von diesem Buch erfahren. Um sich davor zu schützen, verwenden beide Pseudonyme. Auch alle anderen Namen, die in dem Buch vorkommen, wurden geändert. Scham und die Angst davor, die Familie könne an Ansehen verlieren, stellen laut Fabian für viele traditionsbewusste Familien ein Problem dar, das sich oft in einer schlechten Kommunikation niederschlägt. "Traditionen sollen zusammenhalten und Werte schützen, aber nicht einengen", sagt Fabian. Auf welcher Nationalität oder Religion diese basieren, spiele dabei keine Rolle. Buket habe über die Jahre hinweg alles getan, um das Ansehen ihrer Eltern nicht zu beschmutzen – und dazu gehörte es auch, deren Entscheidung nicht in Frage zu stellen.

Mittlerweile habe Buket wieder weitestgehend zu der Lebensfreude zurückgefunden, an die sie sich aus ihren Kindheitstagen erinnert. Die Angst kehre zwar immer wieder zurück, sei aber nicht mehr allgegenwärtig. Doch Buket sei immer noch wütend auf einige ihrer Landsleute, so Emine Fabian, da ein Schicksal wie ihres kein Einzelfall ist. Sie verstehe nicht, warum Familien zuließen, dass die Töchter gegenüber den Söhnen benachteiligt werden. Warum man sie einschränke in ihrer Freiheit, in ihrer Entwicklung, in ihrer Integration. Selbst Frauen mit Studienabschluss werden oft in altbekannte Muster gedrängt, wenn es um die Familienplanung gehe.

Opfer häuslicher Gewalt sollen zeigen, dass sie nicht alleine sind

Emine Fabian rät den Opfern, sich zuerst Hilfe bei Freunden und Familie zu suchen. Je mehr Leute von der Gewalt des Partners wissen, desto besser. Somit könne man auch signalisieren, dass man nicht alleine, nicht hilflos sei. Auch eine Anzeige bei der Polizei sei wichtig, damit man im Falle eines Rechtsstreits etwas in der Hand habe. Organisationen und Einrichtungen wie zum Beispiel "Weißer Ring", die "Caritas" und "LARA" unterstützen Geschädigte mit psychologischer Beratung, Kinderbetreuung und juristischem Beistand.

Heute, sechs Jahre später, sei in Bukets Leben Ruhe eingekehrt, sagt Emine Fabian. Sie habe wieder Kontakt zu ihren Töchtern, sei sogar Großmutter geworden und pendle zwischen der Türkei und Berlin hin und her. Einen Partner habe sie nicht, und das genieße sie in vollen Zügen.

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Johnny Depp und Amber Heard
mgr