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Interview

Hi! Spencer: Als junge Band zum Erfolg: "Sollen wir etwa nackt im Fußballstadion spielen?"

Mit ihrem zweiten Album möchte die Band Hi! Spencer sich einen Namen im deutschen Indie-Rock machen. Im NEON-Gespräch erzählen die Musiker, wie das funktioniert.

Hi Spencer

Sven Bensmann (l.) und Malte Thiede (2.v.r.) schreiben die Songtexte für die Band Hi! Spencer und teilen sich die Gesangsparts

Der Referenzrahmen hängt hoch für Hi! Spencer. In den Kritiken zu ihrem gerade erschienenen zweiten Album "Nicht raus, aber weiter" werden sie schon als Nachfolger von Jupiter Jones gehandelt, andere verorten sie zwischen Kettcar und Turbostaat. Das sind erst einmal Komplimente, doch solche Zuschreibungen und Vergleiche können auch gefährlich werden – denn bis zu den genannten Bands ist es für die fünf Männer Mitte 20 aus Osnabrück noch ein weiter Weg. 

2012 war die Band mit dem Ausrufezeichen in der Mitte aus einer Abi-Combo hervorgegangen: Alle Bandmitglieder kennen sich schon aus der Schulzeit. 2015 veröffentlichte die Gruppe das erste Album, jetzt wollen sie sich im deutschen Indie-Rock endgültig einen Namen machen. NEON hat mit den beiden Sängern Sven Bensmann, 26, und Malte Thiede, 25, wenige Tage nach dem Album-Release darüber gesprochen, wie das funktioniert und wie hart der Weg einer jungen Band in die Herzen, Ohren und Köpfe der Zuhörer ist.

Indie-Rock-Band Hi! Spencer im Interview

Sven und Malte, ihr habt gerade als Band euer zweites Album “Nicht raus, aber weiter” veröffentlicht. Wisst ihr spontan, wie viele Abrufe eure Single “Richtung Norden” bei Spotify hat?

Sven Bensmann: Ich habe heute noch nachgeschaut, das müssten so 750.000 sein.

Malte Thiede: Ich tippe mal auf 780.000.

Das kommt ziemlich gut hin. Ihr habt das also ständig im Blick?

Sven: Jetzt, wo das Album neu raus ist, kommt man nicht drumherum, da immer mal draufzugucken, weil man auch eine so große Bindung dazu hat. Man sieht sofort die Reaktionen. Wir haben sogar extra eine App dafür.

Wie sieht’s mit Kritiken aus? Wie oft habt ihr in den letzten Tagen euren Bandnamen gegoogelt, um zu sehen, was über euch geschrieben wird?

Sven: Wir kriegen jede Rezension von unserem Label geschickt und ich habe natürlich auch jede gelesen. Man möchte ein kleines Stimmungsbild für sich haben.

Malte: Wir haben da über die Jahre auch eine dicke Haut entwickelt. Wenn ich merke, der Mensch hat die Platte gehört, kann ich auch damit leben, wenn er sie schlecht findet.

Manche Bands schaffen gleich mit der ersten Platte oder einem einzelnen Song den Durchbruch, ihr müsst euch eher hocharbeiten. Wie geht man heute vor, um sich im Musikbusiness einen Namen zu machen?

Sven: Eigentlich ist es für uns gedanklich sogar das erste Album. Auf die erste Platte 2015 haben wir alle Songs getan, die wir bis dahin hatten. Da fehlte ein roter Faden, alles war sehr reißerisch und unkoordiniert.

Malte: Auf dem ersten Album waren viele Stücke, die wir mit 17 oder 18 Jahren geschrieben haben. Das merkt man auch. Heute geht es für uns um andere Themen und man entwickelt auch einen anderen Stil.

Sven: Der rote Faden für unser neues Album ist das Thema Angst. Ängste zu haben, zu erkennen, zu akzeptieren, mit ihnen klarzukommen. Wenn man wie wir mit Mitte 20 nicht das klassische BWL-Studium oder seinen festen Ausbildungsplatz hat, dann ist da auch eine latente Zukunftsangst. 

Malte: Das können auch Situationen sein, die andere erlebt haben. Menschen sagen schlaue Dinge, wenn sie mit dir reden – man muss nur mal zuhören. Dann ist es zwar ein Ich-Erzähler im Song, aber das bin nicht immer ich.

Es gibt Musiker, die irgendeine Provokation wählen, um damit gerade auch am Anfang ihrer Karriere Öffentlichkeit zu bekommen. Wäre das was für euch?

Malte: Sollen wir etwa nackt im Fußballstadion spielen? Das wäre nicht unser Weg. Provokation kann Leute auf dich aufmerksam machen, aber man muss der Typ dafür sein. Das ist nicht die Herangehensweise, die wir wählen wollen. Wir nehmen die Probleme schon wahr, aber wir reduzieren sie nicht auf einen Satz wie vielleicht Punkbands in den Neunzigern.

Apropos Neunziger. Erlebt ihr in eurem Bandleben eigentlich irgendwas von den gängigen Rockklischees, mit Frauen und Alkoholexzessen?

Sven: Wir schlagen auch mal über die Stränge, das muss dann aber keiner mitkriegen. (Beide lachen.) Aber wir wachen nie auf und wissen nicht mehr, wo wir sind und alles um uns herum ist zerstört.

Malte: Es gibt Bands, die genau das auf der Tour mitnehmen wollen. Für uns sind das aber tatsächlich größtenteils Klischees. Eine Tour ist bei uns eher wie Urlaub mit den Kumpels. Oder wie eine Klassenfahrt.

Sven: Wir fahren mit unserem Bulli und einem Hänger los und schlafen dann in der einen oder anderen Location, wo wir gespielt haben, auch mal im Backstage. Malte sagt immer: Man darf eigentlich nicht erfolgreich werden, wenn man nicht früher in stinkigen Jugendzentren geschlafen hat. Da ist was dran. Dann schleichen wir mit unserem Hänger über die Autobahn und machen Quatsch. 

Malte: Zum Beispiel haben wir uns alle für die neue Tour Schaumstoffpistolen gekauft. Stellt euch mal die coolen Locations vor, in denen wir spielen, und wie wir uns dort gegenseitig abschießen können, wenn wir nach dem Soundcheck noch zwei Stunden Zeit haben. 

Mittlerweile kommen Leute auf eure Konzerte und bezahlen Geld dafür. Aber ihr habt ganz klein angefangen.

Malte: Natürlich sind wir auf Dorffesten und Kirmessen aufgetreten. Wir haben alles gespielt, was uns angeboten wurde, weil du jedes Mal besser wirst und dazulernst. Teilweise mussten wir während des Konzertes selbst noch das Mischpult bedienen. Wir haben auch vor Publikum gespielt, das überhaupt keine Lust auf uns hatte – das sind Erfahrungen, die man nicht macht, wenn man mit 17 mit dickem Vertrag in eine volle Halle gestellt wird. Davon zehren wir heute noch. 

Sven: Die ersten Jahre waren eine gesunde Ochsentour, mit vielen Betrunkenen in Bierzelten. Das ist die beste Schule. Wenn man erst mit Ablehnung konfrontiert wird und die Leute dann zum Zuhören kriegt, ist das Erfolgserlebnis umso größer. 

Viele Musiker beschweren sich dann, dass ihre Kunst von den Leuten nicht geschätzt wird.

Sven: Aber warum sollten sie das da auch tun? Die sind zum Saufen da und dann kommt auf einmal eine Band, die ernstzunehmende Musik machen will. Da gab es auch jede Menge Missverständnisse – Indie-Rock und Happy Hour geht halt nicht zusammen. Einmal haben wir auf einer Kirmes morgens um elf gespielt, da waren alle froh, als es vorbei war.

Die nächste Stufe auf der Leiter ist dann die Vorband. Wie ist es, wenn eigentlich alle nur darauf warten, dass man endlich fertig ist und der Hauptact kommt?

Malte: Vorband kann richtig schwierig sein, weil viele Leute keinen Bock darauf haben. Aber da helfen uns auch unsere Bierzelterlebnisse, zu sagen: Wir haben eine halbe Stunde und machen daraus das Beste. So ein richtig schlimmes Publikum hatten wir als Supportband zum Glück noch nicht.

Ihr kennt euch teilweise schon aus dem Kindergarten, seit der Oberstufe macht ihr zusammen Musik. Was ist wichtiger: mit Freunden zusammenzuspielen oder mit wirklich guten Musikern?

Sven: Wir haben ja zum Glück beides. (lacht.) Nein, die Frage stellt sich überhaupt nicht. Der Freundschaftsaspekt ist natürlich wichtiger. Das ist wie ein gutes Fundament.

Malte: Angefangen haben wir in der Schule als Abiband mit Songs von den Ärzten und Bon Jovi – und dann hatten wir alle Lust, weiterzumachen. Viele große Bands kennen sich schon sehr lange, vielleicht ist das auch ein Grund, warum sie so groß geworden sind. 

Wie sehr seid ihr jetzt, wo ihr selbst professionell Musik macht, noch Musikfans geblieben?

Sven: Man ist immer noch großer Musikliebhaber, aber nicht mehr reiner Konsument. Als wäre man in ein Geheimnis eingeweiht, weil man ja auf Konzerten checkt, was da auch im Hintergrund abgeht.

Malte: Auf Festivals ist es schon immer cool, wenn man um eins gespielt hat und sich danach andere Bands angucken kann. 

Sven: Und da fallen dann auch mal Sätze wie: “Wow, sehr schöne Lichtshow”.  

Sven, du bist neben der Musik auch noch als Comedian unterwegs. Braucht man so ein zweites Standbein?

Sven: Es war nie eine taktische Entscheidung, ich habe einfach ein Mitteilungsbedürfnis in zwei Richtungen: ernste Texte für die Band zu schreiben und lustige Sachen auf die Bühne zu bringen. Ich finde es sehr erfüllend, dass ich die beiden Dinge, die ich unbedingt machen möchte, so parallel machen kann und hoffe, dass das noch lange so geht.

Hi! Spencer sind ab dem 10. April mit ihrem neuen Album "Nicht raus, aber weiter" auf Tour

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