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"Daily", "Just Breathe": Millionen Menschen hören Jon Beckers Musik – und trotzdem kennst du ihn vermutlich nicht

Vor einem Jahr hätte Jon Becker noch gesagt: "BOAH, einmal ein Millionenklickvideo, dann hast du's geschafft." Jetzt weiß er: Das stimmt so nicht. NEON erzählt er vom steinigen Weg zum Erfolg.

Jon Becker

Jon Beckers Stimme kennen Millionen – aber den Mann hinter dem Gesang kennen bislang die Wenigsten

Die meisten Meilensteine, die sich Musiker setzen, hat Jon Becker schon erreicht. Seine Musik erreicht ein Millionenpublikum, wurde bereits im Radio gespielt – und doch wohnt der 29-Jährige in einem WG-Zimmer in Trier, auf Instagram folgen ihm etwas über 450 Menschen und von der Musik leben kann er auch noch lange nicht. Wie kommt das? 

Weil er seine Musik lizenzfrei veröffentlicht. Jeder, der möchte, kann sie von einer Website herunterladen und beispielsweise auf Youtube hochladen oder auf öffentlichen Veranstaltungen spielen. Kostenlos. Einzige Voraussetzung: Die eigentlichen Urheber müssen kenntlich gemacht und verlinkt werden.

Davon machen viele Gebrauch. Gibt man den Namen Jon Becker bei Youtube ein, werden zahlreiche Videos mit seiner Musik angeboten. User legen sie unter ihre Videos, legen Lyrics darauf oder schneiden eigene kleine Musikideos – und heimsen damit Klicks ein. 

Klingt absurd? Fanden wir auch und haben mal nachgefragt, wieso man seine harte Arbeit für lau unters Volk jubeln sollte. Stellt sich raus: Da steckt System dahinter. 

"So wie wir das jetzt machen, das ist eigentlich der 'normale' Weg", sagt Becker. "Wir starten als 'No Copyright', weil dich ja noch keiner kennt. Wieso soll man Musik von jemandem kaufen, den man nicht kennt? Es ist nicht so, dass man ein Video macht und dann direkt die Label angerannt kommen. Auch wenn das gerne mal so dargestellt wird. Aber selbst bei so 0-auf-100-Stories sind da Leute im Hintergrund, die die richtigen Hebel betätigen können. Dann geht das natürlich Ruckzuck und deine Musik wird auch schnell gekauft."

Das Trio Infernale: Jon Becker, Rival und Cadmium

"Wir", das beinhaltet den Trierer Sänger selbst und die zwei Produzenten, mit denen er einen Großteil seiner Musik aufnimmt: Rival, der ebenfalls aus Beckers Heimatstadt Trier kommt und Cadmium, ein US-Amerikaner, der bei der US-Armee angestellt ist und an einem Stützpunkt in der Nähe von Trier arbeitet.

Okay, aber die Millionen Klicks auf Youtube müssen doch für irgendetwas zählen? Die ganze Werbung – wer bekommt denn dann das Geld dafür? "Das ist das Kuriosum, das vielen erst einmal seltsam vorkommt. Andere Menschen können bei Youtube meine Musik hochladen und haben im Zweifel auch krachenden Erfolg – ich glaube Melody ist inzwischen über sechs Millionen Mal angeklickt worden – und verdienen damit als Videobetreiber Geld. Wir sehen davon keinen Cent." Das sei die Krux, meint Becker: "Du hast es ohne Copyright gemacht. Auf der anderen Seite: Hätten wir es ohne den entsprechenden Bekanntheitsgrad mit Copyright gemacht, dann hätten wir niemals ein Video mit so vielen Klicks, weil es dann niemand hochladen würde."

Aber ist das kein emotionaler Spagat? Irgendwo zwischen riesiger Freude über den Erfolg und Ärger darüber, dass andere mit deiner Arbeit Geld verdienen? "Nein, eigentlich freue ich mich nur. So ist das halt am Anfang, wenn man nicht sonstwo in LA wohnt. Man hört da ja immer diese Stories von irgendwelchen Newcomern, die bei irgendwelchen Superstars einfach so in die Villa gestolpert sind und singen konnten … aber hier in Trier kenne ich jetzt nicht soooo viele Superstars."

"Es ist nicht so spektakulär, wie es klingt"

Langsam aber sicher ziehen auch die Hörerzahlen bei Streamingdiensten wie Spotify und iTunes nach. Erst vor Kurzem knackte "Just Breathe" auf Spotify die Millionenmarke. Und auf Plattformen wie diesen lässt sich für die Musiker auch tatsächlich Geld verdienen. Trotzdem bleibt Jon Becker ruhig: "Vor einem Jahr hätte ich dir noch gesagt: BOAH, einmal ein Millionenklickvideo, dann hast du's geschafft. Aber das ist nicht so. Es ist nicht so spektakulär wie es klingt. Und an die Zahlen gewöhnt man sich irgendwann. Ich bin aber auch nicht der Typ, der da so abhebt."

Es sei aber schon irgendwie komisch, wenn man im Alltag über seine eigene Musik stolpere: "Mein Mitbewohner und ich haben zum Beispiel letztens ein Highlights-Video von einem Computerspiel geguckt, was wir gerne zocken und im Abspann kam dann auf einmal 'Just Breathe'. Das ist schon ein komisches Gefühl." Tatsächlich ist "Frequency", das No-Copyright-Label bei dem Becker, Cadmium und Rival ihre Musik veröffentlichen, besonders bei Gamern sehr beliebt. "Die sind besonders dadurch ziemlich groß geworden, dass viele Gamer auf die Tracks zugreifen und sich da die Musik für ihre Let's Plays runterladen. GEMA-pflichtige Musik zu benutzen lohnt sich in diesen Fällen einfach nicht."

Jon Becker will sein eigenes Ding machen

Jon Becker könnte von dem etwas steinigen Weg zum Erfolg genervt sein, er könnte darüber schimpfen, dass er von seiner so erfolgreichen Musik noch nicht leben kann – aber nichts liegt ihm ferner: "Irgendwie will man doch sein eigenes Ding machen und es ist auch geil, wenn man dann so auf eigene Faust wächst." Ein paar Experten aus der Branche hätten ihm mal von dem riesigen Hintergrundgeschäft hinter Künstlern wie Robin Schulz ("Unforgettable") erzählt, sagt er: "Da bist du doch eigentlich nur Marionette". Und das will er nicht sein. 

"Mache ich alles richtig? Schöpfe ich alle Mittel aus? Keine Ahnung. Ich mache das auch zum ersten Mal. Aber es funktioniert schon recht gut, es geht nach vorne. Und vielleicht wird irgendwann das Tempo erhöht."

Die Zahlen lassen es auf jeden Fall vermuten!