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Kommentar

Pegida-Parolen und rechte Floskeln: Warum Xavier Naidoos Lyrik so gefährlich ist

Auf dem neuen Album seiner Band Söhne Mannheims übertrifft sich Xavier Naidoo mit verschwörungstheoretischen Texten mal wieder selbst. Im aktuellen politischen und gesellschaftlichen Klima macht sich der Popstar damit eigentlich untragbar.

Xavier Naidoo

Ich kannte mal einen Otto. Er war mein Klassenkamerad in der Mittelstufe. Otto war ein Phänomen: Er hatte zu jedem Thema eine Meinung und tat sie auch gern kund. Alles wusste er besser, mit missionarischem Eifer zwang er allen Mitschülern seine krude Sicht der Dinge auf.

Xavier Naidoo erinnert mich an Otto. Seit vielen Jahren schon schwafelt sich der Schmusesänger mit populistischem Palaver in die Schlagzeilen. Der ganze Mann ein andauerndes Daswirdmanjawohlnochsagendürfen. Dabei gelingt es ihm zuverlässig, die Grenzen der Fremdscham zu verschieben. Erstaunlich ist, dass er immer wieder damit durchkommt – Naidoo verkauft mehr als die meisten seiner Kollegen, er moderiert Fernsehshows ("Sing meinen Song") und die Echo-Verleihung, stromlinienförmige Stars wie Sasha oder Michael Mittermeier machen gerne gemeinsame Sache mit ihm.

Xavier Naidoo lässt sich einfach nicht weglächeln

Durch meine Schulzeit mit Otto bin ich eigentlich abgehärtet. An der Uni und auch im Beruf sind mir seither noch eine Handvoll Ottos begegnet, die damals schon fleißig gegen Gutmenschen wetterten und heute sicher die AfD wählen. Ich wusste aufgrund meiner Vergangenheit mit dem Original Otto: Das beste Gegengift ist, ihre Weltsicht einfach wegzulächeln. Auf diese Weise habe ich sie irgendwann einfach überhört. Das klappte gut. Die Taktik will bei Xavier Naidoo aber einfach nicht funktionieren. Weil er als sehr erfolgreiche öffentliche Person viel Fläche bekommt und sie geschickt zu nutzen weiß.

Gerade erst hat er es wieder geschafft. In "Marionetten", dem neuen Song seiner Band Söhne Mannheims, übertrifft sich der 45-Jährige mit seiner verschwörungstheoretischen Lyrik mal wieder selbst. "Alles wird vergeben, wenn ihr einsichtig seid", heißt es da, "sonst sorgt der wütende Bauer mit der Forke dafür, dass ihr einsichtig seid." Oder: "Als Volks-in-die-Fresse-Treter stoßt ihr an unsere Grenzen." Oder auch: "Und wenn ich nur einen in die Finger bekomme, dann zerreiß' ich ihn in Fetzen, und da hilft auch kein Verstecken hinter Paragraphen und Gesetzen." Die Bilder von Marionetten und den Puppenspielern, die sie steuern, seien typisch antisemitisches Vokabular, so die Brandenburger Landeszentrale für politische Bildung.

Auch ohne Pegida-Polemik und rechte Floskeln platzten Naidoos Songtexte vor Pathos seit jeher aus allen Nähten, aber im aktuellen gesellschaftlichen Klima macht sich einer der größten Popstars der Republik mit einer derartigen "Danke, Merkel!"-Haltung eigentlich untragbar. Abgesehen davon, dass sich Mainstream-Idol Naidoo mit seiner Systemkritik genauso lächerlich macht wie in der Pose als Lautsprecher des politikverdrossenen "kleinen Mannes".

Seit Beginn seiner Karriere habe ich versucht, Naidoo wegzulächeln in der Hoffnung, ihn irgendwann vielleicht überhören zu können: seine Musik, diesen Sonnenbank-Soul aus dem Ein-Euro-Shop; vor allem aber die Strohfeuer, die Naidoo mit seinen Aussagen zu Politik und Gesellschaft so gerne legt. Er sei ein Rassist, aber ohne Ansehen der Hautfarbe, ließ der junge Durchstarter Naidoo schon 1999 im Interview mit dem "Musikexpress" wissen, und: "Bevor ich irgendwelchen Tieren oder Ausländern Gutes tue, agiere ich lieber für Mannheim." Seitdem war ihm kein Themenbereich zu heikel für seine Portion Senf dazu: 9/11, Lügenpresse, Gott und die Welt (im wahrsten Sinne des Wortes) – nichts war vor Naidoos Durchblick sicher.

Klar, jeder darf und soll seine Meinung frei äußern, Künstler ohnehin. Interessant ist aber zu beobachten, dass der politisch überkorrekte Mob im Netz heute noch die kleinste Sau durchs Dorf jagt, während Naidoo weiter relativ unbehelligt und PR-wirksam den Fackel und Mistgabel tragenden Wutbürger geben darf.

Na gut, die erstaunten Medienberichte zu "Marionetten" häufen sich gerade, auch ein paar Mannheimer Stadtvertreter sind medienwirksam entsetzt. Aber ansonsten ist alles wie immer: Auf komischen Promo-Konzerten, bei denen seine Band dem Publikum auch mal den Handygebrauch untersagt, singen Naidoo und Konsorten ihre neue "MannHeim"-Platte einmal quer durchs ganze Land. "Ich verstehe das Lied als Appell zum Nachdenken darüber, dass Politik oft missbraucht wird", sagt Söhne-Mannheims-Sänger Henning Wehland über "Marionetten". "Und da wollen wir – mit zugegeben überzeichneten Worten – aufrufen, etwas dagegen zu tun."

Warum macht ihm niemand sein Forum streitig?

Warum wird die aufrührende Lyrik von Naidoo und seinen Söhnen Mannheims eigentlich nicht strenger hinterfragt - erst recht in angespannten Zeiten wie diesen? Vielleicht irre ich mich auch, und die Schulzeit mit Otto hat mich gar nicht abgehärtet, sondern, im Gegenteil, übersensibilisiert. Vielleicht ist meine Toleranz für jegliche Ottos seitdem einfach begrenzter. Wenn dem so ist, habe ich große Angst vor der ultimativen Kapitulation: Irgendwann werde ich es bestimmt auf Naidoos Weise versuchen – und einfach jedem ungefragt erzählen, was ich von Meinungsmachern, die mit dem rechten Rand kokettieren, halte … aber verdammt, das tue ich hiermit ja bereits. Diese Zeilen sind schließlich irgendwie auch ein einziges Daswirdmanjawohlnochsagendürfen.

Jetzt geht es mir noch schlechter als zu Beginn dieses Textes. Ein Gefühl wie am Ende eines Songs der Söhne Mannheims. Wahrscheinlich kann man sich gegen einen besorgten Popstar einfach nicht wehren. Trotzdem werde ich weiter versuchen zu lächeln. Bis ich ihn eines schönen Tages vielleicht wirklich überhöre. 

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