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Telegram-Channel "Passiert nicht alle Tage" – Verschwörungs-Experte ordnet das Video von Xavier Naidoo ein

Xavier Naidoo auf der Bühne. Sein Video zu Verschwörungstheorien ordnet ein Experte ein.
Xavier Naidoo auf der Bühne. Sein Video zu Verschwörungstheorien ordnet ein Experte ein.
© ALEXANDRA WEY/ / Picture Alliance
Xavier Naidoo überraschte am Dienstagabend mit einem Video, in dem er sich von Verschwörungsideologien lossagt und um Entschuldigung bittet. Ein Politikforscher ordnet ein, wie glaubhaft dieses Video wirklich ist.

Jan Rathje studierte in Potsdam und Greifswald mit den Schwerpunkten Rechtsextremismus und Politische Theorie. Von 2013 bis 2014 war er in der mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Schleswig-Holstein tätig. Zwischen 2015 und 2020 leitete er mehrere Projekte zu Verschwörungsideologien und Antisemitismus für die Amadeu Antonio Stiftung.

Beim gemeinnützigen "Center für Monitoring, Analyse und Strategie" (CeMAS) forscht er unter anderem zu Online-Rechtsextremismus, Verschwörungsideologien, Antisemitismus sowie Souveränismus in Deutschland und den USA. Im Interview erklärt er, wie er das Video von Xavier Naidoo wahrgenommen hat.

Herr Rathje, Xavier Naidoo hat mit einer Entschuldigung für Verschwörungserzählungen für Aufsehen gesorgt. Worum ging es auf seinem Telegram-Kanal in den letzten Jahren genau? 

Xavier Naidoo hat auf dem Telegram-Fankanal, den er mit betreut hat, viele unterschiedliche Verschwörungserzählungen gepostet. Dort war sehr sehr vieles zu finden: Zum einen die "Qanon-Verschwörungserzählungen", Posts zur "flachen Erde", er hat aber auch mit einem Post die "Protokolle der Weisen von Zion" beworben, das war schon Hardcore-Antisemitismus.

Darüber hinaus gab es Inhalte, die in die rechtsterroristische Blase hineinreichen. Er hat ein sehr weites Spektrum mit abgedeckt und nicht eben nur auf COVID-19 bezogene Verschwörungserzählungen geteilt.

Die "Protokolle der Weisen von Zion" sind ... 

Die sind quasi eine Blaupause für Verschwörungserzählungen der Moderne. Die "Protokolle der Weisen von Zion" sind ein zusammengestelltes Dokument, das Ende des 19. Jahrhunderts veröffentlicht wurde und in dem Jüdinnen und Juden unterstellt wurde, eine Weltverschwörung durchzuführen und dazu verschiedenste Mittel zu benutzen.

Sie wollten beispielsweise angeblich über Seuchen die Bevölkerungszahl reduzieren, alle Parteien in der Demokratie kontrollieren, die Presse kontrollieren, die Wirtschaft kontrollieren und so weiter. 

Aufgrund dieses Bezugs zum Antisemitismus sind die "Protokolle der Weisen von Zion" auch verboten. Verbotene Dokumente haben allerdings gerade in verschwörungsideologischen Kreisen immer einen besonderen Nimbus: Nämlich dass die verboten sind, weil dort "geheime Wahrheiten" zu finden wären. 

Naidoo selbst distanziert sich explizit von "Nationalismus, Homophobie, Rassismus, Antisemitismus". Wie glaubwürdig ist dieses Statement im Zusammenhang mit solchen Veröffentlichungen? 

Naidoo behauptet schon seit Jahren, dass er sich nicht rassistisch oder antisemitisch äußert, obwohl ihm das Gegenteil bewiesen worden ist. Naidoo hat eine ganz eigene Vorstellung davon, wie Antisemitismus funktioniert. Nach der kann er sich dann auch vom Antisemitismus distanzieren und in dieser Auffassung hätte er nicht antisemitisch gehandelt.

Das Gegenteil ist der Fall, wenn man etablierte wissenschaftliche Definitionen von Antisemitismus nutzt. 

Hat er hat er denn überhaupt konkret gesagt, wovon er sich distanzieren möchte? 

Nein, Xavier Naidoo hat sein Distanzierungsvideo sehr allgemein gehalten und innerhalb des verschwörungsideologischen Milieus ist das so verstanden worden, dass er eigentlich an seinen Grundüberzeugungen festhält. Daher bleibt wirklich abzuwarten, wie Naidoo sich zukünftig verhält.

In der Szene wurde ihm zu seinem Video sogar unterstellt, dass er Begriffe nutzen würde, die gar nicht seine eigenen wären, dass er ablesen würde.. 

... er hat unter anderem von "Verschwörungserzählungen" gesprochen, statt von dem gebräuchlicheren Wort "Verschwörungstheorien". Ein Begriff, der sich vor allem in der Fachpresse durchgesetzt hat. 

Es ist interessant dass er den Begriff der "Verschwörungserzählung" genutzt hat. Er hat natürlich nicht "Verschwörungsgläubige" gesagt, das öffnet ihm schon noch ein paar Fenster. Aber es deutet darauf hin, dass er schon einmal recherchiert und nachgelesen hat oder zumindest die Person, die mit ihm gemeinsam dieses Statement ausgearbeitet hat. Er weiß um die Bedeutung des Statements und wird sich sicherlich mit jemandem dazu ausgetauscht haben.

Dennoch war es für viele Menschen überraschend, dass er dieses Video aufgenommen hat.

Für mich persönlich war das durchaus auch überraschend. Das passiert nicht alle Tage, dass Menschen sich so prominent in Form eines Videos von dem verschwörungsideologischen Milieu distanzieren. Erwartbar war das ganze nicht, aber es scheint durchaus nachvollziehbar, dass er diese Zeit für Reflexion genutzt hat, während er nicht aktiv war und für enge Vertraute nicht erreichbar gewesen ist.

Gerade das Thema Ukraine-Krieg erzeugt innerhalb des verschwörungsideologischen Milieus durchaus Widersprüche. Man sieht es recht deutlich, dass innerhalb des verschwörungsideologischen Milieus von den reichweitenstärksten Kanälen eine prorussische Position eingenommen wird und das kann Widersprüche erzeugen bei denjenigen, die sich nicht mit einer hundertprozentigen russischen Positionierung anfreunden können.

Durch diese Widersprüche müssen sich diese Menschen dann damit auseinandersetzen, ob sie nicht Menschen geglaubt haben, die generell problematische Positionen vertreten.

Laut Naidoo war er bei der Wahrheitssuche "wie in einer Blase gefangen". Wie leicht ist es überhaupt, sich da wieder herauszuarbeiten?

Ein Indikator dafür, dass bei ihm ein Umdenken stattgefunden hat, ist der Bezug zu seiner unmittelbaren Verwandtschaft, also zu seiner Familie und seiner Frau. Das klingt mir durchaus glaubwürdig, weil wir bei Ausgestiegenen aus verschwörungsideologischen Milieus gesehen haben, dass hier das persönliche Nahfeld eine ganz besondere Rolle spielt.

Im Umkehrschluss ist es sehr wichtig, dass Menschen Unterstützung erfahren durch Angehörige, Freundinnen, Bekannte. Es handelt sich hier um einen langen Prozess, der viel Kraft kostet. Wenn man sich das bei Naidoo anschaut, scheint das auch bei ihm schon eine Weile gegangen zu sein.

Was kann man als Angehöriger in solchen Fällen konkret machen?

Es ist wichtig, dass diese Menschen Widerspruch erhalten von denjenigen, die nicht im verschwörungsideologischen Milieu aktiv sind. Insbesondere von nahen Personen, die nicht sofort als "Teil der Lügenpresse" oder "Teil der Verschwörung" abgestempelt werden können. Dort ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Menschen aus dem verschwörungsideologischen Milieu sich vielleicht doch noch mit Widersprüchen konfrontieren lassen.

Kann man sich als Angehöriger in solchen Fällen an bestimmte Stellen wenden?

Es gibt verschiedene Stellen, die in den letzten Jahren geschaffen worden sind. Zum einen gibt es den "Bundesverband der mobilen Beratungsstellen gegen Rechtsextremismus", die dann in die jeweiligen regionalen Beratungsteams vermitteln können. In Berlin gibt es beispielsweise eine Fachstelle namens "Veritas", die ganz speziell zum Thema Verschwörungsideologien berät.

Gleichzeitig ist es so, dass aufgrund des Ausmaßes des verschwörungsideologischen Milieus und der Aktivität, die es an den Tag legt, diese Stellen auch weitere Unterstützung brauchen, sowohl finanzieller als auch personeller Art.

tvm

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