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Kommentar

Angeblicher Rechtspopulist: Warum die Aufregung über Xavier Naidoo völlig übertrieben ist

Rechtspopulist mit Pegida-Vokabular sei Xavier Naidoo, heißt es nicht erst nach seinem neuesten Song. Doch das ist Quatsch. Naidoo ist nicht rechts, höchstens ein bisschen verwirrt. Ein Plädoyer für mehr Toleranz für Spinner.

Xavier Naidoo

"Xavier Naidoo mit neuem Wutbürger-Song", titelt die "Frankfurter Rundschau". "Pegida-Vokabular: Xavier Naidoos neuer Song zeigt, dass er vollkommen durchgedreht ist", legt die "Huffington Post" noch einen drauf und auch mein Kollege Tim Sohr hat an dieser Stelle beschrieben, "Warum Xavier Naidoos Lyrik so gefährlich ist". Doch die Aufregung um Naidoo als Person, aber vor allem um sein neues Lied "Marionetten" ist völlig übertrieben. Weder erkenne ich darin rechtes Gedankengut, noch ist es ein offener Aufruf zu Gewalt. Der Text ist zwar nicht sonderlich geistreich und auch musikalisch spricht mich das Lied  - wie oft beim Herrn Naidoo - nicht an. Aber es taugt sicher nicht, um seine vermeintlich rechte Gesinnung zu entlarven. Schauen wir uns doch Teile des Textes einmal genauer an.

"Wie lange noch wollt Ihr Marionetten sein?", fragt Naidoo schwafelnd ins Rund - offenbar zielt er damit auf Bundestagsabgeordnete ab. "Für Eure Puppenspieler seid Ihr nur Sachverwalter", geht es weiter. Was ist daran rechts? Man könnte es als Verschwörungstheorie interpretieren, irgendwelche dunklen Mächte würden die Geschicke der Welt leiten. Man könnte es aber auch als Anspielung an zu großen Einfluss von Lobbyisten-Gruppierungen deuten. Beides hat in meinen Augen nichts mit rechter Gesinnung zu tun. 

Xavier Naidoo mit Pegida-Sprech?

"Alles nur peinlich und so was nennt sich dann Volksvertreter, Teile Eures Volkes nennt Euch schon Hoch-, beziehungsweise Volksverräter", trällert Naidoo. Ja, das Wort Volksverräter wird gerne in rechten und neu-rechten Kreisen benutzt. Aber auch die "Wir sind das Volk"-Brüller sind zweifelsfrei ein Teil des Volkes, wie von Naidoo hier beschrieben. "Alles wird vergeben, wenn Ihr einsichtig seid, sonst sorgt der wütende Bauer mit der Forke dafür, dass Ihr einsichtig seid", wurde in der derzeitigen Aufregungswelle am liebsten zitiert. Dieses Sprachbild habe er von Pegida übernommen, heißt es. Unsinn. Der Bauer mit der Forke ist eine uralte Metapher für die Revolution, den Aufstand des Volkes und der muss selbstverständlich nicht von rechts kommen. Natürlich ist es abwegig, dass dies in Deutschland passiert geschweige denn passieren sollte. Aber wenn man sich darüber aufregt, dann darf man diesen kritischen Maßstab bitte auch an die Texte anderer Künstler anlegen.

Vor nicht allzu langer Zeit war es noch cool oder hip, ein Revoluzzer zu sein. Kapitalismus abschaffen! Die Regierung stürzen! Das sind eigentlich linke Themen, die in der jüngsten Vergangenheit auch ihren Weg ins rechte Spektrum gefunden haben. Daraus aber abzuleiten, Naidoo sei rechts, ist hanebüchen. Verwirrt, ja. Vielleicht ein Spinner, von mir aus. Aber rechtes Gedankengut sehe ich da nicht.

Das Lieblingsthema Kinderschänder

Auch folgende Passage sorgte für Aufregung: "Und etwas namens Pizzagate gibt’s ja noch auf der Rechnung (...) Und wenn ich so einen in die Finger bekomme, dann zerreiß ich ihn in Fetzen." Wenn man sich schon darüber aufregen will, dann muss man auch wissen, worum es hier geht. Das tun viele der Kommentatoren aber offenbar nicht, denn sie werten es als direkte Drohungen gegen deutsche Politiker. In der Kurzfassung: "Pizzagate" war ein Hashtag für einen vermeintlichen Pädophilen-Skandal in einem US-Pizza-Restaurant. Die Polizei untersuchte und stellte fest: alles Mumpitz. Da Naidoo aber ein Verschwörungstheoretiker - oder wie er es nennt: "Wahrheitssuchender" - ist, glaubt er der Polizei womöglich nicht. Worauf ich hinaus will: Das "so einen" bezieht sich auf Kinderschänder - ein Lieblingsthema von Naidoo, wahrscheinlich auch, weil er als Kind selbst missbraucht wurde. Entsprechend emotional wird seine Wortwahl bei diesem Thema immer wieder. Wer will ihm das verübeln?

Naidoo ist in meinen Augen kein Fremdenfeind

Der Text zu Marionetten ist insgesamt seltsam bis krude. Naidoo kokettiert darin mit der beliebten Verschwörungstheorie, eine kleine Elite würde die Geschicke der Welt mit finsteren Absichten aus dem Hintergrund lenken. Das darf man scheiße finden. Ihn dafür aber als Rechtspopulisten zu verunglimpfen, ist lächerlich. Dazu wird auch gerne sein beliebtes Zitat von 1999 rausgekramt, als er sagte: "Ich bin nicht mehr Rassist als jeder Japaner auch". Ja, das ist ein dämlicher Satz - aber Naidoo hat mit seinen Handlungen bereits mehrfach bewiesen, dass er kein Fremdenfeind ist. Etwa mit seinem Engagement bei "Brothers Keepers" oder "Rock gegen Rechts".

Bei seinem Besuch bei den Reichsbürgern im Jahr 2015, der ihm übel um die Ohren gehauen wurde, wollte er "mal sehen, mit wem er da in einen Topf geworfen wird", so sagt er. Und das glaube ich ihm tatsächlich. Einer wie er, der überall Verschwörungen wittert, glaubt halt nur, was er mit eigenen Augen sieht. Hinterher distanzierte er sich von der Bewegung, wie auch von anderen rechten Gruppierungen. Und seine Ansicht, Deutschland sei ein besetztes Land, teilt er übrigens mit Gregor Gysi - einem Mann, der wohl kaum Gefahr läuft, in die rechte Ecke gestellt zu werden.

Mehr Toleranz für Spinner!

Man muss Xavier Naidoo nicht mögen. Der Autor dieser Zeilen selbst hält ihn für einen mittelschweren Spinner. Aber wann haben wir eigentlich damit aufgehört, Spinner auch mal zu tolerieren? Viele echauffieren sich auf Twitter und anderswo, wieso denn Naidoo weiter so viele Platten verkaufen und den Echo moderieren darf. Na, weil es im Leben eben nicht immer nach Eurer Nase geht! Offenbar finden Naidoo viele nicht so ätzend wie ihr. Lebt damit.