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Marke mit Botschaft: "Arabische Schrift ist nicht gefährlich" – zwei 25-Jährige sticken Botschaft gegen die Angst

Imad El Rayess hatte die Idee, eine freundliche Botschaft in Arabisch auf Kleidung zu verbreiten: Habibi – Liebling. Sein Anliegen ist, die Schrift nicht stets mit Gewalt und Tod in Verbindung zu bringen. Inzwischen ist seine Freundin mit eingestiegen und die Message findet immer mehr Fans.

Imad El Rayess und Jessica Rees im Portrait

Imad El Rayess und Jessica Rees wollen mit Habibi zeigen, dass arabische Schrift wunderschön ist und zu Unrecht mit schlechten Nachrichten assoziiert wird

Hersteller

Jessica und Imad stehen im Foyer des Verlagshauses Gruner + Jahr und man erkennt sie sofort. Was den beiden am Herzen liegt, strahlt farbenfroh von ihrer Brust:  حبيبي , "Habibi", das ist Arabisch und heißt so viel wie "Freund" oder "Schätzchen". Wir treffen uns zum Interview, weil die Idee hinter der jungen Marke Habibi genau zur richtigen Zeit kommt. Gerade erst ergab der Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung, dass die Hälfte von 1000 befragten Personen den Islam als Bedrohung empfindet. "Offenbar sehen viele Menschen den Islam derzeit weniger als Religion, sondern vor allem als politische Ideologie an und nehmen ihn deswegen von der religiösen Toleranz aus", erklärt Yasemin El-Menouar, die Religions-Expertin der Bertelsmann Stiftung. Imad El Rayess, der 2016 auf die Idee kam, das Wort Habibi in Arabisch auf ein Sweatshirt zu sticken, glaubt, dass Ähnliches für die arabische Schrift gilt. "Aber arabische Schrift ist nicht gefährlich", sagt er.

Schriftzug in Arabisch

Das Label Habibi basiert auf einer Idee für ein Geburtstagsgeschenk. Imad stickte seinem Kumpel in Arabisch auf ein Sweatshirt, was er ihm sagen wollte: Du bist mein bester Freund.

Imad und seine Freundin Jessica Rees stecken seit etwa einem halben Jahr ihre gesamte Energie neben Job und Uni in Habibi. Die beiden 25-Jährigen leben in Hamburg und wollen professionell verbreiten, was zuvor eher eine Botschaft unter Freunden war. Zum Greifen nah schien ein Konzept erstmals, als Jessica 2018 in der Weihnachtszeit aufschrieb, was die beiden nun das "Manifest" nennen.

Auf Englisch hebt es sich schwarz unterlegt auf der Website ab, auf Deutsch lautet es folgendermaßen:

"Arabische Schrift erregt Aufmerksamkeit und bisweilen sogar besorgte Blicke in der Öffentlichkeit. Ein Alphabet, dem eine negative Konnotation anhaftet, verursacht durch die Medien. 28 falsch gelesene Buchstaben. Länder, die schlecht behandelt werden. Eine ganze Kultur: missverstanden. Das ist Habibi – ein wunderschönes Wort auf Arabisch, das Liebling bedeutet. Und das sind wir, die Stellung beziehen. Wir stehen aufrecht und tragen Habibi mit Stolz nah an unseren Herzen. Das Ziel? Eine herzliche Nachricht zu verbreiten, um ein bitteres Missverständnis zu beseitigen."

Die Stickmaschine

Mit Stickmaschinen wird das arabische Wort Habibi auf die Pullover und T-Shirts aufgebracht. In der Agentur von Imads Familie kümmern sich auch Viola, Nadya und Alaa um die Bestellungen, weil Jessica noch studiert und Imad in einer Werbagentur arbeitet.

Imad, wie bist du auf die Idee gekommen?
2016 hat mein Bruder beschlossen, eine neue Abteilung in unsere Familienagentur zu nehmen: Stickerei, vorher gab es nur Textildruck. Wir haben Stickmaschinen gekauft. Ich habe mich da reingefummelt und was mit arabischer Schrift ausprobiert, ich hatte meine Artsie-fartsie-Zeit. Ein paar Monate später hatte mein bester Kumpel Geburtstag, Thore Flensburg, deutscher geht’s nicht, blonde Haare, kein Bart. Ich wollte ihm ein Geschenk machen, wusste nicht was und habe gedacht: Komm, wir haben jetzt eine Stickmaschine, ich hab was mit Arabisch gemacht, ich sticke ihm mal Habibi auf die Brust. Weil er mein Freund ist, mein bester Freund. Ich habe Thore drei, vier Produkte bestickt, Hoodies und Sweater.  

Hat er sie getragen?
Er hat's getragen und sich sehr gefreut. Und als wir uns nach ein paar Wochen wiedergesehen haben, hat er gesagt: "Ey, Imad, das ist Wahnsinn! Die Leute kommen mit Reaktionen wie: Bist du jetzt konvertiert? Was ist los mit dir? Ist alles okay? Hast du falsche Freunde?" Weil er ein arabisches Schriftzeichen auf seinen Textilien trägt! Und da hat's bei mir Klick gemacht.

Wie meinst du das?
Ich dachte, das hat 'ne krasse Message. Es war eine Erkenntnis, dass nur durch arabische Schrift, in der Habibi steht, also etwas Schönes, der Inhalt so aufgefasst wird. Dann habe ich die Instagram-Seite Habibi.You.Know gegründet und einfach mal ein paar Bilder gepostet. Parallel habe ich bei der Miami Ad School angefangen und die Leute fanden's cool. Ich hab das dann für Familie und Freunde gemacht, die Bestellungen liefen über Direct Messages bei Instagram ein. In dem Kanal habe ich damals unregelmäßig gepostet, nur wenn ich mal Zeit und Lust hatte. Vergangenes Jahr habe ich dann Jessy kennengelernt und wir wollten ein Shooting für Habibi planen.

Warst du auch auf der Miami Ad School, Jessy?
Ich bin da noch, ja, ich schließe im September ab.
Imad: Wir haben das Shooting in einem Parkhaus am Rödingsmarkt gemacht, dabei haben wir uns richtig kennengelernt, das war im Mai 2018. Wir hatten dann ein Date, also, Jessy und ich sind auch zusammen. Und Jessy sagte zu mir: "Ey, Imad, Habibi hat mehr Potenzial, als dass du einmal im Monat was postest." Und so hat’s gestartet.
Jessy: Wir haben uns hingesetzt und eine Art Jahresplan gemacht. Ich habe dann einen Entwurf vom Manifest geschrieben. Ich glaube, das war das erste Mal, dass die Idee Schwarz auf Weiß erklärt wurde. Dadurch fühlt sich jemand, der das liest und die Hintergründe nicht kennt, berührt, kann sich identifizieren und eine Diskussion beginnen. Ich glaube, das hat uns beide motiviert. Wir haben angefangen, regelmäßiger auf Instagram zu posten. Ich habe ein Praktikum bei Facebook gemacht, daher wussten wir, wie oft man posten muss, wie's mit Storys und mit Hashtags aussieht.

Und dann habt ihr die Website erstellen lassen?
Ja, im Februar dieses Jahres haben wir zum ersten Mal investiert. Programmiert hat das der Programmierer unserer Familienagentur. Und dann gab’s wirklich das erste Mal einen Shop. Eine Website, auf der das Manifest steht und die einen Galerie-Slide hat, in dem die Produkte alle abgebildet sind.

Eine Freundin trägt ein Habibi-Hoodie

Freunde werden für Habibi zu Models – das Konzept der "Marke für einen Dialog" überzeugt auch sie

Du hast gesagt, es boomt seit drei Monaten, liegt das an der Website?
Im März gingen die ersten Verkäufe los, durch Kontakte, durch Freunde, wir haben selbst ein bisschen geworben. Es lief angenehm, war aber kein Boom, eher süß. Im April ist Jessy für ein Praktikum nach New York geflogen ...
Jessy: Die Geschichte ist lustig: Pascal Kerouche, der Fotograf von 187, war zur gleichen Zeit in New York. Ich hab' das auf Instagram gesehen und ihm geschrieben: "Hi, witzig, noch mehr Hamburger in New York" und noch irgendwas. Und dann hat er wirklich zurückgeschrieben! Daraufhin hat Imad sich mit ihm in Hamburg getroffen.
Imad: Er hat geantwortet: "Hey, ich find' eure Sachen richtig geil. Ich brauch' das unbedingt." Und wir beide sind durchgedreht! Das war unser erster großer Kontakt. Das war am 24. April. Papa und ich haben eine Holzkiste gebaut, wie eine Schatztruhe, und ihm zehn Produkte reingepackt. Eigentlich wollte er nur zwei Hoodies haben. Aber wir waren so aufgedreht! Ich bin dann nach der Arbeit in die Schanze gefahren und hab die Holzkiste da hingeschleppt. Er hat mich voll lieb begrüßt, super lieber Kerl. Sein Papa kommt auch aus dem Libanon und Pascal kann, wie ich, auch kein Arabisch lesen oder schreiben. Er hat sich total gefreut und das gerepostet ...
Jessy: Und zwar richtig intensiv, so über sechs Storys, und das war genau unsere Zielgruppe: HipHop. Das hat den gleichen Vibe. Innerhalb der ersten drei Tage danach haben wir über 100 Bestellungen gehabt. Und unsere Follower-Zahl hat sich verdreifacht.
Imad: Dank Pascal, der auch andere Fotografen, Models und Influencer kennt, kamen die auf uns zu und haben gesagt: "Danke, dass ihr sowas macht. Das ist nicht nur eine Fashionmarke, die geil aussieht oder cool, nein, es hat 'ne super Message." Es hat einen Hintergrund und das löst viel aus bei den Leuten.
Jessy: Der Dialog ist das, was uns immer wieder überrascht. Gerade vorgestern hat uns ein Kollege, dem ich ein T-Shirt gegeben hattee, geschrieben, dass das Erste, was er gehört hat, war: "Ah, ziehst du in den Heiligen Krieg?". Ich höre so etwas weniger, weil ich chinesisch/philippinisch aussehe.

Nach dem Motto: Bei dir ist Habibi Fashion und bei Leuten, die anders aussehen, eine Bedrohung?
Imad: Ja! Ich habe das hautnah erlebt. Vor drei Wochen in der Schanze. Man denkt, dort sei alles entspannt, aber es kam ein Typ auf mich zu, zwei Meter groß, ein breiter Schrank. Er ging mir entgegen, mit einer Glasflasche in der Hand, hatte wohl was getrunken, und hat geschrien: "Hey, du scheiß Türke, raus aus meinem Land." Er kam bis auf ein paar Zentimeter nah an mich ran. Ich hatte wirklich Schiss, dass er irgendwas macht.
Jessy: Das hören wir immer mal wieder, dass Leute mit ganz viel Vorbehalten auf den Schriftzug angesprochen werden.
Imad: Aber es gibt auch das Gegenteil. Oğuz Yılmaz, ehemals bei Y-Titty, supportet uns auch super krass. Er hat das ganze Sortiment. Er schrieb uns: "Ich war gerade bei einem Falafel-Laden und der Typ hat gesagt 'Habibi' und ich habe meine Falafel umsonst bekommen."