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Wer bin ich?: Umzüge in fünf verschiedene Länder: Warum ich keine richtige Heimat habe

Überall ist Nationalismus auf dem Vormarsch. Maria zog mit ihrer Familie mehrmals in Europa um und fragt sich, was hinter dem wachsenden Drängen nach kultureller Abgrenzung verbirgt – während sie vollkommen zufrieden ohne nationale Identität lebt.

Ein Gastbeitrag von Maria Krylova

Leben ohne nationale Identität

Wie lebt es sich ohne nationale Identität in Zeiten von wachsendem Nationalismus?

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Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist die des Umziehens. Alle, die in ein neues Haus gezogen, eine neue Schule besucht oder gar in ein neues Land ausgewandert sind, kennen wahrscheinlich das Gefühl der Verzweiflung, das Vertraute zurückzulassen und sich mit Unbehagen dem Unbekannten zu nähern. Dieses Gefühl habe ich besonders oft gespürt, da ich sehr oft von Land zu Land gezogen bin. Mein Vater war Analyst bei einer schwedischen Softwarefirma. Daher führte sein Job unsere Familie von Russland nach Ungarn, von Ungarn nach Schweden und von Schweden nach Großbritannien. Meine gesamte Familie lebt heute über die ganze Welt verstreut und meine Verwandtschaft hat nicht nur eine, sondern eine ganze Reihe verschiedener Nationalitäten.

All das führt dazu, dass ich nicht eindeutig sagen kann, welcher Nationalität ich angehöre – ganz gleich, was in meinem Ausweis steht. Als Kind wuchs ich in drei verschiedenen Ländern auf, als junge Erwachsene lebte ich drei Jahre in einem vierten Land und ziehe nun in ein fünftes. Wichtige persönliche Meilensteine wie der Schulanfang und Schulabschluss, der Beginn des Studiums oder auch das Erwachsenwerden selbst fanden für mich an verschiedenen Orten statt. Ich glaube zu verstehen, was nationale Identität bedeutet und warum Menschen sich mit einer solchen identifizieren oder einer ethnischen Gruppe angehörig fühlen, aber nur bis zu einem gewissen Grad.

Von Akzeptanz bis Zugehörigkeit

In einem Land wie Schweden zum Beispiel, in dem die Bevölkerung klein ist, ist es einfacher nachzuvollziehen, wieso eine Person, die ihr ganzes Leben in diesem homogenen Land verbracht hat, sich selbst als "eindeutig schwedisch" bezeichnen würde. Doch das ist natürlich nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. Vor allem in gegenwärtigen soziologischen Debatten wird diskutiert, was passiert, wenn sich Menschen verschiedener ethnischer Gruppen stark mit derselben Nationalität identifizieren. Akzeptieren sie den Anspruch nationaler Zugehörigkeit der jeweils anderen Seite? Nationale Identität oder Patriotismus kann ich zwar als Phänomene erkennen, habe aber weder das eine noch das andere jemals selbst gespürt.

Heutzutage gibt es zahlreiche günstige Reiseangebote und Austauschprogramme für junge Menschen. Das kann viele Möglichkeiten bieten, aber aus meiner Sicht kann es auch dazu führen, dass viel mehr Kinder und junge Erwachsene mit Identitätskonflikten aufwachsen: Es mag daran liegen, dass ihre Eltern aus verschiedenen Ländern stammen, dass sie, wie ich, umgezogen sind oder auch schlicht und einfach daran, dass sie mit gesamteuropäischen Einstellungen aufgewachsen sind. Der Grund spielt vielleicht nicht die große Rolle. Aber immer mehr Menschen fällt es schwer zu erkennen, wer sie sind und wo sie hingehören – ein scheinbar allgegenwärtiges Problem junger Erwachsener.

Vielfalt im Handeln statt Schranken im Denken

Ich bin sicher, dass die Auseinandersetzung mit nationaler Identität als solche kein Problem darstellt. Tatsächlich würde ich sogar argumentieren, dass diese Auseinandersetzung ein Zeichen für eine Welt ist, die sich öffnet, eine Welt, die die Menschen über die Grenzen in ihren Köpfen hinwegsehen lässt. Gerade jetzt, in Zeiten globaler Krisen wie dem Klimawandel, die ein hohes Maß an internationaler Zusammenarbeit erfordern, wäre es sicherlich von Nutzen, wenn junge Menschen nicht durch ein Gefühl von Patriotismus oder einer starken nationalen Identität in ihrem Handeln eingeschränkt würden. Der Aufstieg der Alt-Right-Bewegung in den USA sowie die wachsende Anzahl junger Menschen in Europa, die sich stark als eine bestimmte Gruppe oder Nationalität identifizieren, ist von niemandem unbemerkt geblieben. Diese Personengruppen beklagen oft den Verlust oder die Bedrohung ihrer Kultur durch ethnische und kulturelle Vermischungen.

Meine Erfahrung widerspricht dieser Paranoia: An der Universität, an der ich studierte, bildeten alle Studierenden eine gemeinsame Einheit. Internationale Gruppen aber kamen regelmäßig zusammen, um anderen einen Aspekt ihrer Kultur zu präsentieren. Zum Beispiel habe ich auf unseren internationalen Food-Festivals schwedische Fleischbällchen gemacht, um Schweden zu repräsentieren. Und ich tat dies, ohne meine nationale Identität allein auf das Schwedische zu beschränken.

Ich denke, dies ist nur ein kleines Beispiel in einer großen aktuellen Diskussion, aber es zeigt, dass es beim Thema Kultur mehr ums Handeln selbst geht. Es zählt das, was der oder die Einzelne tut und weniger, was oder wer jemand ist. Der Verlust der nationalen Identität entspricht daher nicht dem Niedergang der Kultur. Im Gegenteil: Ich bin überzeugt, dass Diversität jede Kultur bereichert.

Warum sich fließende Übergänge lohnen

Die nationale Selbstdefinition spielt eine wichtige Rolle in unseren Gesellschaften. Die aktuellen Ereignisse zeigen aber auch, dass sich ihre Wahrnehmung ständig ändert. Nationale Identitäten eng zu definieren wird schwieriger, auch weil diese immer stärker an Individuen geknüpft werden.

Aber nur, weil ich von mir selbst nicht sagen kann, dass ich eine nationale Identität besitze, würde ich sie niemals jemand anderem absprechen wollen. Ich respektiere voll und ganz, dass manche Menschen sich als Europäer und andere als deutsch, englisch, italienisch oder etwas ganz Anderes sehen. Aber möglicherweise ist die nationale Identität heutzutage weniger wie ein zugeteilter Sitzplatz, an den wir gebunden sind, sondern vielmehr wie das Spiel "Reise nach Jerusalem" oder auch "Stuhltanz": Wir sind ständig in Bewegung und die Übergänge zwischen uns werden immer fließender, sodass wir im Grunde immer öfter zwischen den Stühlen sitzen – auf positive Art und Weise.

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