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Rede zur Annexion Gekränkter Nationalstolz und Angriffe gegen den "Westen" – Putins Auftritt offenbart einmal mehr Großmachtsfantasien

Russlands Präsident Wladimir Putin
Russlands Präsident Wladimir Putin während seiner Rede im Kreml
© Grigory Sysoyev / Sputnik / AFP
Mit Spannung war die Rede von Wladimir Putin zu seiner Landnahme in der Ukraine erwartet worden. Doch Antworten auf drängende Fragen gab es kaum – stattdessen jede Menge Nationalismus und krude Angriffe auf den "Westen". Die stern-Blitzanalyse.

"Allein gegen alle – angeschlagen, gedemütigt, besessen", titelt der stern mit Wladimir Putin auf dem Cover in dieser Woche. Und wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass sich Kreml-Despot Wladimir Putin tatsächlich in einem Kampf gegen den Rest der Welt wähnt – die Rede anlässlich der gewaltsamen Einverleibung vier ukrainischer Regionen hat ihn geliefert.

Beim Rest der Welt handelt es sich in Putins Lesart vor allem um den "Westen", allen voran die Vereinigten Staaten und die Europäische Union. Und so trat der russische Präsident mit entschlossener Miene um 15.18 Uhr Ortszeit ans Rednerpult vor die geladenen Gäste im großen Kremlpalast, um die Annexion zu begründen. Putin nutzte seine 38-minütige Ansprache zu einer Generalabrechnung mit den vermeintlichen Feinden Russlands und spannte dafür den ganz großen Bogen.

Wladimir Putin teilt gegen den "Westen" aus

Um es vorwegzunehmen: Putin offenbarte in seiner Rede, dass er sich weit von der gegenwärtigen Realität verabschiedet hat. Der Kolonialismus, Joseph Goebbels und das Dritte Reich, der Vietnam-Krieg – der Westen und besonders die USA waren schon immer allein für Hunger, Tod und Leid auf der Welt verantwortlich. Und wird es, so Putins Lesart, bleiben. Angriffskriege und Menschenrechtsverletzungen der Sowjetunion und Russlands in der Vergangenheit und Gegenwart blieben unerwähnt. Es gibt nur eine Wahrheit: Der Westen wolle Russland zerstören, die Bürgerinnen und Bürger versklaven – und davor werde er, Putin, sein Land schützen. Mit welchen Mitteln? Das ließ der russische Präsident offen.

Was er nicht offen ließ, ist die krude Sicht auf die Annexionen, die in Putins Weltbild einen ersten Triumph über die "Hegemonie des Westen" und die Befreiung aus der "Sklaverei der USA" bedeuten. Gleichzeitig bildet das illegale und handstreichartige Verschieben der Staatsgrenze den bloßen Rahmen für eine bisweilen bizarre und von gekränktem Nationalstolz getränkte Rede. Signale der Deeskalation gingen an diesem Freitag nicht vom Kreml aus, aber wer hätte dies ernsthaft erwartet?

Putin will Russland zu alter Stärke zurückführen, daran bleibt nach der Rede kein Zweifel. Die Annexionen ukrainischer Gebiete genügen da zum Beweis, ist eine mögliche Deutung. Sie sind erst der Anfang, eine andere.

Wenig Antworten in der Annexions-Rede

Viel wurde in den vergangenen Tagen darüber diskutiert, ob Moskau den Überfall auf die Ukraine mit dem völkerrechtswidrigen Anschluss von Donezk, Saporischschja, Luhansk und Cherson vom Angriffs- zum Verteidigungskrieg umdeutet – und damit möglicherweise auch den Einsatz von Nuklearwaffen rechtfertigen würde. Oder ob Putins entsprechende Drohung entgegen seiner Beteuerung ein Bluff war. Wer blufft, muss beim Poker auch irgendwann die Karten auf den Tisch legen – oder aus dem Spiel aussteigen.

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"Wie weit wird Putin jetzt gehen?", fragt der stern außerdem in dieser Woche auf dem Titel. Eine Antwort erhielt der "Westen" in Putins Rede nicht. Wohl aber die Gewissheit, dass er weiter zusammenstehen muss, um die Großmachtsfantasien des Kreml-Herrschers zu stoppen. 

Sehen Sie im Video oben die komplette Rede im Stream vom stern-Partner ntv.

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