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Nachricht ins Jenseits: Lieber Tommy, ich hoffe, du verzeihst mir: Brief an meine verstorbene Jugendliebe

"Ich möchte unbedingt 100 Jahre alt werden", hatte Tommy gesagt. "Alles mitnehmen." Dann war er auf einmal tot. Das ist jetzt zehn Jahre her - heute wäre Tommy 35 Jahre alt. Brief an eine Liebe aus der Jugend, die unsere Autorin nie vergessen wird. 

Von NEON-Community-Mitglied Theresa Donath

Eine junge Frau schaut in ein Kerzenlicht

Lieber Tommy – unsere Community-Autorin richtet sich in einem Brief an ihren verstorbenen Freund (Symbolbild)

Unsplash

Lieber Tommy,

heute ist dein 35. Geburtstag, doch du bist in dieser Welt nur 25 Jahre alt geworden. Als wir uns kennen und lieben lernten schrieben wir uns aufgrund der Entfernung viele . Ein Satz ist mir aus den vielen Seiten, die ich immer noch habe, prägnant in Erinnerung:

"Ich möchte unbedingt 100 Jahre alt werden. Alles mitnehmen, Konzerte, Festivals."

Doch eine Erkrankung hat deine Pläne durchkreuzt, die Hoffnung auf ein langes Leben genommen.

Der Tag, an dem ich erfahren habe, dass du gestorben bist, hat sich mit allen Details in mein Gedächtnis gebrannt. Ich war gerade mit Freunden im Urlaub, in einem kleinen Ort vor . Wir liefen zum Bahnhof, als ich auf meinem Handy einen verpassten Anruf deiner besten Freundin sah, und wusste instinktiv, dass du nicht mehr am Leben bist, bedingt durch eine seltsame Vorahnung, als ich zu Beginn der Reise dir eine SMS schrieb, die aber nicht an dein Handy gesendet werden konnte. Und das war für dich sehr ungewöhnlich.

Deine beste Freundin rief erneut an. Ich hielt mein Telefon in der Hand und schaute es befremdlich an. Am liebsten wäre ich gar nicht rangegangen.

"Hallo Theresa.... also... hier ist J., vom Tommy... und ich wollte dir sagen... dass er im Schlaf gestorben ist. Vorgestern."

Eiskaltes Wasser sauste im Affenzahn durch meinen Körper, ich griff mir in einer typisch-verzweifelten Geste an den Kopf und hörte mich "Scheiße!!!" brüllen. Sehr oft, sehr, sehr oft.

Zum Glück war eine gute Freundin in der Nähe

Inzwischen musste ich aufgelegt haben, sackte nach unten und hielt mich an dem Geländer einer Holzbrücke fest, die über einen kleinen Fluss führte, drumherum nur Wiese und vereinzelte Bäume. Optische Leere, passend. Und dann schwieg ich. Fassbar war das überhaupt nicht, und wie lange ich noch an der Brücke saß, entzieht sich meiner Erinnerung.

"Sollte das Leben wirklich so zerbrechlich sein wie eine Seifenblase?"

Ich bin so froh und dankbar, dass eine gute Freundin in diesem Moment zufällig da war, sie diesen Satz sagte und die Situation mit mir aushielt, und ich diese Nachricht nicht zu Hause in meinem WG-Zimmer erfuhr. Wir liefen wieder zurück zum Zeltplatz, ich rief meine an, und ließ einige Zeit verstreichen.

Dann war da das dringende Bedürfnis nach Ablenkung, und ich wollte zum Zug nach Kopenhagen. Auf der Fahrt zur dänischen Hauptstadt konnte ich nur von Sigur Rós hören, ausgefüllt mit Traurigkeit, aber unter Menschen fühlte ich mich in diesem Moment wohler und weniger allein.

Tommy hatte Diabetes

Deine Erkrankung, die dich tötete, war so gesehen keine tödliche. Zumindest in unserem Gesundheitssystem. Du hast mit 20 Jahren Diabetes Typ 1 bekommen, ohne Ursache, einfach so, und auch da schon, wie du es mir berichtet hast, knapp am Ableben vorbei. Doch hatte ich den Eindruck, dass du das nie so akzeptieren konntest, und ich hätte dir so gern diese Annahme der Erkrankung "eingeredet".

Der erste Knall kam in den Sommerferien 2006, du warst bei mir, meine Eltern im Urlaub. Es war 2:30 in der Nacht. Ich wurde von einem Geräusch wach. Es kam von dir, eine Mischung aus Stöhnen und leisen, kurzen Schreien, begleitet von einer Zuckung. Und dieses Geräusch kam nochmal. Und nochmal. Bis es schließlich in einem heftigen Krampfanfall umschlug. Ich war kopflos, fragte was los sei, aber du hast natürlich nicht geantwortet.

Telefon. Notruf. Warten. Inzwischen hast du ruhig am Boden gelegen, mit einem tiefen, verdächtigen Schnarchen und einem merkwürdig süß-sauren Geruch im Raum. Der Rettungsdienst kam, maß deinen Blutzucker und schüttelte nur den Kopf: "Also der Wert ist 3,2 mmmol/l, der hat doch keine Unterzuckerung. Der hat nix."

Nix?! Ich konnte gar nichts erwidern, durch diesen Schockmoment machte natürlich mein Kreislauf selbst gerade seine eigene Party, ich hatte nur ein verschwommenes Bild und glitt auf den Boden, alles herum drehte sich.

"Sagen Sie mal, haben Sie Drogen genommen?!"

"Nein, natürlich nicht!"

Mehr Fragen hatte er nicht.

"Naja wir können ihn mitnehmen, wenn es sein muss."

Immer wieder diese Krämpfe

Dann warst du eine Nacht im Krankenhaus meines Heimatortes, hast dich aber wieder selbst entlassen. Die Geschichte hört nun aber nicht auf, diese Notfallsituation kam wieder. Sie kam bei einem Festival, auch wieder gegen 2:30 Uhr, ich höre mich noch panisch über den Zeltplatz schreien. Sie kam Silvester 2006/2007, eben jene Uhrzeit. Inzwischen wachte ich schon automatisch um diese Zeit auf, konnte kaum neben dir einschlafen. Dein schmerzverzerrtes Gesicht während des Krampfanfalls, mein Kreislaufkollaps sobald dann Rettungskräfte da waren. Und immer hast du dich aus dem Krankenhaus entlassen lassen, hast deinen Diabetologen nicht kontaktiert. Und ich gebe zu, als du dann vermutlich wegen der nächtlichen Unterzuckerung gestorben bist, war ich auch wahnsinnig wütend. Warum hast du dir nicht helfen lassen?!

Die Jahre nach deinem waren sehr schwer für mich, mir wurde eine Depression und Angst-Panikstörung diagnostiziert, Psychotherapie, Tabletteneinnahme, irgendwie durchbeißen. Damals hatte ich kein Wissen darüber, um den möglichen Zusammenhang zwischen den Erlebnissen mit dir und meiner psychischen Erkrankung zu verstehen.

Die Gerichtsmedizin hatte dich lange untersucht, geforscht, ob es nicht noch eine andere Ursache für dein Versterben gab, und die Beerdigung fand erst ein paar Wochen danach statt. Meine Mama hat mich begleitet, ich fühlte mich unheimlich klein mit meiner stacheligen Rose in der Hand, und konnte deine Mutter, Freunde und Verwandten nur flüsternd begrüßen. Für alle war es ein besonders schwerer Gang des Abschieds, weil dein Vater erst sechs Monate zuvor an Krebs verstorben war, und du doch erst selbst in dieser Trauerhalle gesessen und um deinen Papa geweint hast.

Ich benutzte eine kleine Lüge...

Als ich vor die Urne trat und mich auf einen Stuhl setzte, kroch ein Gefühl von Ärger in mir hoch. Da stand ein gerahmtes Bild von dir, doch es zeigte nicht DICH. Es stammte aus einer Zeit, als du 18 Jahre alt warst, ohne Bart und mit kurzen Haaren. Und du hast dieses Bild so sehr gehasst, es hing im Büro deiner Mutter, und jedes Mal war es dir peinlich, wenn ich es gesehen habe. Natürlich stellt sich die Frage, für wen richtet man so eine Beerdigung wirklich aus? Den Verstorbenen? Den Hinterbliebenen? Beiden!

Ich verstehe es, wenn deine Mama dieses Foto so mochte, dass sie es als Verarbeitung vor deine Urne stellte. Aber dir hätte ein aktuelles Bild mit deinen langen, schönen Haaren und dem Bart sicher besser gefallen... oder?

Zu dem Zeitpunkt deines Todes waren wir kein Paar mehr. Und als ich Menschen, die dich nicht kannten, von dir und diesem Tag erzählt habe, verschwieg ich dieses Detail. Ich hatte Angst, in meiner Trauer um dich nicht ernst genommen zu werden, und wollte dieses schwere Gefühl damit besser zum Ausdruck zu bringen, und die Tragik für mich, da wir uns nach meinem Urlaub im September anschließend sehen wollten. Wir teilten drei Jahre unseres Lebens, du hast mich geprägt, und es sollte den Stellenwert bei anderen erreichen, den es für mich hatte.

Lieber Tommy, ich hoffe du verzeihst mir diese Lüge. Ich bin so dankbar, dich gekannt und geliebt zu haben, durch dein Schicksal hat mein Leben eine bestimmte Richtung eingeschlagen, Interessen ausgebildet, die so vielleicht nie herausgekommen wären.

Du hast mir oft einige Songs unserer Lieblingskünstler auf CDs zusammengestellt, und so werde ich jetzt noch den Klängen von The Cure Burn lauschen, es war das erste Lied auf der ersten Playlist von dir, und ich bin zuversichtlich, der Ort an dem du nun bist, feiert dich morgen mit richtig viel Musik! Auf dich!

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