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Selbstfindung: Zwischen verlobten Pärchen und Ex-Freunden - Fünf Szenen aus dem Leben eines Singles

Unsere Community-Autorin ist Single und hat ein Problem: Irgendwie verpasst sie immer wieder den richtigen Moment für eine Beziehung. Dafür weiß sie jetzt, warum Männer wie Avocados sind und Treffen mit dem Ex nicht schlimm sein müssen.

Von NEON-Community-Mitglied kaiwai

Frau blickt auf bei Sonnenaufgang auf ein Feld

Single-Leben: Von der Illusion, die richtigen Momente zu erwischen

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Take 1: Party mit nichtrauchenden, verlobten Freunden

Eine Party in der Stadt. Eintritt gezahlt, schick gemacht. Es ist ja nicht so, dass ich die totale Gewalt über mich hätte und nicht die ganze Zeit mit den Gedanken Roulette spiele, wie ich wirke und wer da sein könnte. Egal, ich beherrsche mich und tanze mit meinen Freunden. Wir bewegen uns freudig erregt und mit grundversorgt zum Takt der Bässe. Die Ehe- und Verlobungsringe in unserer illustren Runde funkeln mit dem Strassschmuck der Dame am DJ-Pult um die Wette. Ich habe diese lebensverändernden Entscheidungen meiner Freunde nicht nur akzeptiert, sondern auch mit zelebriert und organisiert, so gut ich konnte. Ein großer Schritt für das Paar, ein gewaltiger Schritt für mich als Single an sich.

Ich möchte eine rauchen gehen. Nicht nur der einzige Single, sondern auch die einzige Raucherin in der Runde. Welch ein Elend. Einer der beiden Göttergatten begleitet mich. "Damit du nicht geklaut wirst!", wie er mir durch die Geräuschkulisse eines Clubs mitteilt. Als ob es für ihn ein Weltuntergang wäre, wenn ich geklaut werden würde. Naja gut, wir gehen hinaus. Wir führen oberflächliche bis leicht freundschaftliche Konversation, man will ja nicht flirten – er heiratet eine gute Freundin. Also unterhalten wir uns über Siedler von Catan und wie schön doch ein Spieleabend mit allen wäre. Das asexuellste Thema, das ich kenne. Zumindest hatte ich noch keinen Sex mit einer Metropole zwischen den Haaren. Während ich ziehe, zittert er. Diese Nichtraucher sind auch nichts gewohnt. Erleichtert sieht er, wie ich mich Richtung Aschenbecher bewege, ich drücke aus, und wir gehen hinein.

Als wir an der Bar vorbei zurück zu unserer Gruppe gehen, bleibt mein Blick an einem blauen Augenpaar über einem schwarzen, schicken, aber nicht spießigen Hemd hängen. Eine lockere Kurzhaarfrisur umrandet das markante Gesicht mit Dreitagebart. Das kleine Mädchen in mir frohlockt, der Teenager gibt einen Klaps auf den Hinterkopf und die Endzwanzigerin beobachtet die Szene von außen mit einem Glas Rotwein in der Hand. Ich schaue weg, Sekunden später nochmal zu ihm, er sieht mich immer noch an. Welch schöne Wendung des Abends. In diesem Moment kommt der Fast-Ehemann neben mich, legt mir lachend über einen eigenen Witz, den ich während des Blickoratoriums gar nicht mitbekommen hatte, den Arm um die Schulter und zieht mich weiter durch das Gedränge. Ich verliere den Augenkontakt und werde den Mann an der Bar den ganzen Abend nicht noch einmal sehen. Cut.

Take 2: Der fremde, vergebene Saxophonist

Ein Saal mit Bühne irgendwo in der Vorstadt. Die Aufregung ist groß, denn die Vorstellung ist bis auf den letzten Platz ausverkauft. In dieser Produktion habe ich den schönen Job der Maskenbildnerin, der es mir ermöglicht, die drei schönsten und intensivsten Stunden eines Theaterabends zu erleben – die drei Stunden vor der Show in der Maske. Nicht nur deshalb bin ich guter Dinge, sondern auch des unglaublich gutaussehenden und netten Saxophonistens wegen, der, wie ich in der letzten Hauptprobe herausfand, auch noch Raucher war. Es entstanden wahnsinnig gute Gespräche und Chats. Die beiden Wellenlängen kann man für sich alleine gar nicht mehr ausmachen, so nah liegen sie beieinander. Sogar als er mir erzählte, wie unglücklich er in seiner Beziehung doch sei, habe ich die Warnlampen ignoriert. Ich habe sie nicht nur nicht wahrgenommen, ich bin Lambada- und Limbo-tanzend unter der Schranke hindurch spaziert. Also gut, er macht mich nervös und ich freue mich, ihn zu sehen. Mehr als ich sollte. Die Klänge eines Saxophons lösen eine Gänsehaut auf mir aus wie die kühle Brise am Morgen, wenn man frisch aus dem Bett für die erste auf den Balkon verschwindet.

Eines Abends, Wochen nach der Derniére und nach etlichen weiteren Wortwechseln, die unsere Verbindung nur noch verstärkte, erhalte ich von ihm eine Nachricht: "Was machst du gerade?", schreibt er. Etwas aufgeregt ob des Ausgangs dieses Gespräches – die Frau an sich zieht ja immer alle Möglichkeiten in Erwägung, und da ist ein Heiratsantrag nie ausgeschlossen – antworte ich: "Nichts besonderes. Warum?" "Ich weiß, es ist ziemlich spontan, aber hättest du Lust, mit in meinen Geburtstag reinzufeiern? Bin mit einer bunten Gruppe hier ...", lese ich. Schockschwere Not, was eine Frage. Natürlich würde ich ihn gerne sehen. "Ja klar, spontan ist gut. Bis gleich", tippe ich noch im Laufen. Auf dem Weg, stöckelnd und rauchend, kommt mir ein Gedanke: Ich würde auf dem Geburtstag meines Partners sein wollen, wenn er reinfeiert. Das Wort Fuck erscheint wie der Text zu Beginn der "Star Wars"-Filme auf meiner Stirn, doch zu spät. Ich stehe bereits vor der Tür der Kneipe. "No risk, no fun", murmele ich vor mich hin und trete ein.

SIE ist nicht da

Er begrüßt mich herzlich, er scheint sich wirklich zu freuen, dass ich da bin. Während wir uns umarmen, werde ich von allen Seiten interessiert gemustert. Ich mustere unauffällig zurück, sehe sie, sie, SIE aber nicht. Nicht, dass ich sie kennen würde, aber Onkel Facebook hat dem Dorn im Auge ein Gesicht gegeben. Nach zehn Minuten entspanne ich mich völlig, da die letzte Chance einer Überraschung, nämlich, dass sie vom Klo kommen könnte, auch unwahrscheinlich geworden ist. Wir haben einen sehr schönen Abend. Während der Gespräche mit Freunden, Arbeitskollegen und ihm stelle ich mir instinktiv vor, wie es wäre, offiziell die Frau an seiner Seite zu sein und nicht nur vom Gefühl her. Ruhig bleiben, Mädchen, nicht überschnappen. Hab jetzt bitte einfach einen schönen Abend – und versuch so cool zu sein wie möglich. Ganz schön viele Anforderungen an mich selbst.

Eine Weile nach Mitternacht bleibt ein Rest von drei Leuten übrig, uns beide eingeschlossen. Wir ziehen weiter, andere Bar, gleiches . Eines dieser Gespräche, die kein anderer versteht, der nicht den gleichen Abend über mit uns getrunken hat. Ich rede viel, für mein Verständnis vielleicht zu viel. Plötzlich holt er einen Zwanziger aus der Jacke, legt ihn auf den Tisch und sagt: "Ich habe zu viel getrunken und bin müde, ich gehe besser." Völlig baff starre ich den blauen Schein auf der grünen Tischdecke an. Er steht auf und verlässt das Lokal. In Ermangelung von Selbstwertgefühl stehe ich auf und folge ihm. "Können wir nochmal kurz reden?", frage ich ihn, als ich ihn vor der Glastür des Restaurants erwische. "Klar", sagt er.

So stehen wir da. Alleine, in der Dunkelheit der Großstadt, also eine nie einkehrende Finsternis. Zwei Menschen auf einem Bürgersteig, dämlich anglotzend mit Blicken, die so viel mehr ausdrücken als das Verlangen, etwas zu sehen. "Gehst du wegen mir? Habe ich zu viel geredet? Du hättest mich unterbr-", platze ich heraus. "Nein", sagt er bestimmt. "Okay, warum gehst du dann so plötzlich? Ich hatte das Gefühl, es ist ein schöner Abend." "Das ist es ja. Wenn ich jetzt nicht gehe werde ich einen Fehler machen, den ich mir nicht verzeihen kann. Was du in mir auslöst, ist der Wahnsinn", sagt er und nimmt mich in den Arm. So stehen wir da, gewollt, aber nicht gekonnt. Er küsst mich auf die Stirn und geht. Und ich stehe da wie ein verliebter Idiot, das Herz noch heftiger klopfend als die Monate zuvor. Ein paar Wochen später sitzen wir uns beim Kaffee gegenüber, als er mich fragt, ob wir befreundet bleiben können, da er die Gespräche mit mir so genießen würde. Er könne es nicht übers Herz bringen, seine Freundin zu verlassen. Cut.

Take 3: Traummann? Auf keinen Fall!

Ich halte eine dieser Wahrsagekugeln in der Hand und suche eifrig und konzentriert nach einer passenden Frage, die mir das Ding so kurz vor Silvester beantworten soll. Meine Freundinnen warten gespannt, was ich über meine Zukunft wissen möchte. "Werde ich in diesem Jahr meinen kennenlernen?" Optimistisch drehe ich das Ding um und starre auf die Antwort. Statt einem "Ja" steht da nicht nur ein "Nein", sondern ein "Auf gar keinen Fall". Cut.

Take 4: Das ehrliche Gespräch mit dem Ex

Ich sitze wieder in dieser Bar. Die Bar, die auf der einen Seite dafür verantwortlich ist, dass ich die ausufernden Möglichkeiten der Stadt nie voll ausnutze und auf der anderen Seite dafür sorgt, dass eine Begrüßung ausreicht, um mir mein Getränk wie durch Zauberhand in der Zeit von Eingangstür zum Platz auf meinen Tisch zu transportieren. Mir gegenüber sitzt er. Nicht einer, sondern er. 4 Jahre lieben, hassen, reisen, erleben, erwachsen werden, Sex, streicheln und streiten. Unsere Trennung war eine Vernunftentscheidung. Sich in der Blüte des Lebens, den goldenen Zwanzigern, mehr unglücklich als glücklich zu machen, hat für uns beide damals nur eines bedeutet: Ohne den Anderen geht es uns besser. Dass das der größte Schwachsinn seit Tinder ist, habe ich mittlerweile auch verstanden.

Nun gut, zwei Jahre sind vergangen, auch, wenn das Herz sich nie ganz ausgeschaltet hat, wenn eine Erinnerung oder ein Gedanke an ihn hochkamen. Wir haben das Problem oberflächlich behandelt, die Infektion wütet nach wie vor in uns, still und leise. Zumindest in mir. Er gibt nur manchmal, an guten Tagen, wenn die Sterne gut stehen, einen Einblick in sein Herz. Wir sitzen uns gegenüber bei einem Bier, ein zufälliges Treffen. In Anbetracht der Situation und des Alkohols haben wir den Zustand eines Ex-Paares erreicht, der unaufhaltsam kommen muss: das ehrliche Gespräch. Kein Streit und keine Vorwürfe, sondern ein Hauch von Retro-Chic, als wir das Vertrauen, was unsere Beziehung so außergewöhnlich gemacht hat, zulassen.

Ich zünde mir eine Zigarette an und beginne meine Frage: "Also erzähle mal von ihr. Seid ihr jetzt fest zusammen?" "Ja irgendwie schon. Ich weiß auch nicht", antwortet er. Sehr unbefriedigt ob dieser Antwort auf meine Ja/Nein-Frage überlege ich kurz, ob ich wirklich schon bereit bin, Seelenklempner für seine frische Beziehung zu simulieren und reagiere nur kurz mit einem: "Aha." Wir sehen uns an. Keiner sagt was, zumindest nicht mit dem Mund. Sein Blick verrät so viel und doch wieder nichts. Will er mir was nicht sagen? Dass sie unbeschreiblich glücklich und schon verlobt sind? Sicherlich hätte ich ihm dann eine reingehauen, das weiß er ja aber nicht. Oder weiß er wirklich nicht, ob er glücklich ist? Und will er das vielleicht nicht vor mir zugeben in dem immerwährenden Machtkampf zweier Ex-Partner, wer wohl der Glücklichere sei? "Ja wir sind irgendwie zusammen. Also wir vögeln miteinander. Mehr weiß ich noch nicht. Auf jeden Fall ist es emotional mit dir nicht zu vergleichen." Sagt er und schaut mir wieder bedeutungsschwanger in die Augen. Ich hatte selten so ein Gespräch, was mir so viele Informationen vermittelt hat und gleichzeitig so fernab von jedem Schlusssatz war. Cut.

Take 5: Zahlungsmittel: Single-Geschichten

Nach einem schönen Sonntagmittag komme ich wieder nach Hause. Ich war spazieren, nicht alleine wie ein Philosoph oder ein Verstoßener, sondern mit einem Ex-Freund und seiner Tochter – seine Frau ist gerade arbeiten. Aus Zusammensein, Schule abschließen, kurzzeitig zusammenwohnen und trennen haben wir eine solide und ehrliche Freundschaft geschaffen. Über die Tatsache, dass nicht ich, sondern er mittlerweile entgegen aller Wetten im Freundeskreis verheiratet ist und eine Familie gegründet hat, können wir herzhaft lachen. Wir reden über die Arbeit, dass die Kleine langsam anfängt zu laufen, meine Männergeschichten – als Single ist es ein anerkanntes Zahlungsmittel für schöne Abende unter Pärchen, schlüpfrige, lustige oder kuriose Stories aus dem Schlafzimmer, oder wo auch immer, auszupacken.

So stehe ich nun in meinem Flur und bin ein Stück weit einfach zufrieden. Und nicht nur das, ich bin auch wahnsinnig stolz auf ihn und das Leben, das er führt. Plötzlich holt mich das lästige Piepen des Apfels aus meinen Gedanken. Eine Nachricht von ihm: "Mir brennt noch was auf der Seele, konnte es dir aber nicht persönlich sagen. Bei uns läuft es seit die Kleine da ist nicht mehr im Bett. Ich denke über Sex mit anderen Frauen nach und du bist eine davon. Ich kann nicht einschätzen, wie es bei dir aussieht?" Cut.

Epilog: Die Avocados in meinem Bett

Ich kann nicht sagen, ob in mir Wut, Enttäuschung, Humor oder Frust wütet. Alle Geschichten, die passiert sind, hätten wunderschön werden können. Der Anfang war ein wenig romantisch und hatte alles Potenzial, sich zu einer kitschigen und überglücklichen Beziehung zu entwickeln. Und doch ist es bei der Vorstellung geblieben. In diesen Situationen nicht überzuschnappen, ist ein optimistisches Unterfangen.
Wann habe ich angefangen, nur noch die Vorstellung zu verfolgen und nicht mehr auf Warnsignale zu achten? Ob es nun Männer sind, von denen ich nichts möchte oder diese, die ich mir sehr gut an meiner Seite vorstellen kann – immer ist was. Männer haben sich zu Avocados entwickelt: man weiß nie, wann der richtige Zeitpunkt zum Schälen ist. Noch nicht, noch nicht, noch nicht – ups, zu spät. Dieses Versteckspiel der wahren Gefühle ist schlicht und ergreifend zum Kotzen.

Ich entwickle mittlerweile diesen zynischen Abscheu beim Anblick der glücklichen Paare mit Bausparvertrag. Nicht wegen des Partners, sondern wegen der Zufriedenheit. Alle sind sie mit weniger zufrieden. Und ich beginne mich selbst dafür zu hassen, dass ich das nicht kann. Ich kann mich nicht mit weniger zufrieden geben. Bonny braucht Clyde und keinen Typen, der ihr sagt, wie gut ihre Augen doch zu seiner Bettwäsche passen würden. Wo sind die Männer, die Beziehungen und Sympathien noch zulassen können? Unweigerlich kommt natürlich auch die Frage auf, was mit mir nicht stimmt. Blödes Thema, das in meinem Kopf zu ausufernden Diskussionen führen kann.
Die Riege der Komplimente, die ich bekomme, ist lang: hübsch, lustig, die Augen, klug, guter Zuhörer, toller Stil, trinkfest, guter Kumpel, was ein Hintern. Und doch gehe ich alleine nach Hause – und nein, der verheiratete Ex ist nie eine Option. Sehr unbefriedigend das Ganze.
Es gibt zwei Dinge, die ich aus diesen Geschichten lerne: Zum einen finde ich mit jedem Feigling in meinem Bett oder vor meiner Haustür heraus, wann der Punkt kommt, an dem ich mich nicht mehr im Spiegel erkenne.
Zum anderen, und dieser Punkt ist viel einfacher, sind es neue Geschichten, die man humorvoll beim nächsten Bier in der Runde der blinkenden Ringfinger erzählen kann. Das ist die Grundessenz: alles mit Humor nehmen. Und die Avocados nicht zu reif kaufen.

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