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"No Fap"-Bewegung: "Ich habe keinen mehr hoch bekommen, weil ich zu viel masturbiert habe"

In den USA gibt es die "No Fap"-Bewegung bereits seit ein paar Jahren. In Deutschland ist sie noch relativ neu. Doch wofür steht sie überhaupt und warum schließen sich ihr so viele an? NEON hat mit einem gesprochen, der sich entschieden hat, das Masturbieren aufzugeben.

No Fapper Rocco

Auf seinem Youtube-Kanal berichtet Rocco über die Langzeitauswirkungen seiner sexuellen Enthaltung

Manchmal sind es kleine Dinge, die Großes bewegen: Alles beginnt 2011 mit dem einfachen Reddit-Post eines Programmierers aus Pittsburgh. Alexander Rhodes heißt er. Er verlinkt dann eine Studie aus China. Der zufolge steigt das Testosteron-Level eines Mannes um knapp 46 Prozent, wenn er sieben Tage lang nicht masturbiert. Es ist die Geburt einer Bewegung: "No Fap" (deutsch: nicht onanieren). Rhodes wird zum Gesicht eines neuen Hypes. Hunderttausende schließen sich ihm an – und stellen sich der "ultimativen Herausforderung": einem Leben ohne Pornokonsum und Masturbation. 

Es dauert nicht lange, bis diese Bewegung auch nach schwappt. Rocco Moosdorf ist einer der ersten, der sie für sich entdeckt. Auf seinem Youtube-Kanal "Vackurah" lädt der 20-jährige duale Student regelmäßig Videos hoch, in denen er über die Langzeitauswirkungen seiner sexuellen Enthaltung berichtet. Er selbst sagt, dass es seine Bestimmung sei, andere Menschen aus der Porno- und Masturbationssucht zu befreien. 

NEON: Masturbation ist kein Thema über das man mal eben in der Mittagspause mit seinen Arbeitskollegen spricht. Rocco, du lässt die Öffentlichkeit aber auf deinem Youtube-Channel daran teilhaben. Wieso gehst du damit so locker um? 

Rocco: Es hängt natürlich ganz stark mit der jeweiligen Person zusammen. Ich konnte damit schon immer offen und ehrlich umgehen. Ich bin mir deshalb auch nicht zu schade, damit assoziiert zu werden. Es muss bei so etwas ja immer Einen geben, der den ersten Schritt macht. 

Trotzdem, wieso machst du das? 

Ich habe einfach zu oft masturbiert. 

Wie oft? 

Ich kann jetzt keine konkrete Zahl nennen. Aber es war schon mehrere Male am Tag. Die Folgen davon waren: soziale Ängste, Depressionen und Antriebslosigkeit. Ich hatte zwar meinen Kampfsport, der mich immer aufgefangen hat, dennoch war ich dauerhaft müde.  

Für viele wäre das aber vermutlich kein Grund, mit dem Masturbieren aufzuhören … 

Nein, das war es auch bei mir nicht. Es gab einen konkreten Punkt, da wusste ich, dass ich etwas ändern muss. Ich hatte mit einem Mädchen was und als ich mit ihr schlafen wollte, habe ich keine Erektion bekommen. Das ist mir dreimal passiert. Sie dachte, es läge an ihr, was es natürlich nicht tat. Ich wollte nämlich mit ihr schlafen. Es ging nur nicht. Das war wirklich ein richtiger Tiefpunkt, durch den ich zum Entschluss kam, ich muss etwas ändern. 

Und von da an hast angefangen, keine Pornos mehr zu schauen und nicht mehr zu masturbieren? 

Ja, es gab immer wieder Rückfälle. Aber ich habe nicht aufgegeben. Ich bin drangeblieben. Denn umso länger du das machst, desto weniger Rückfälle hast du. Ich habe es sogar geschafft, 120 Tage auf Masturbation, Sex und Pornos zu verzichten. 

Du verzichtest mittlerweile nicht nur auf Masturbation und Pornos, sondern auch auf Sex? 

Ja, das ist die sogenannte Hardmode-Variante. Die habe ich damals aus einem Affekt heraus getroffen. Ich war verletzt und habe mir gesagt, dass ich erst einmal keinen Sex mehr will. 

Ist es so nicht schwerer, Frauen kennenzulernen?

Also, ich habe trotzdem noch Dates. Dennoch lasse ich mich nicht mehr so leicht auf Sex ein. Ich mache das nur, wenn es sich richtig anfühlt und eine Verbindung da ist. Habe ich aber das gegenteilige Gefühl, dann lasse ich mich auf eine sexuelle Beziehung gar nicht mehr ein. 

Das klingt so, als ob "No Fap" dein Sexualleben komplett umgekrempelt hat.

Ja, das würde ich zu 100 Prozent unterschreiben. Ich bin ein anderer Mensch geworden. Es dreht sich nicht mehr nur um das Eine. Ich will wissen, was Frauen für Werte haben und reduziere sie nicht mehr nur auf Ihren Körper.

Was verändert sich denn überhaupt, wenn du mehrere Tage, Wochen oder Monate keinen Orgasmus mehr hast? 

Ich habe diese ganzen Nebenwirkungen einfach nicht mehr. Ich habe mehr Energie und bin konzentrierter. Die Auswirkungen nach dem Sex sind noch besser als nach dem Masturbieren, aber dennoch habe ich nicht mehr die gleiche Energie wie vorher. Deshalb gebe ich das auch nicht mehr für jede x-beliebige Frau auf. 

Das klingt aber alles in allem nach mehr als nur einer Bewegung: Ist es vielleicht sogar schon eine Art ? 

Nein, so weit würde ich nicht gehen. Es ist definitiv eine Bewegung, die sich gegen diese Sucht wert. Aber eine Religion ist es auf keinen Fall. 

Du sprichst immer wieder von einer Sucht. Gesellschaftlich ist Masturbieren aber schon lange keine Sünde oder Krankheit mehr, wie es früher behauptet wurde. Ist die Bewegung deshalb nicht eher ein Rück- statt ein Fortschritt?

Nein. Denn bei "No Fap" geht es nicht um das Masturbieren an sich. Es geht darum, dass einige eine Sucht entwickeln. Die hatte ich auch. Diese Sucht beeinflusst deinen Tag, dein Sozial- und sogar dein Sexualleben. Und das tut es in einem Ausmaß, dass es irgendwann dein komplettes Leben beeinflusst. Das darf es aber nicht. Du musst die Kontrolle über dein sexuelles Verlangen wiederbekommen. Darum geht es. 

Die Frage ist doch dann: Können wir das überhaupt, auf Selbstbefriedigung und Sex zu verzichten?

Möglich ist es auf jeden Fall. 

Hast du Beispiele? 

Ich habe von Leuten gehört, die sogar ein Jahr nicht masturbiert und keine Pornos geguckt haben. 

Wie reagieren eigentlich deine Freunde, Bekannten und Familie auf deinen Verzicht? 

Am Anfang war es nicht so einfach. Es haben sich einige darüber lustig gemacht. Das ist meistens aber so, wenn man etwas macht, was andere nicht kennen. Mittlerweile gehe ich damit aber auch ganz anders um, ob auf der Arbeit, bei meinem Kampfsport, meiner Familie oder wenn ich neue Leute kennenlerne. Ich bin da viel authentischer und deshalb sind die Reaktionen auch anders. In meiner Familie finden es eigentlich alle gut, da ich ja auch versuche, anderen zu helfen. 

Diese Hilfe heißt aber nicht, dass du andere Leute bekehren willst? 

Nein, das versuche ich auf keinen Fall. Ich sage nur, was bestimmte Dinge bei mir ausgelöst haben. Wenn dadurch aber andere Menschen darauf schließen, dass sie ähnliche Probleme haben und mein Weg ihnen helfen kann, dann freue ich mich darüber. Dennoch sollte jeder das machen, was für ihn das Richtige ist – und womit er sich wohlfühlt. Und wenn Leute meinen, sie können damit umgehen, dann sollen sie das gerne machen.

Du würdest also auch nicht Internetpornografie verbieten, wenn du es könntest?

Nein. Zum einen erzeugen Verbote oftmals das genaue Gegenteil und zum anderen bin ich gegen eine Regulierung des Internets.