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Reportage der Woche

"Adult Baby Diaper Lovers": Little, 23, lässt sich gern wickeln: "Mein wahres Ich ist zwei Jahre alt"

Sie fühlt sich nur als Kleinkind ihrem wahren Ich nahe, er kümmert sich gerne um sie. Wir haben einen Tag mit Menschen verbracht, die Vater und Kind "spielen", sie nennen es Ageplay. Warum sich jemand freiwillig wickeln lässt und wie die Beziehung der beiden aussieht, seht ihr im Video.

Daddy und Little

Wir sind auf dem Weg in den Süden von Niedersachsen und ich bin aufgeregt. Denn auch, wenn ich mich seit fast einem Jahr auf diesen Tag vorbereitet habe, bin ich mir unsicher, was mich dort erwarten wird. Immerhin treffen wir uns gleich mit zwei Menschen, die etwas machen, was so weit außerhalb meiner eigenen Lebensrealität liegt, dass ich 26 Jahre meines Lebens noch nie etwas davon gehört hatte: Ageplay, oder ABDL, kurz für Adult Baby Diaper Lovers.

"Der Begriff Ageplay (engl. Age, Alter; play, Spiel) bezeichnet Rollenspiele, bei denen die Teilnehmer so agieren, als hätten sie ein anderes Lebensalter, beispielsweise beim bekannten 'Vater-Mutter-Kind'-Spiel von Kindern. Grundsätzlich kann das Alter der angenommenen Rolle über oder unter dem tatsächlichen Alter des Beteiligten liegen", sagt Wikipedia dazu. Über zahlreiche E-Mails und Telefonate habe ich bereits gelernt, dass dahinter noch viel mehr steckt.

Gestoßen bin ich auf Ageplay über eine amerikanische Youtuberin, Binkie Princess, die durch ihre Liebe zum "Rollenspiel" in gewissen Online-Kreisen eine Berühmtheit geworden ist. Stolz präsentiert sie dort ihr neu eingerichtetes Kinderzimmer mitsamt Wickeltisch und Gitterbett, zeigt, wie ihr "Daddy" sie ins Bett bringt, ihr vorliest – und Millionen Menschen schauen zu.

Über ein Forum lerne ich "Daddy" kennen

Eine schnelle Suche im Internet zeigt, dass es auch in Deutschland eine aktive ABDL-Community gibt. Im Forum "Traumkinderland" tummeln sich zahlreiche Menschen, die nach gleichgesinnten Spielpartnern und Tipps suchen. Eine E-Mail an den Administrator verweist mich an einen Mann, den wir nun "Daddy" nennen werden. Er selbst hat kein Interesse daran, Windeln zu tragen. Stattdessen trifft er sich in regelmäßigen Abständen mit meist jungen Frauen und babysittet sie.

Was wie eine Befriedigung perfider Träume klingt, ist für ihn alles andere als sexuell. Daddy hat kein Interesse daran, mit den Frauen zu schlafen, er will sich um sie kümmern, für sie sorgen. Viele von ihnen könnten wegen Kindheits-Traumata Nähe nur zulassen, wenn sie einen Schutz tragen – wie die Windel. "Nach außen sieht es viel so aus, als wenn die Accessoires im Vordergrund stehen, also Schnuller, Windeln, Flaschen und die Kleidung",  schreibt Daddy mir im Vorhinein. Da es sich hier aber nicht um ein Verkleidungs-Rollenspiel handele, sei das Zubehör dafür da, die Authentizität zu erhöhen. "Bei den meisten geht es aber nicht darum, eine Windel zu tragen oder aus der Flasche zu trinken, sondern darum, versorgt zu werden. Verantwortung abzugeben, Geborgenheit und Nähe zu empfinden und sowas. Also Bedürfnisse aus einer frühen Kindheitsphase erfüllt zu bekommen", erklärt er weiter.

Ageplay findet meist hinter verschlossenen Türen statt – das wollen Daddy und Little ändern

Allein ihn davon zu überzeugen, vor die Kamera zu gehen, ist schwer. Die Szene ist mit so vielen Vorurteilen behaftet, dass das meiste Ageplay hinter verschlossenen Türen stattfindet. Viele Ageplayer – und insbesondere die "Caregiver" wie Daddy – haben Angst, als pädophil abgestempelt zu werden. Dabei könnte das nicht weiter von der Realität entfernt sein. Daddy hat keine eigenen Kinder, will keine eigenen Kinder, kann mit Kindern, um genau zu sein, nichts anfangen. Er will niemanden, der von ihm abhängig ist. Er will sich kümmern, sorgen, emotionale Nähe spüren und das Gefühl haben, dass sich jemand bei ihm völlig fallen lässt. Und er will, dass die Öffentlichkeit lernt, dass Ageplay nichts Verwerfliches ist. 

Jetzt sind wir also auf dem Weg in die Ferienwohnung, die sich Daddy und Little für dieses Wochenende gemietet haben, um dort Vater und Tochter zu spielen – mit einer Kamera, jeder Menge Fragen und ein bisschen Aufregung über das Ungewisse im Gepäck.

Welcher Moment schlussendlich viel intimer war als das Wickeln, wieso eine Sexualtherapeutin meint, dass irgendwo in uns allen ein Ageplayer schlummert, und wie ich auf einmal mitten drin steckte, im Ageplay, seht ihr im Video.

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