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Konflikte in der Partnerschaft: Beziehungsprobleme: Woher sie stammen und wie sie sich lösen lassen

Beziehungen bedeuten Arbeit. Aber wenn sie mehr Arbeit machen, als Vergnügen zu bereiten, stimmt etwas nicht. Wir haben mit einem Beziehungspsychologen darüber gesprochen, wann es sich längst nicht mehr nur um Kleinigkeiten handelt und wann eine Trennung vielleicht die beste Lösung ist.

Von Sara Tavakoli

Frau lehnt sich an Schulter einer anderen Frau ab.

Bis zu einem gewissen Grad sind Beziehungsprobleme okay – aber wenn man sich nur noch gegenseitig verletzt, ist eine Trennung vielleicht die beste Lösung. 

Unsplash

Würde mir ein Paar erzählen, sie hätten keinerlei Beziehungsprobleme und würden sich nie, aber auch wirklich NIE streiten – ich würde es nicht glauben. Zumindest nicht, wenn die Partnerschaft älter ist als ein paar Wochen. Gibt es nicht immer irgendwelche Themen, die in einer Beziehung zu Streit führen? Das Wichtige ist doch viel eher: Lassen sich diese Konflikte lösen, oder sind es Beziehungsprobleme, die einen immer und immer wieder zur Weißglut bringen?

Diese und noch viel mehr Fragen rund um Beziehungsprobleme hat uns der Beziehungspsychologe und Autor Wieland Stolzenburg beantwortet. 

Wieland Stolzenburg: Beziehungsleben: Wie du die Lösung für eine erfüllende Partnerschaft findest. Ein Beziehungsratgeber für Paare und Singles. Verlag: Books on Demand. 

Wieland Stolzenburg: Beziehungsleben: Wie du die Lösung für eine erfüllende Partnerschaft findest. Ein Beziehungsratgeber für Paare und Singles. Verlag: Books on Demand. 

Beziehungsprobleme: Ursache liegt häufig in eigener Vergangenheit

"Du musst erst mit dir selbst zufrieden sein, bevor du es mit jemand anderem sein kannst" – Ein Satz, den ich in meinem Leben schon ein paar Mal gehört und bestimmt schon ein paar Mal häufiger weitergegeben habe. Ein Satz, der sich zunächst nach einer inhaltsleeren Floskel anhört, in Wahrheit aber ziemlich viel weisen Rat auf einmal bietet.

Denn häufig sei es unsere eigene unaufgeräumte Lebensgeschichte, die zu Beziehungsproblemen führt, sagt Wieland Stolzenburg. Einerseits würden wir in einer Partnerschaft das suchen, was wir früher – meist von unseren Eltern – nicht bekommen haben, und andererseits könne uns der Partner genau an diesen wunden Punkten leicht treffen. Man könnte sich das symbolisch mit zwei Rucksäcken vorstellen, die jeder mit sich umherträgt: In dem einen stecken unsere Fähigkeiten, Ressourcen und Stärken, und in dem anderen unsere Schwächen und Wunden. Sich mit dem Rucksack der Verletzungen zu befassen, und Erlebnisse unserer Kindheit auf- und zu verarbeiten, sei die beste Basis für eine langfristig erfüllende Partnerschaft. "Wenn das beide eigenverantwortlich machen, ist es der Königsweg. Das bedeutet auch, dass wir weg von den Vorwürfen und Veränderungswünschen an unseren Partner kommen müssen, hin zum Blick auf uns und der Frage: Was bin ich bereit zu investieren und was bringe ich an Themen aus meinem Leben in die Partnerschaft?", so Stolzenburg.

Ab wann sind Beziehungsprobleme "normal"?

Ich weiß noch genau, wann es in meiner Beziehung zu den ersten Problemen kam. Etwa sechs Monate waren vergangen, die Schmetterlinge in meinem Bauch hatten sich etwas beruhigt und plötzlich waren da Bedürfnisse, die nicht erfüllt wurden und Dinge, die mich an meinem Partner nervten. Hatte ich in der Anfangszeit noch geduldig auf meinen unpünktlichen Freund gewartet, und darüber gewitzelt, angezogen mit Schuhen, Mütze und Jacke auf ihn warten zu müssen, merkte ich, wie ich das nach ein paar Monaten gar nicht mehr so lustig fand. 

"Ich erlebe in meiner Arbeit zwei Phasen, bei welchen vermehrt Beziehungsprobleme zum Vorschein kommen", so Stolzenburg. Nach dem Ende der Verliebtheitsphase sei das häufig der Fall: "Der Hormonspiegel sinkt, wir setzen langsam die Idealisierungsbrille ab und beide Partner erleben und erkennen langsam auch Seiten an dem anderen, die wir weniger mögen", sagt er. Aber selbst, wenn sich schon von Anfang an Beziehungsprobleme zeigen, sei das nicht so schlimm, wenn sie sich nachhaltig lösen lassen, so Stolzenburg. Manchmal sei es sogar von Vorteil, wenn man sich schon zu Beginn der Partnerschaft so zeigt, wie man wirklich ist. Man müsse sich dabei bloß immer fragen, ob man die Themen lösen kann und wer den Leidensdruck hat. Der zweite Zeitpunkt, an dem Stolzenburg vermehrt Beziehungsprobleme beobachtet, sei bei größeren Veränderungen, die zu Herausforderungen führen können: Zusammenziehen, neuer Beruf, Arbeitslosigkeit oder sogar Nachwuchs.

Ich lebe selbst nicht mit einem Partner zusammen, aber ich habe es bei zwei guten Freunden erlebt: Das Zusammenziehen hat tatsächlich derartige Beziehungsprobleme verursacht, dass man sich zwischenzeitlich gefragt hat, ob das eine ihrer schlimmsten Beziehungskrisen ist, eine Trennung kurz bevorsteht und wir bald wieder anrücken müssen, um beim Umzug zu helfen. Spoiler: Nach ein paar Wochen haben sich alle Beteiligten beruhigt. Die Beziehungen gibt es alle noch.

Kleinigkeit oder ernstes Problem?

Nach ein paar Jahren wurde die ständige Unpünktlichkeit meines Partners zu einem immer größeren Thema in unserer Beziehung. Irgendwann, bestimmt nach dem 15. Streit zu diesem Thema, fragte ich mich: Ist das eigentlich nur eine Kleinigkeit, an der ich mich aufhänge, oder ist es mittlerweile ein ernst zu nehmender Konflikt, den wir in der Beziehung haben? Stolzenburg rät, sich an zwei Maßstäben zu orientieren, wenn man sich bei der Antwort dieser Frage nicht sicher ist: 1. Ist es ein immer wiederkehrendes Thema, das sich trotz Kommunikation, Austausch und Interesse am anderen nicht ändert? 2. Kann ich das Thema irgendwann innerlich loslassen, oder trage ich Groll oder sogar Hass mit mir herum, der sich gegen meinen Partner richtet?

Ob man wirklich loslassen kann, muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden. Würde ich zu sehr unter dem Verhalten meines Partners leiden, würde es mich vermutlich nicht glücklich machen, meine Gefühle einfach zu unterdrücken. Ich muss mich also selbst fragen: Kann ich die Unpünktlichkeit meines Partners akzeptieren, oder ist es für mich tatsächlich ein Grund für eine Trennung? Laut Stolzenburg kann jedes große Problem in einer Beziehung gelöst werden, wenn beide Partner an sich selbst arbeiten und nicht die Lösung von ihrem Partner erwarten.

Beziehungsprobleme: Wann hilft nur noch eine Trennung?

Bei welchen Beziehungsproblemen nur noch eine Trennung die Lösung ist, sei schwierig allgemein zu beantworten, so Stolzenburg. Aber zumindest müsse man sich im besten Fall die folgenden Fragen selbst beantworten können: 1. Weiß mein Partner von meiner Unzufriedenheit und, dass ich eine Trennung in Betracht ziehe? 2. Habe ich selbst 100 Prozent gegeben, dass es sich zum Guten verändert und 3. Sind die schwierigen Themen ähnlich wie in meinen vorherigen Partnerschaften? Wenn man die dritte Frage auch mit ja beantwortet, mache es Sinn, die Themen in der aktuellen Beziehung anzugehen, denn sonst würde man sie einfach in eine neue Beziehung mitnehmen, rät Stolzenburg.

Und trotzdem sei es wichtig zu akzeptieren, dass es kleine Konfliktthemen in jeder Beziehung geben wird: "Leben bedeutet Veränderung, und diese führen immer zu unterschiedlichen Einschätzungen, Bedürfnissen und Wünschen", sagt er. 

Wenn ich das nächste Mal angezogen mit Jacke, Mütze und Schuhen im Wohnzimmer sitze und warten muss, werde ich drei Mal tief durchatmen und mir diesen Satz ins Gedächtnis rufen.