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Romantik: Wer hatte eigentlich die Idee mit den Liebesschlössern?

Liebende hatten schon immer das Bedürfnis, ihre Liebe zu verewigen. Was früher das in einen Baum geritzte Herz war, sind heute Liebesschlösser an Brückengeländern. Wer ist eigentlich auf diese Idee gekommen? Autor Sven Stillich erklärt es in seinem neuen Buch.

Liebesschlösser an der Kölner Hohenzollernbrücke

Die Hohenzollernbrücke in Köln ist inzwischen berühmt für ihre Massen an Liebesschlössern

Getty Images

Wir wissen, dass wir nicht für immer auf der Welt sein werden – und wir ahnen, dass diese sich auch ohne uns weiterdrehen wird. Das Leben wird vielleicht kurz aus dem Takt geraten, doch irgendwann wird die Sonne aufgehen, und wir werden vergessen sein. Seit wir aber die passenden Werkzeuge erfunden haben, können wir uns an einem Ort verewigen – oder zumindest unseren Namen und unsere Anwesenheit. Der Drang, etwas Bleibendes zu schaffen, ist so menschlich wie zu frieren, wenn es kalt ist: Etwas soll uns und vor allem den anderen nach uns beweisen, dass wir auf der Welt waren.

Besonders die Liebenden haben schon immer ein eher vergängliches Medium ins Herz geschlossen haben: den Baum. Vielleicht, weil man sich gut an ihnen verabreden und hinter ihnen verstecken kann und weil sie überall wachsen, in jeder großen Stadt, in jedem kleinen Dorf. Doch der Baum ist leider ein organischer Speicher, er verging und vergeht. Bereits Goethe schreibt sich 1766 in Leipzig mit seiner Liebe Käthchen Schönkopf in eine Linde ein. Die Linde galt bereits damals als Baum der Liebe.

Das Liebesschloss – in einem Roman geboren

Heute ist das in eine Rinde geritzte Herz für die meisten nur noch eine romantische Projektion, ein Valentinstags-Klischee. Jeder weiß, dass das Ritzen den Bäumen nicht guttut. Heute hängt man Schlösser an Brücken, bis diese unter dem Gewicht zusammenbrechen. Nach Deutschland kam der Brauch um das Jahr 2008, und zwar aus Italien. Dort waren die "lucchetti dell'amore" durch einen Roman populär geworden. In Federico Moccias "Ich steh auf dich" verlieben sich Step und Gin ineinander, und irgendwann stehen die beiden auf einer Brücke: "Siehst du das hier?", fragt dann Step seine Freundin. "Das ist die sogenannte Kette der Verliebten. Man hängt ein Vorhängeschloss an die Kette, schließt es ab und wirft den Schlüssel in den Tiber." – "Und dann?", fragt Gin. "Bleibt man für immer zusammen." Step befestigt das Schloss an der Kette, schließt es ab, zieht den Schlüssel heraus und schaut Gin in die Augen. Sie schaut ihn an, lächelt, zieht eine Augenbraue hoch. Step nimmt den Schlüssel zwischen Daumen und Zeigefinger, lässt ihn noch ein bisschen in der Luft baumeln. Dann lässt er ihn los. Der Schlüssel fällt, dreht sich in der Luft und verliert sich in den Fluten des Tibers. Gin schaut verträumt dem Schlüssel nach, eine Spur zu lange, dann "springt sie mich an, umklammert mich mit ihren Beinen, umarmt mich, küsst mich, heult vor Freude auf, sie ist wahnsinnig, sie ist verrückt, sie ist ... Sie ist schön."

Diese Schlüsselszene löst einen Hype aus. In einigen Städten wie Berlin und Venedig ist der Brauch inzwischen verboten. In Paris stürzte das Brückengeländer der Pont des Arts durch das Gewicht von mehr als 90 Tonnen Schlössern einfach ein. An der Kölner Hohenzollernbrücke – wo hierzulande mutmaßlich alles begonnen hat – hängen inzwischen mehr als 150.000 Liebesschlösser, hinzu kommen die virtuellen Schlösser, die man im Internet an die Brücke hängen kann. In einem Hotel in Köln kann man sogar ein "Romantik- Weekend Lucchetti dell'Amore di Colonia" buchen, "inkl. 1x buntes Liebesschloss inkl. Schlüssel und inkl. romantischem Liebesgedicht; gegen Aufpreis und auf Anfrage im Hotel bieten wir auf Wunsch eine individuelle Gravur (Liebesschloss) an". Wohl nichts für Kurzverschlossene.

Wir sind hier gewesen, als wir beide ein "Wir" wurden. Wir wünschen uns, dass dieser Ort unser Versprechen auf Ewigkeit für immer bewahrt. Und alle sollen das sehen können: An einem öffentlichen Ort in verschlossenem Metall sichtbar zu machen, dass man sich gebunden fühlt, ist ein Ausdruck von Sehnsucht nach sicherster Sicherheit. Das Schloss, dessen Schlüssel man wegwirft, ist wie ein Vertrag, den man nicht mehr ändern kann. Der Ort, die Brücke, wird zum Schließfach dieses Vertrags - hierhin kann man zurückkehren, und das Schloss wird noch da sein – auch wenn die Liebe vielleicht den Bach runtergegangen ist.

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