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Millionen Betroffene : Virtueller Therapeut: Mit dieser Idee will eine 31-Jährige Depressions-Kranken helfen

Kristina Wilms hat eine App erfunden, die Menschen mit Depressionen das Leben leichter machen soll. Was man als Betroffener braucht, weiß sie selbst am besten. Und trotzdem muss sie für ihre Idee kämpfen.

Ein Küchenfußboden ist kein guter Ort, um ein Wochenende zu verbringen. Das wusste Kristina Wilms auch. Aber es ging nicht anders. "Ich hatte zu nichts mehr Kraft. Konnte nur noch heulen und daliegen", erinnert sie sich heute, rund fünf Jahre später. Als sie zwischen Herd und Spüle eingerollt auf dem Boden lag und wollte, ihr Leben wäre endlich vorbei, lebte sie seit einem Jahr in Berlin. Ihr Masterstudium hatte sie abgebrochen, ein ersatzweise eilig angefangenes Praktikum war gerade zu Ende gegangen. "Die große Leere, die ich in dem Moment spürte, war letztlich aber schon immer da", sagt die heute 31-Jährige.

Bereits während der Schulzeit habe sie gemerkt, dass sie sich mehr Sorgen machte als andere. Dass Dinge sie schneller aus der Bahn warfen. Oft hielt sie, die mit ihren Sommersprossen nach außen einen fröhlichen und unbeschwerten Eindruck macht, sich für unfähig oder dumm, fühlte sich wie gelähmt vor Traurigkeit. "Das webt sich so nach und nach ein", erzählt sie. "Man gewöhnt sich an die Symptome, sie werden Teil von einem. Und irgendwann kann man nicht mehr unterscheiden: Bin ich das? Ist das mein Charakter? Oder ist das die Krankheit?"

Diese 31-Jährige hat eine App erfunden, die Depressionen lindern soll

Hat eine Depressive die Kraft, ein Unternehmen zu führen? Kristina Wilms musste viele Zweifler erst überzeugen.

Viele erkranken bereits als Teenager an Depressionen

In Deutschland leiden etwa vier Millionen Menschen an Depressionen. Frauen erkranken ungefähr doppelt so häufig wie Männer. Die Chance, einmal in seinem Leben zumindest zeitweise an einer zu leiden, liegt in einem entwickelten Land wie Deutschland bei 16 bis 20 Prozent. Grundsätzlich können Depressionen in jedem Lebensalter auftreten, aber viele erkranken bereits als Teenager, häufig ohne ihren Zustand sofort als Depression zu erkennen.

"Als ich in meinen eigenen Tränen auf dem Küchenboden lag, war klar, dass das mehr war als nur normales Traurigsein oder eine niedergeschlagene Phase", sagt Kristina Wilms heute. "Es war wie ein Fallen in ein unendlich tiefes Loch." Kristina ging ihre Kontaktliste im Telefon durch, verschickte Hilferufe per . Zeitgleich standen zwei Freunde vor ihrer Tür und brachten sie ins Kreuzberger Klinikum Am Urban. Zehn Wochen blieb Kristina in stationärer Behandlung. "Diese ganzen Gruselgeschichten über Psychiatrien sind Quatsch", sagt sie. "Ich wurde nicht gezwungen, Medikamente zu nehmen, mir wurden nicht Hunderte von Verhaltensvorschriften gemacht. Die Leute da sind sehr entspannt."

App Arya als virtueller Therapeut

Jetzt sitzt Kristina im Mindspace, einem Coworking-Office in der Berliner Friedrichstraße. Statt brachialer Silicon-Valley-Sprüche wie "Move fast and break things" stehen hier Weisheiten wie diese an der Wand: "If you have time to , you have time to meditate". Daneben hängen Fixie-Rennräder zum Ausleihen, in den Gemeinschaftsarealen wird Kaffee gebraut, und immer läuft jemand rum, der sich in dem Labyrinth aus Minibüros, Telefonkabinen und buchbaren Konferenzräumen verlaufen hat: "Tschuldigung, ... weiß jemand, wo M7 ist?"

Arya heißt die App, an der Kristina Wilms hier mit ihrem Bekannten Purcy und der Psychologin Inga arbeitet. Die App ist im Moment ein Moodtracker, mit dem man seine Stimmungen im Alltag dokumentiert. In Zukunft soll die App noch weiter gehen und fast ein virtueller Therapeut werden.

Therapiebegleitende App für Depressions-Kranke

"Nach dem Aufenthalt in der Klinik dachte ich, ich hätte alles im Griff", erzählt Kristina Wilms. "Aber sobald ich wieder allein wohnen und so banale Dinge wie Einkaufen und Wäschewaschen erledigen musste, spürte ich, wie viel im Argen lag." Für die ambulante Therapie, die sie daraufhin begann, musste sie mehrmals täglich Fragebögen ausfüllen. Das ist eine gängige Methode, um zu erfassen, was die Betroffenen tun und wie es ihnen geht, um so zu merken, was einem guttut und welche Situationen umgekehrt depressive Schübe auslösen können. "Ich wusste, dass diese Fragebögen hilfreich und sinnvoll sind", sagt Kristina. "Aber ich fand es trotzdem immer extrem mühsam, sie auszufüllen und zum Beispiel im Café oder der Bahn auch peinlich."

Eine Erkenntnis, die eine entscheidende Wende in ihr Leben brachte: Als sie eine Newsletter-Mail mit der Frage "Hast du eine Idee für ein Start-up?" erhielt, bewarb sie sich aus einer Laune heraus und wurde eingeladen, eine Woche im "StartupBus" mitzufahren, einem rollenden Mini-Inkubator für Digitalgründer. "Ich bin da ohne Laptop aufgetaucht und hatte keine Ahnung", erinnert sie sich. "Ich wusste weder, was ein Pitchdeck, noch, was ein Hackathon ist."

Statt eines Laptops hatte sie eine Idee im Gepäck: eine therapiebegleitende App, die das Ausfüllen der Fragebögen erleichtern und als Bindeglied zwischen Patient und Therapeut fungieren soll. Situationen und Stimmungen zu dokumentieren, wäre per App weniger peinlich als auf Papier, dachte Kristina, weil es weniger auffällig geht. Purcy, der ebenfalls im StartupBus mitreiste ("Im Gegensatz zu mir wusste er, was der Unterschied zwischen Android und iOS ist"), war von der Idee überzeugt. Gemeinsam mit ein paar anderen Teilnehmern tüftelten sie daran herum. Am Ende gewannen sie den Wettbewerb.

"Meine Krankheit ist definitiv noch ein Stigma"

Trotz des Zuspruchs, den die Idee von Anfang an bekam, war es schwierig, Investoren für das Projekt zu finden. Zwar wünschen sich von Krankenkassen bis zu Pharmaunternehmen alle eine App, die Depressive in ihrem Therapieprozess unterstützt. Aber die Entwicklung einer solchen App dann in die Hände einer bekennenden Depressiven legen? Das dann vielleicht lieber doch nicht. "Meine Krankheit ist definitiv noch ein Stigma", sagt Kristina Wilms. "Es wird zwar immer behauptet, es sei heutzutage kein Tabu mehr, zum Therapeuten zu gehen aber das stimmt zumindest im Berufsleben leider überhaupt nicht." 

Die App Arya soll Menschen mit Depressionen das Leben erleichtern. 

Die App Arya soll Menschen mit Depressionen das Leben erleichtern. 

Gerade in der Start-up-Welt hat man abzuliefern, zu funktionieren, begeisterungs- und leistungsfähig zu sein. Nicht verheult und von Selbstzweifeln geplagt. "Es gibt Leute, die liken nicht mal unsere Facebook-Seite, weil sie Angst haben, dass es negativ auf sie zurückfallen könnte, wenn man denkt, sie litten selbst an Depressionen", sagt Wilms. Wenn sie Vorträge über ihre Krankheit und die App hält, kommen erst hinterher, einzeln und unauffällig, andere Gründer zu ihr. Und geben zu, dass sie auch Antidepressiva nehmen oder eine Therapie machen.

Auf die Frage, wie es sich angefühlt hat, dass die meisten potenziellen Sponsoren es ihr als Betroffener nicht zutrauten, die App zu entwickeln, denkt sie einen Moment länger nach. "Das sagt einem ja niemand ins Gesicht", antwortet sie dann ganz ruhig. "Das bekommt man ja eher zwischen den Zeilen mit." Statt Wut oder Hilflosigkeit habe das in ihr aber eher den Wunsch ausgelöst, der Welt zu beweisen, dass sie es eben doch kann. Kristina Wilms klingt dabei nicht kämpferisch, sie sagt es mit der sanften Stimme einer Meditationslehrerin. "Es stimmt ja auch ein Stück: Ich kann mit meiner Krankheit tatsächlich nicht 80 Stunden pro Woche arbeiten, wie das oft von Gründern erwartet wird", fügt sie hinzu.

Die Depression fragt nicht nach objektiv nachvollziehbaren Gründen

Richtig freuen konnte sich Kristina Wilms anfangs nicht über den Zuspruch, den sie im StartupBus bekam. Auch nicht über all die Preise, die sie und ihr Team abräumten. Denn da war immer noch diese Krankheit, die sie nicht loswurde, die sie weiter von innen auffraß. "Für viele Preise braucht man ehrlich gesagt nicht mehr als eine gute Idee und eine schöne Website", sagt sie auch heute redet sie sich ihren eigenen Erfolg noch schlecht. Es ist ein zentraler, vielleicht sogar der wichtigste Punkt, an dem Nichtdepressive die Krankheit nicht verstehen: Die Depression fragt nicht nach objektiv nachvollziehbaren Gründen. Sie fragt nicht, ob der Betroffene einen Anlass hat, sich schlecht zu fühlen. Dem Sog des Küchenbodens ist es egal, ob vielleicht von außen betrachtet gerade alles ganz gut läuft.

"Erst seit etwa einem Jahr geht es mir wieder wirklich gut, habe ich wieder Boden unter den Füßen", sagt Kristina. "Das liegt an einer Kombination aus Therapie und Medikamenten und daran, dass ich eine Ausbildung zur Yogalehrerin gemacht habe auch wenn das ein grauenvolles Klischee ist."

Der Start-up-Inkubator Flying Health und die Klinikgruppe Agaplesion waren schließlich die Einzigen, die sich nicht von Wilms’ Krankheit abschrecken ließen, und wurden zu Geldgebern für Arya. Zurzeit arbeitet das Team daran, eine Zertifizierung als Medizin-App zu bekommen. Dann dürfte die App mehr Daten erfassen als bisher. Zwar können Nutzer mit Arya schon ihre Stimmungen festhalten, auf diesen Daten basierende Einschätzungen darf die App aber nicht abgeben, dass muss ein Therapeut machen.

"Wir wollten einfach ganz naiv die Welt ein bisschen besser machen"

Solche Therapietagebücher als App gibt es schon, das Arya-Team plant aber noch weiter: Im Rahmen einer Studie soll die App lernen, die Symptome, die der Nutzer eingibt, einzuordnen, zu verstehen und darauf basierende Handlungsempfehlungen zu geben. Dazu wäre dann eine weitere Zertifizierung nötig, ein komplizierter Prozess, aber dafür wäre das dann eine echte Innovation: Einen solchen virtuellen Therapiebegleiter gibt es noch nicht.

"Andere Gesundheits-Startups analysieren den Markt und entwickeln dann gezielt ein Produkt", sagt Wilms. "Wir wollten einfach ganz naiv die Welt ein bisschen besser machen." Der Inkubator Flying Health, der ausschließlich Gesundheits-Start-ups unterstützt, habe dann vor etwa anderthalb Jahren den Wechsel von wolkig-blumigen Träumereien hin zu Excel-Tabellen und Kostenkalkulation gebracht. "Die pushen uns einerseits und zwingen uns zur Professionalität, geben uns dadurch aber auch Stabilität und ich merke, dass mir das auch persönlich sehr hilft."

Die Welt zu einem besseren Ort machen zu wollen, klar, das ist eine der besonders abgenudelten Start-up-Phrasen, die in keinem Pitch-Video fehlen dürfen. Aber wenn man Kristina, Purcy und Inga dabei beobachtet, wie sie über ein User-Flowchart diskutieren oder über das perfekte Mischverhältnis von Pflichterfüllung und Vergnügen, dann nimmt man ihnen ab, dass es ihnen tatsächlich darum geht, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Für Patienten ist die App kostenlos

Wie idealistisch die Gründer sind, merkt man auch an ihrem geringen Interesse an Gewinn. Für Patienten ist die App kostenlos und soll es auch in der erweiterten Form bleiben. Werbung und In-App-Käufe, mit denen sich die meisten kostenlosen Apps finanzieren, scheiden bei einem so sensiblen Thema wie Depression auch aus. Und damit Krankenkassen für Arya bezahlen, müssen erst langwierige Zertifizierungsprozesse und Wirksamkeitsstudien absolviert werden. "Uns steht definitiv noch ein langer Weg bevor", sagt Kristina. Trost und Unterstützung holt sie sich vor allem von Freunden, die selbst in der Start-up-Szene aktiv sind. "Die Leute in diesem Netzwerk kennen das emotionale Auf und Ab", sagt Kristina. "Freunde außerhalb der Szene fragen mich manchmal eher, ob ich mir nicht einfach einen ganz normalen Job suchen will."

Natürlich ist es sinnvoll, dass Gesundheits-Apps strenger kontrolliert werden als "Clash of Clans". Doch gerade im Bereich der Psychotherapie könnte man mit Apps so vieles verbessern: Etwa ein halbes Jahr muss man in durchschnittlich auf einen Therapieplatz warten. Natürlich kann eine App wie Arya für einen akut Depressiven keinen Therapeuten ersetzen, aber vielleicht kann sie jemanden, der auf dem Weg in eine Depression ist, davor bewahren. Kann Patienten auf dem Weg zurück in den Alltag helfen. Und kann so das völlig überlastete Therapeutennetzwerk entlasten und zu kürzeren Wartezeiten für die wirklich akuten Fälle führen.

Kristina Wilms ist froh, dass die Welt für sie selbst wieder zu einem lebenswerten Ort geworden ist. "Ich wache nicht mehr jeden Tag auf und habe Angst. Ich fühle mich stärker und habe wieder Freude am Leben", sagt sie. "Und dafür bin ich sehr dankbar." Auf ihrem Küchenboden liegen seit langer Zeit allenfalls noch ein paar Krümel.

Ihr leidet unter Depressionen und habt suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Seht hier im Video: "Wie Ex-Fußballprofi Andreas Biermann gegen Depressionen kämpfte"