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Plädoyer für Sterbehilfe: Holly zeigt online, wie eine Krankheit sie langsam zerstört. Jetzt will sie sterben.

Darf ein Mensch selbst über seinen Tod bestimmen? Die Australierin Holly Warland ist unheilbar krank und dokumentiert ihr schwieriges Leben auf Instagram. So will die 27-Jährige auch zeigen, warum aktive Sterbehilfe legalisiert werden sollte.

Instagram-Fotos von Holly Warland

Mit allen Höhen und allen Tiefen: Holly Warland dokumentiert ihren Weg bis zum Tod auf Instagram

Es ist nicht leicht, der 27-jährigen Holly Warland in die Augen zu sehen. Einerseits strahlen ihre Augen etwas extrem Fröhliches aus, andererseits sieht man in ihnen auch jahrelange Frustration und Hoffnungslosigkeit. Mit elf Jahren wird bei Holly, die in Australien aufwächst und lebt, Gliedergürteldystrophie festgestellt – eine seltene und unheilbare Krankheit. Die Erkrankung geht auf eine Genmutation zurück und lässt Hollys Muskeln immer schwächer werden. Vereinzelt treten auch Lähmungen auf. Der Prozess ist von starken Schmerzen begleitet.

Es steht fest, dass die junge Australierin nicht mehr lange leben wird. Trotzdem und gerade deswegen hat sie sich entschlossen, ihre seltene Krankheit auf Instagram, Facebook und Twitter zu dokumentieren. Doch sie will mit ihren Social-Media-Aktivitäten nicht nur das Leben mit der Krankheit und ihren damit verbundenen Zerfall dokumentieren, sie wirbt mit ihrem Schicksal auch für eine Legalisierung aktiver Sterbehilfe.

"Peinlichkeit wird nie gegen Schmerzlinderung siegen"

Holly lebt in der australischen Region Sunshine Coast im Bundesstaat Queensland. Sie ist Anfang Oktober 27 Jahre alt geworden, lebt seit 2015 mit ihrem Freund Luke zusammen und schreibt als Autorin Texte für Zeitungen und Magazine. Sie war gerade dabei, ihren Doktor in Neurowissenschaften zu machen, als sie wegen ihrer Krankheit aufgeben muss. Ihr Körper war einfach zu schwach für die Belastung. In ihrem Twitterprofil schreibt sie deshalb etwas selbstironisch, dass sie "einen halben Doktor" hat.

So ist Holly. Für sie ist das Glas meistens halbvoll und nicht halbleer. Sie kann über sich selbst lachen und zeigt auf Facebook, Instagram und Co., was ihr im Alltag weiterhin Freude bereitet. Andererseits beschönigt sie auch nichts. Unverblümt zeigt sie ihren nicht zu stoppenden, körperlichen Zerfall – so, wie er ist: gnadenlos, unaufhaltsam und schmerzhaft. Alleine auf Instagram folgen ihr über 15.000 Menschen. Ihren ersten Post hat sie erst im März 2017 abgesetzt. Selbstironisch postete sie damals ein Foto von sich im Rollstuhl. Auf ihrem T-Shirt steht "World's okayest runner". Laufen kann Holly da schon lange nicht mehr.

Gemeinsam mit ihrem Partner Luke zeigt sie ihren Alltag mit Fotos und Videos. Sie schreibt die Texte, Luke steht hinter der Kamera. Die ungeschminkten Fotos, die alle ohne Filter auskommen, brennen sich ins Gedächtnis des Betrachters. Ihre offene und ehrliche Art zu schreiben macht manchmal betroffen und zaubert dem Betrachter doch immer wieder ein Lächeln ins Gesicht.

"Ich liege täglich rund zwölf Stunden auf meinem Rücken. Also muss ich kreativ werden, um mir Entlastung zu verschaffen. Das ist mein 'super-dooper' verstellbares Bett", schreibt die 27-Jährige auf Instagram und zeigt sich in eher ungewöhnlicher Liegeposition in ihrem Bett. Um ihre Rückenschmerzen zu bekämpfen, nutze sie das Bett entgegen der Produktbestimmungen. "Ich sehe dabei unglaublich blöd aus, aber Peinlichkeit wird nie gegen Schmerzlinderung siegen."

Holly Warland: "Ich möchte einen guten Tod"

140 Fotos und Videos hat sie in anderthalb Jahren auf Instagram veröffentlicht. Arbeitet man sich von der Vergangenheit weiter zur Gegenwart durch, ist das Fortschreiten von Hollys Krankheit deutlich zu erkennen. Mal schreibt sie darüber, dass sie sich extrem häufig übergeben muss, mal zeigt sie sich beim Duschen, dann wieder im Abendkleid. Immer an ihrer Seite: Luke. Er kümmert sich rund um die Uhr um seine kranke Freundin. Er begleitet sie, wo auch immer Holly hingeht.

Eines Tages, so berichtet es Holly in einem auf Youtube veröffentlichten Video, habe sie ihm mitgeteilt, dass sie sterben möchte. Dass sie sterben wird, war allen klar. Aber dass sie ihrem Leben früher und selbstbestimmt ein Ende setzen möchte, war ihrem Umfeld bis dahin neu – und für Luke zunächst ein großer Schock. "Luke ist mein Pfleger. 2015 sind wir zusammengezogen. Wir haben zwei Katzen und gucken sehr viel Netflix", so Holly. Mit dem Fortschreiten ihrer Krankheit hätten die beiden gewusst, dass sie früher oder später über ihre gemeinsame Zukunft sprechen müssen. 2016 fasste Holly den Entschluss und informierte ihren Partner, ihre Familie und ihre Freunde, dass sie selbst darüber entscheiden möchte, wann und wie sie stirbt. Mit aktiver Sterbehilfe wolle sie ihr Leiden beenden und einen "guten Tod" sterben.

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Zu Lukes Reaktion sagt sie: "Er war bestürzt, aber gleichzeitig unterstützend." Natürlich sei auch ihre Familie sehr traurig gewesen, habe aber auch Verständnis gezeigt. Vielen Menschen um sie herum sei einfach nicht bewusst gewesen, wie sehr sie unter ihrer Krankheit und den damit einhergehenden Schmerzen leide. "Eltern wollen nie ihre Kinder sterben sehen. Aber zu sehen, wie jemand leidet, ist für viele noch viel schlimmer", sagt die 27-Jährige über ihre Entscheidung. Holly sagt, dass sie sich nichts anderes wünscht als einen Tod ohne Schmerzen, ohne Komplikationen, zu einem selbstbestimmten Zeitpunkt und von einem Fachmann begleitet. Deshalb setzt sie sich in dem Youtube-Video und auf Instagram für die Legalisierung aktiver Sterbehilfe ein. Noch müsste sie dafür zum Beispiel in die Schweiz reisen. In Australien ist aktive Sterbehilfe verboten.

Noch lebt Holly – und zeigt ihren Alltag weiter im Internet

Doch noch ist der Zeitpunkt zum Sterben für Holly noch nicht gekommen. Noch lebt sie und dokumentiert ihr schwieriges Leben mit Gliedergürteldystrophie weiter im Internet. Ihren bisher letzten Post hat sie am 13. November auf Facebook abgesetzt. Darin schreibt sie, dass sie ihr Zuhause einen Monat lang nicht verlassen konnte und dann zu einem monatlichen Arztbesuch musste. Dort habe sie dem Arzt erklärt, dass die große Angst davor habe, von den starken Schmerzmitteln, die sie nimmt, abhängig zu werden. Der Arzt habe ihr daraufhin gesagt, dass es in ihrem Zustand okay wäre, wenn sie abhängig würde. Sie habe schließlich nichts mehr zu verlieren.

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Insgesamt sei der Arztbesuch für sie sehr deprimierend gewesen, doch dann sei etwas Witziges passiert. Luke habe ihr von dem Behandlungstisch geholfen, als plötzlich einer ihrer Klebe-BHs mit einem Plopp auf dem Boden landete. Alle Anwesenden mussten herzlich lachen. Das habe sie gefreut. Zu ihrer Geschichte zeigt Holly zwei Fotos: eins mit ihren Klebe-BHs und eins von sich selbst. Sie sitzt im Rollstuhl und lächelt. Es ist wieder eines dieser Fotos, bei denen es nicht leicht fällt, ihr in die Augen zu sehen. Obwohl sie lächelt, sieht man deutlich, wie sehr die Krankheit in den letzten Monaten schon an ihr genagt hat. Lange wird Holly nicht mehr leben.

I hadn't left the house in a month but today was my monthly doctor appointment so I made an effort and wore my fantastic...

Gepostet von Holly with the MD am Montag, 12. November 2018

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