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Neubeginn Ein gescheiterter Tod - über das Leben nach einem Suizidversuch

Eine Überlebende berichtet über ihren Alltag nach einem Suizidversuch (Symbolbild)
Eine Überlebende berichtet über ihren Alltag nach einem Suizidversuch (Symbolbild)
© GettyImages
Sofia will sich umbringen - der Versuch scheitert. Jetzt wagt sie den Neuanfang. Vor welchen Herausforderungen steht sie nach dem Wendepunkt? Und wie kann man Betroffene unterstützen?
Von Pia Steckelbach

Köln, Hauptbahnhof: In zerrissenen Jeans, Sneakers und Lederjacke steht sie vor dem Eingang. Energydrink in der einen, Zigarette in der anderen Hand. In Köln ist sie wieder einmal nur kurz, morgen fährt sie weiter nach Hamburg. Sie ist 26 Jahre alt und will neu anfangen – denn: Es ist gerade einmal zwei Monate her, dass sie versucht hat, sich das Leben zu nehmen.

Es ist der 9. Juli und in Köln scheint die Sonne. Mit suizidalen Gedanken hat Sofia* schon länger zu kämpfen, aber an diesem Abend beschließt sie, ihre Pläne in die Tat umzusetzen. Sie ruft Schwester und Mutter an, will ein letztes Mal ihre Stimmen hören. Sie weiß, dass ihr nur wenig Zeit bleibt bevor die Wirkung von Tabletten und Alkohol einsetzt. Später wird sie in einen Rausch fallen und wild Nachrichten auf ihrem Handy verschicken. Dadurch alarmiert sie ihren besten Freund, der findet Sofia in ihrer Wohnung am Boden liegend, keine Sekunde zu früh. Sie war zweimal gestürzt, hat eine Gehirnerschütterung. "Es tut mir leid!", kann Sofia noch zu ihm sagen. Am nächsten Tag wacht sie im Krankenhaus auf, ihr geht es schlecht, das erste, was sie denkt, ist: "Fuck, was habe ich nur getan?"

Wie geht es nun weiter?

Durch die Folgen der Gehirnerschütterung fällt es ihr schwer, sich über längere Zeit zu konzentrieren. Auch ihre Hand kann sie nach den Stürzen nicht mehr richtig kontrollieren. Früher hat sie gerne Gitarre gespielt, das kann sie jetzt nicht mehr. Aber sie will über ihre Geschichte reden, das Thema Suizid offen ansprechen und vielleicht einen Beitrag dazu leisten, dass es nicht länger ein Tabu bleibt. Sofia ist nicht ihr echter Name. Sie möchte nicht erkannt werden, aus Angst, später Nachteile aus ihrer Suizid-Geschichte zu erfahren.

In der Zeit nach dem Suizidversuch ist Sofias bester Freund für sie da, dafür ist sie ihm unglaublich dankbar. Sie ist vorsichtig geworden, wem sie vertraut. Insgesamt wissen nur eine Handvoll Menschen aus ihrem Umfeld von ihrem Suizidversuch. Ihre Mutter und ihre Schwester gehören nicht dazu, zu beiden hat sie den Kontakt weitgehend abgebrochen. Das Verhältnis war schon vorher angespannt. Sie will sich frei davon machen, nach den Prinzipien anderer zu leben, sagt sie.

Sofia hat eine schwere Zeit hinter sich: Das schlechte Verhältnis zu ihrer Familie, die ständigen Streits mit ihrer Schwester. Zusätzlich hat sie ihre Beziehung zu einem ehemaligen Soldaten belastet. Durch eine Posttraumatische Störung hatte er Sofia in Flashback-Phasen nicht mehr erkannt: "Ich konnte froh sein, wenn er mir seine Waffe nicht an den Kopf hielt." Wenn sie darüber spricht, kann sie ihre Tränen nur schwer zurückhalten. Sie sitzt in einem Café, im Hintergrund läuft Philipp Poisels "Wie soll ein Mensch das ertragen".

Dass es ihr nicht gut geht und sie über Selbsttötung nachdenkt, darüber hatte sie einmal mit ihrer Schwester gesprochen Trotzdem: Niemand hätte sie im entscheidenden Moment von dem Versuch abbringen können, glaubt sie. Sie hält inne. In diesem Moment denkt sie an ihren Hund, einen Dobermann. "Ich habe noch nicht einmal darüber nachgedacht was aus ihm wird, das ist echt egoistisch." Sie schaut zu Boden, ihre dunkelblonden Haare fallen ihr ins Gesicht. Ihr Hund sei der einzige, für den sie noch immer Gefühle empfinde. "Die Menschen sind schon komisch", stellt sie fest und lacht jetzt sogar ein bisschen. Ihr Hund sei immer für sie da gewesen - und natürlich ihr bester Freund. "Ich habe gedacht, es gebe keinen anderen Ausweg für mich." Heute weiß Sofia, dass es den immer gibt.

Telefonseelsorge: Bei Anruf Hilfe

Für Menschen mit Suizidgedanken oder jeglichen Problemen gibt es die Telefonseelsorge. Kostenlos und jederzeit stehen Berater für Gespräche zur Verfügung. Petra Schimmel ist Mitglied des Bundesvorstandes und Leiterin der Telefonseelsorge in Hamm, Nordrhein-Westfalen. Sie stellt fest: Es gibt gewisse Anzeichen, an denen sich suizidale Absichten erkennen lassen. Betroffene erwähnten häufig ihre Ausweglosigkeit und machten Andeutungen auf ihr Vorhaben. Auch ein Rückzug aus dem Freundeskreis oder Desinteresse an Aktivitäten, die vorher wichtig waren, könnten Hinweise sein. Aber was kann man tun, wenn der Freund oder die Freundin Suizidgedanken äußert? Petra Schimmel empfiehlt: zuhören. Das Gefühl geben, die Situation ernst zu nehmen. Unterstützung anbieten, aber nicht versuchen, jemanden aktiv von seinem Plan abzubringen. Auch für den Umgang mit Menschen, die einen Suizidversuch hinter sich haben, empfiehlt die Expertin, die Situation offen anzusprechen. Am besten sei es, von der eigenen Wahrnehmung auszugehen. Äußern, wie man selbst den Betroffenen erlebt. Vertrauen aufbauen und Hilfe anbieten, wenn es um die Bewältigung des Alltags geht.

Hilfe in Notsituationen

Für Menschen mit suizidalen Gedanken oder ihre Angehörige gibt es verschiedene Hilfsangebote. Die Telefonseelsorge bietet neben dem Telefonservice auch eine Chat- oder Mailberatung im Internet an, natürlich kostenlos und anonym. Gerade Angehörige von Betroffenen sollten auch auf sich selbst achten, mahnt Petra Schimmel. Angehörige bräuchten oft genauso viel Unterstützung wie die Betroffenen selbst, auch für sie bietet die Telefonseelsorge ein offenes Ohr. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Für Angehörige von Menschen, die sich das Leben genommen haben, bietet der Verein AGUS e.V. Selbsthilfegruppen.

Neue Zukunftspläne

Auch Sofia muss sich in ihrem Leben neu zurechtfinden. Für sie kommt es nicht in Frage, in ihre alte Wohnung zurückzukehren. Gerade kommt sie bei Freunden in Hamburg unter. Auch ihnen hat sie nichts von ihrem Suizidversuch erzählt. Nur so viel deutet sie an: "Irgendwann werde ich euch sagen, warum ich gerade hier sein muss." Ihre Freunde akzeptieren das und nehmen Sofia damit eine große Last von den Schultern.

Nach Köln kommt sie nur zurück, wenn es unbedingt notwendig ist. Auch jetzt trägt sie eine große schwarze Tasche mit sich, nur das Nötigste ist darin. Wenn sie ihre Wohnung betritt, wird ihr schlecht. Sofort kommt ihr der ekelhafte Geschmack in den Mund, der sie an die Tabletten und den Alkohol erinnert. Schlafen kann sie nur im Hotel. Sie hat einen befreundeten Anwalt beauftragt, ihr altes Leben abzuwickeln. "Ich schaue mal", das sagt sie oft.

Sie rührt in ihrer Kaffeetasse, der Nagellack an ihren Fingern ist abgesplittert. Sofia hat ihre Gefühle weitgehend verdrängt. Ihre Familie ist ihr egal geworden, für Mutter und Schwester empfindet sie nichts mehr. Irgendwann werden sie es herausfinden, da ist sie sich sicher. Bis dahin aber ignoriert sie die Anrufe und Nachrichten. So geht es ihr besser, denn sie will nur noch positiv nach vorne schauen. Erst einmal plant sie, in Hamburg Fuß zu fassen, eine Wohnung mit Ankleidezimmer wäre schön. Sie will einen Motorradführerschein machen und alleine in die Berge fahren, die Freiheit spüren. Ob sie wieder in ihren alten Beruf zurückkehren will, weiß sie noch nicht. Sofia hat eine zweite Chance bekommen, und die will sie nutzen. Sie will mehr für sich selbst tun: "Ich bin am wichtigsten", sagt sie nun. Dass es erst zu einem Suizidversuch kommen musste, bis sie so denkt, davon ist sie selbst schockiert.

Petra Schimmel und ihre Mitarbeiter von der Telefonseelsorge können das in einigen Fällen verhindern. Wenn suizidale Menschen den Beratern der Telefonseelsorge ihre Probleme anvertrauten, sei dies schon ein großer Schritt. Sie beschreibt ihre Arbeit mit Suizidgefährdeten so: "Wenn jemand schon auf dem Fenstersims steht, setzen wir uns daneben und fragen nach den Gründen. Wir machen deutlich, dass der Suizid ein endgültiger und unwiderruflicher Schritt ist."

Das Team der Telefonseelsorge vermeidet bewusst den Terminus "Selbstmord" und verwendet Begriffe wie "Suizid" oder "Selbsttötung". "Mord" impliziere eine Straftat und sorge bei den Betroffenen für eine Stigmatisierung, die sie nicht selten daran hindere, ihre Probleme anzusprechen. Sofia will eine Therapie beginnen und alles Weitere auf sich zukommen lassen. "Rückschläge muss es geben aber ich wünsche mir für mich, dass sie nicht zu hart werden." Auf die extremen Hochs und Tiefs der Vergangenheit hat sie keine Lust mehr: "Ich habe keinen Bock mehr auf Enttäuschungen."

Ein zweites Leben - es geht ihr deutlich besser

Mittlerweile sind zwei weitere Monate vergangen. Sofia ist zurück in Köln und hat sich dort eine Wohnung gesucht. "Es hat einfach gepasst", erzählt sie am Telefon. Ihr geht es deutlich besser, sie wirkt fröhlich und aufgeweckt, arbeitet wieder in ihrem alten Job. Nebenbei hat sie sich mit einer Teilhabe an einem Restaurant selbständig gemacht. Im Moment hat sie so viel zu tun, dass sie gar keine Zeit dazu findet, an ihren Suizidversuch zu denken. Vielleicht geht es ihr deshalb so gut? Sofia schließt nicht aus, dass sie die Erfahrung nur verdrängt. Jetzt aber muss sie erst einmal ein neues Leben aufbauen. Kontakt zu Mutter und Schwester hat sie immer noch kaum.

Bald will sich Sofia ein Tattoo stechen lassen. Das Motiv ist ein Frauengesicht. Die eine Hälfte soll lachen, die andere Seite verwesen; dem Tod nahe sein, so wie sie es war. Der Versuch wird immer ein schmerzlicher Teil ihres Lebens sein, aber ihre Zukunft soll er nicht bestimmen.

Ins Tattoostudio wird sie ihr bester Freund begleiten, die Stelle für das Tattoo steht auch schon fest: die kaputte Hand. Eine Erinnerung daran, die schöne Seite des Lebens zu sehen.

*Name von der Redaktion geändert

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Für Kinder und Jugendliche steht auch die Nummer gegen Kummer von Montag bis Samstag jeweils von 14 bis 20 Uhr zur Verfügung - die Nummer lautet 116 11.


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