HOME
Interview

Uni Leipzig: Proteste gegen umstrittenen Jura-Professor: So klar positioniert sich der Dekan

Studenten der Uni Leipzig fordern die Absetzung eines umstrittenen Jura-Professors. Der träumt von einem "weißen Europa brüderlicher Nationen" und glaubt, es gebe keinen friedlichen Islam. Im Interview mit dem stern berichtet sein Dekan, was er von den Äußerungen hält.

Es gebe keinen friedlichen Islam, schrieb Thomas Rauscher auf Twitter. Der Dschihad sei der Auftrag der Leute. "Ein weißes Europa brüderlicher Nationen", wünschte er sich.  "Ein wunderbares Ziel!" Und online hielt er fest: "Wir schulden den Afrikanern und Arabern nichts. Sie haben ihre Kontinente durch Korruption, Schlendrian, ungehemmte Vermehrung und Stammes- und Religionskriege zerstört und nehmen uns nun weg, was wir mit Fleiß aufgebaut haben." Thomas Rauschers Ansichten sind radikal und maximal umstritten. Dazu kommt: Rauscher ist Jura-Professor und Erasmus-Beauftragter an der Universität .

Seit Tagen wehren sich nun seine Studenten. Sie fordern ein Jura-Studium "ohne rassistisches Gesülze" und Rauschers Absetzung. Am Dienstag nahmen mehrere hundert an einer Protestaktion gegen Rassismus und Sexismus auf dem Campus teil. Der Sozialistisch-demokratischer Studierendenverband Leipzig, der die Veranstaltung mitorganisiert hatte, zählte rund 1000 Teilnehmer. Die Forschungsgruppe Durchgezaehlt sprach von 600 bis 900 Teilnehmern. 

Studenten an der Universität Leipzig haben am Dienstag zu einer Protestdemo gegen ihren Jura-Professor gerufen. Hunderte kamen.

Studenten an der Universität Leipzig haben am Dienstag zu einer Protestdemo gegen ihren Jura-Professor gerufen. Hunderte kamen.

Thomas Rauscher betont - unter anderem beim MDR: Das, was er auf seinem privaten Twitter-Kanal schreibe, seien seine privaten Ansichten. Zudem gelte die Meinungsfreiheit. Seinen Twitter-Account hat er mittlerweile gelöscht, die Universitätsleitung allerdings prüft nach den jüngsten Tweets nun dienstrechtliche Schritte. Der stern hat mit Dekan Tim Drygala gesprochen. Er leitet die Juristenfakultät, der Professor Rauscher angehört.

Herr Professor Drygala, wie stehen Sie zu den Vorwürfen, die Studenten Professor machen?

Professor Tim Drygala

Professor Tim Drygala, 54 leitet als Dekan die Juristenfakultät an der Universität Leipzig

Ich finde die Vorwürfe persönlich berechtigt.

Die Universität wusste doch schon vorher, dass Professor Rauscher höchst strittige Ansichten vertritt.

Das ist richtig. Als das mit seinen Tweets 2016 angefangen hat, haben wir uns schon mal sehr intensiv mit ihm auseinandergesetzt - auch vor dem Hintergrund, dass er damals noch Ausländerbeauftragter war. Es folgten mehrere, sehr kontroverse Sitzungen, auch mit ihm, im Fakultätsrat. Professor Rauscher hat dann auf das Amt des Ausländerbeauftragten verzichtet. Ende April 2016 kam es zu einer Podiumsdiskussion zu dem Thema - man kam überein, dass Rauschers Äußerungen unter Meinungsfreiheit fielen.

Danach, so hatte ich den Eindruck, mäßigte sich der Professor auf seinem -Kanal. Er äußerte sich weiter politisch - er kritisierte die Flüchtlingspolitik, wünschte sich eine andere Kanzlerin und freute sich, wenn in Österreich rechtspopulistische Parteien ein gutes Wahlergebnis einfuhren - aber es blieb im Rahmen. Ich dachte, das Thema habe sich erledigt. Bis vergangene Woche: Professor Rauscher twitterte wieder sehr radikal. Ich schrieb daraufhin unserer Kanzlerin, dass ich nun dienstrechtliche Belange berührt sehe.

Inwiefern?

Es ist natürlich sehr problematisch, wenn der Professor Studenten aus Ländern unterrichtet, die er bezichtigt, nichts auf die Reihe zu bekommen und unseren Wohlstand zu stehlen. Zudem sind Professor Rauschers Veranstaltungen Pflichtveranstaltungen. Die Studenten müssen sie belegen, sonst können sie kein Staatsexamen machen, man kann Professor Rauscher nicht ausweichen. Der Professor betont, er tätige seine Aussagen privat - aber natürlich hat dies Rückwirkungen auf das Amt und die Fakultät. "Privat" ist zuhause am Kaffeetisch - aber nicht auf Twitter mit 1300 Followern. Und auch wenn er in der betreffenden Vorlesung nichts gegen eine gewisse Gruppe sagt: Der Eindruck "Ich will dich hier nicht haben" ist trotzdem in der Welt.

Müsste das nicht gerade ein Jura-Professor wissen?

Wenn er in der Lage wäre, die Dinge objektiv zu betrachten: Ja. 2016 habe ich lange mit dem Professor geschrieben, habe versucht auf kollegialer Ebene zu erklären: Es ist falsch, was Sie machen. Es ist schlecht für die Fakultät. Sie erwecken den Eindruck, Sie hätten Vorurteile, Sie können doch nicht mehr objektiv prüfen.

Professor Rauscher ist aktuell im Dienst?

Ja, natürlich.

Studenten haben zum Boykott seiner Vorlesungen aufgerufen.

Seine Vorlesungen finden diese Woche nicht statt, er ist auf Auslandsreise. Die war schon länger geplant. Doch Rauschers große Übung kann man nicht boykottieren, das würde bedeuten, dass man ein Semester länger braucht.

Wie ist die Stimmung an der Universität?

Man wird dauernd darauf angesprochen. Das Thema ist sehr präsent, auch auswärtige Kollegen sprechen uns an, man wird gefragt: "Was ist da bei euch los? Was beschäftigt ihr für komische Leute?"

Was antworten Sie?

Wir haben einen Kollegen mit merkwürdigen Ansichten. Das ist nicht die Fakultät.

Wie kommt eine Person mit Ansichten wie Rauscher in die Position eines Universitätsprofessors?

Der Mann war bis 2014/15 völlig vernünftig. Er war Mitglied der FDP, für die Partei im Kreistag seines Wohnortes, konservativ-liberal eingestellt. Sein Twitter-Kanal war tot, er hatte jahrelang gar nichts geschrieben, er hatte neun Follower. Und dann, Ende 2015, fing er mit der Flüchtlingsthematik an. Er hat sich sozusagen selbst radikalisiert. Jetzt ist er der festen Meinung, dass er vor dem Weltuntergang retten muss. Dass die Zuwanderung Deutschland zerstört. Und das sagt er auch jedem; er sagt jedem, er habe Recht. Es ist wie bei einem Geisterfahrer, der links auf die Autobahn eingebogen ist, jetzt gegen die Fahrtrichtung fährt und sagt: "Mir kommen ja lauter Geisterfahrer entgegen."

Hat Professor Rauscher Verbindungen zur AfD?

Im Wahlkampf hat er sich auf Twitter von der AfD distanziert. Die Partei sei nicht wählbar, meinte er, er würde CSU wählen. Auch das verkündete er öffentlich. In der Vergangenheit hatte er, um mich zu überzeugen, Schriften von der Identitären Bewegung namhaft gemacht. Der Kern: Jeder soll in seinem Land bleiben. Besucher sind okay. Erasmus-Studenten gehen ja nach einem Jahr wieder nach Hause, deswegen sind sie für den Professor unproblematisch.

Die Universität prüft nun dienstrechtliche Schritte: Was könnten die beinhalten?

Das mildeste Mittel wäre eine dienstrechtliche Missbilligung, also eine Abmahnung. Dann Geldbuße, Herabsetzung der Bezüge oder Entlassung.

Wann ist die Prüfung abgeschlossen?

Das wird mehrere Wochen, wenn nicht Monate dauern. Bisher ist noch nicht einmal ein externer Gutachter gefunden, geschweige denn ein Prüfauftrag erteilt. Anders verhält es sich mit der Forderung, der Professor müsse von seinem Amt als Erasmus-Beauftragter enthoben werden. Wenn ein Antrag gestellt wird, müsste im Dezember darüber entschieden werden.

Rückblickend: Wäre es besser gewesen, bereits 2016 Schritte gegen den Professor zu prüfen?

Im Rektorat wurde das im Kopf durchgespielt. Damals kamen wir zum Schluss: Nein, das ist Meinungsfreiheit.

Wie fatal ist es, dass ein Jahr später Studenten protestieren, um sich quasi vor der eigenen Uni zu schützen?

Ich finde das auch nicht schön. Ich hätte mir schon damals eine andere Lösung gewünscht, ich hatte schon 2016 angeregt, man müsse da mehr tun. Doch damals rechnete das Rektorat mit einer Klage des Professors. Und hätte er den Prozess gewonnen, hätte die Uni in einem sehr schlechten Licht gestanden. Man hätte ihr vorgeworfen, sie würde gegen einen Hochschulprofessor Zensur ausüben.

Wie steht die Uni jetzt da?

Schlecht. 

Anmerkung der Red.: Laut Prof. Rauscher, ist die Äußerung von Herrn Drygala "In der Vergangenheit hatte er, um mich zu überzeugen, Schriften von der Identitären Bewegung namhaft gemacht" unwahr. Er habe mit Herrn Drygala nie über die Identitäre Bewegung gesprochen oder korrespondiert.