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Aus der Community

Suizid: Brief an meinen Vater: Deine Entscheidung – meine Konsequenzen

Die NEON-Leser schreiben in der Community regelmäßig selbst Texte. Wir stellen die besten davon vor.

Von Community-Mitglied dali-na

Eine junge Frau blickt nachdenklich in die Ferne

Wenn ein Elternteil durch Suizid geht, bleibt oft die Frage, warum (Symbolbild)

Ob es die Traurigkeit war, die dich aufgefressen hat, oder der Egoismus uns ein gemeinsames Leben niemals gegönnt hat, weiß ich heute noch immer nicht.

Ich war kaum drei, als du fortgingst. Da stand ich nun in meinem rot gepunkteten Kleid. Mit der kleinen Zahnlücke und den viel zu großen braunen Augen. Verstanden habe ich es kaum. So verzaubert vom Leben trug ich mein Lächeln stets auch ohne dich. Ich lernte laufen, tanzen, träumen. Hinfallen aufstehen und …

Alleine sein.

Ohne dich, viel zu selten für mich selbst und viel zu oft für alle anderen. Weil man da sein will. Weil man ganz genau weiß, wie es ist, wenn einer geht.

Einschulung

Und so kam ich in die Schule. Mama bastelte mir die größte Schultüte von allen. Dahinter versteckt, konnte ich kaum meine Freundinnen sehen, die stolz auf Papas Armen für die Kamera posierten. Später sah ich das alles viel zu klar vor mir. In meinen Fotoalben fehlst du ganz. Kein stolzer Blick, kein Schnappschuss der Liebe.

Also übte ich mich im Ausreden-Erfinden, für die tausend Fragen, die ich mir stellte. Um dann gekonnt wieder alles zu verleugnen.

Ich versuchte es mit wütend sein. Erst auf mich selbst, dann auf alle anderen. Niemals auf dich. Und das, obwohl du mir jegliche Wahl genommen hattest. Gepaart mit meinen Wurzeln und dem Grund, auf dem Vertrauen wächst. Dafür schenktest du mir Stärke und meinen ach so sturen Kopf, den ich oft mit viel zu viel Stolz gegen harte Wände lenkte. "Ich kann das schon alleine!" Das waren früh schon meine Worte. Wenn du nicht wolltest, dann brauchte ich dich eben auch nicht. Nicht gestern, nicht heute. An morgen denk ich kaum.

Alles ohne dich

Ohne dich habe ich meinen ersten Zahn verloren. Habe gespielt, gelacht, geweint. Mich zum ersten Mal gestritten und gelernt, was das Wort Ungerechtigkeit eigentlich bedeutet. Ich schloss eine tiefe Freundschaft mit dem Optimismus und baute sie auf festem Fundament. Meinen Garten des Lebens bepflanzte ich mit den buntesten Blumen und den höchsten Bäumen. Ich habe oft im Regen getanzt und mit der Sonne gelacht. Manchmal jedoch, habe ich auch gelogen, die Regeln der Moral vergessen und umso älter ich wurde, viel zu viele Nächte, viel zu wild durchgefeiert.

Ohne dich habe ich mich von der Schule auf die Uni gewagt. Habe meine erste Wohnung bewohnt und zum ersten Mal so richtig geliebt. Ich habe gelernt, dass Liebe wehtun kann und dass eine Schulter zum Anlehnen mehr hilft als tausend gut gemeinte Worte. Deine Schulter stützte mich nicht. Deine Ratschläge darüber, dass das alles schon wieder werden würde, hätte ich nur zu gerne bestritten. Die Freunde, die in solchen Situationen für mich da waren, die fürs Leben, wirst du niemals treffen. Später einmal das, was vielleicht irgendwann in mir heranwächst, niemals auf seinem Weg begleiten.

Weil du deinen eigenen viel zu früh beendet hast.

Traurigkeit oder Egoismus?

Nun stehe ich hier und weiß nicht, was ich von all dem halten soll. Mein Verständnis ist bemüht, dir nicht Unrecht zu tun. Während das kleine Mädchen in mir sich leise in den Schlaf weint. Und die junge Frau, sie hat längst gelernt, damit umzugehen. Nicht weil sie wollte. Weil sie eben musste. Ob es die Traurigkeit war, die dich aufgefressen hat, oder der Egoismus uns ein gemeinsames Leben niemals gegönnt hat, weiß ich heute noch immer nicht.

Fakt jedoch ist: Ich bin gewachsen. An dir, an uns und vor allem ohne dich. Reifer, durch alles, was mich heute stolz macht. Ich kann nur versuchen, umsichtiger zu sein. Da, wo du für uns beide entschieden hast, möchte ich niemals stehen.

Sei mir nicht böse

Ich möchte mein Leben zu Ende leben, bis ich irgendwann mit einem faltigen Lächeln auf dem Mund friedlich einschlafe. Möchte meine Kinder wachsen sehen, ihnen die Stütze sein, die sie brauchen. In der Hoffnung, die Wurzeln nicht zu fest zu schlagen, damit sie eines Tages fliegen können. Ich wünsche mir, Ruhe zu finden. Mir und dir keine Vorwürfe mehr zu machen, um dich dort oben irgendwann mit ausgeglichener Weisheit wiederzusehen.

Doch bis dahin nimm mir meinen Kampf um das, was ich fühle und fühlen sollte, bitte nicht böse.

Ich bin noch viel zu jung, um über richtig oder falsch entscheiden zu können. So jung, wie du es damals warst.

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Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Für Kinder und Jugendliche steht auch die Nummer gegen Kummer von Montag bis Samstag jeweils von 14 bis 20 Uhr zur Verfügung - die Nummer lautet 116 11.