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Berliner Rap-Duo: Zugezogen Maskulin im Interview: "Social Media ist ein Kampfplatz"

"Alle gegen Alle" ist das neue Album der Berliner Band Zugezogen Maskulin. Im Interview spricht das Duo unter anderem über seinen Bandnamen, Social Media und die Leistungsgesellschaft. 

Von Felix Kirsch

Das Berliner Hip-Hop-Duo Zugezogen Maskulin

Das Berliner Rap-Duo Zugezogen Maskulin besteht aus Testo (links) und grim104. Es ist bekannt für seine provokanten und gesellschaftskritischen Texte.

Auf ihrem neuen Album "Alle gegen Alle" schießt das Berliner Rap-Duo Zugezogen Maskulin gegen alles, was in ihren Augen in unserer Gesellschaft schiefläuft.

Im Interview mit NEON erklären die beiden Rapper grim104 und Testo, was sie genau meinen:

Hey Jungs. Erklärt einmal bitte kurz für unsere Leser, wer ihr seid und was es mit eurem Band-Namen auf sich hat.
grim104: Eine Reminiszenz an die legendären Bands "Westberlin Maskulin" und "Südberlin Maskulin". Als wir anfingen mit unserer Musik, war auch diese Debatte um die Zugezogenen in Berlin am Laufen und mit Bezug auf unsere Herkunft haben wir dann festgestellt, dass wir dann eben jetzt Zugezogen Maskulin wären. Aber die Leute denken auch oft an Erkältungen oder ausufernden Drogenkonsum, wenn sie den Namen hören. Beides ist übrigens nicht lustig. 

"Alle gegen Alle" ist der Titel des neuen Albums. Worum geht es ? 
Testo: Es gibt verschiedene Anknüpfungspunkte. Zum Einen geht es stark um diese Leistungsgesellschaft in der Schule, im Studium und später im Beruf, wo eigentlich alle zu Höchstleistungen getrieben werden. Dadurch entsteht eine Gesellschaft aus Konkurrenten, was zur Entfremdung von sich selber führt. Und auch zu Dingen wie Depressionen und Burnout. Auf dem Album haben wir uns in den zwölf Songs verschiedensten Aspekten dieser Thematik gewidmet. 

grim104: "Alle gegen Alle" ist auch ein Mikro- und Makro-Zoom der Gesellschaft. Es findet auf kleinster Ebene statt, geht aber auch um das Große und Ganze.

Testo: Auch im Privatleben. Menschen treten in Social Media gegeneinander an. Was ist verwertbarer, was kommt besser an? Am besten musst du heutzutage immer jung und interessant sein. Und das Album ist bestimmt von uns zwei als Protagonisten in dieser Welt. Das Album liefert aber keine Antworten. Wir stellen als Protagonisten auch nur die Fragen, weil wir selber keine Antworten liefern können. Wir sind ein Teil des Ganzen. 

Fängt das auch schon da an, wenn man zum Beispiel bei einer Job-Bewerbung sein Social-Media-Profil anfügen muss?

grim104: Ja natürlich. Wenn du dein Social-Media-Profil auf deine beste Verwertbarkeit im Jobleben prüfen lassen musst. Aber es fängt auch schon da an, wenn es darum geht, einen Wert aus allem zu ziehen, was einen umgibt. So ist der Kapitalismus natürlich auch gestrickt. 

In eurem Song "Was für eine Zeit" schießt ihr stark gegen Social Media, Trends und Co. Was läuft falsch, dass soziale Medien und bestimmte Trends zum Politikum unserer Generation werden ? 

Testo: Social Media ist nicht per se schlecht, es liefert nur unter anderem den Kampfplatz für eine weitere Spielart des gesellschaftlich verankerten "Alle Gegen Alle" auf dem die Privatleben gegeneinander antreten können. Ein Kampfplatz, den ich spätestens in meiner Rolle als Künstler auch selber bespiele, ich bin da nicht besser als andere. In dem Song geht es dann um die frustrierende Suche nach Sinn und Halt in einer ins Rutschen gekommenen Welt, die im Mainstream aber erstmal nur "Geld verdienen", "Geld ausgeben" und "auf die anderen herabschauen" anzubieten scheint. Das führt dann auch zum Thema Trends. Wenn jemand herumstolziert und mir seinen Lebensentwurf als den alleinig lebenswerten verkauft und sagt "deshalb bin ich cooler als ihr alle zusammen" will ich ihm einfach einen Stock in die Beine hauen, um den Anpassungs- und Leistungsdruck abzumildern.

Noch bizarrer wird es dann, wenn Leute sich über Social-Media-Kanäle von solchen Trends distanzieren, um zu zeigen: "Guck mal, ich mache diesen Trend nicht mit. Ich bin kein Mitläufer und jeder soll es sehen." Gehört das dann nicht auch schon wieder dazu ? 

grim104: Absolut. Indem wir darüber reden, werden wir selber ja auch zum Teil dieser Debatte. Und wenn wir darüber abkotzen, sind wir auch halt auch nicht besser.

"Der müde Tod" ist einer der interessantesten Songs des Albums. Was war die Idee dahinter, solch einen Song zu machen, der sich der Metapher des Todes als erschöpfte, überarbeitete Person bedient ?

grim104: Ich fand die Vorstellung von einem personifizierten Tod als Thema für einen Song sehr spannend. Und ich finde auch, dass diese Themen wie Vergänglichkeit, Sterben und Co. in dieser Gute-Laune-Gesellschaft sehr untergehen. Und das ist auch ein Stück weit in Ordnung, aber der Thematik durch einen Song eine Bühne zu geben, das fand ich dann doch sehr wichtig und auch schön. 

Testo: Der Tod als Person hat in der Gesellschaft ein Problem, seinen Platz zu finden. Die Leute haben keinen Bock auf ihn und das, was er macht. Und er hat auch selber keinen Bock auf das, was er macht und wird deshalb müde und depressiv.

In "Vor Adams Zeiten" geht ihr stark auf die Abgründe ein, das Animalische, das tief in den Menschen verankert ist. Erklärt eure Thesen mal. 

Testo: In dem Song ist ganz viel drin. Runtergebrochen geht es dann, wenn man so will, um die Frage, ob der animalische Trieb noch in den Menschen drin ist. Das sind Fragen, die wir uns stellen. Es geht da speziell um Abgründe, die man in sich wahrnimmt. Dinge, die man nicht nach außen trägt. Spiel mit Klischees von Männlichkeit, wie entstehen Konflikte, die Sehnsucht nach Bedeutung. Um solche Dinge geht es. Also auf einen Satz reduziert wäre das dann die These, dass der Mensch auch nur ein Tier ist. Zumindest hat er es in sich. Aber das sind auch wie gesagt, nur Fragen, die wir uns stellen. Wohin entwickelt sich die Gesellschaft, wo kommen wir her, wo gehen wir hin ?All das hat damit zu tun. 

Was meint ihr denn, wohin sich unsere Gesellschaft entwickelt ?

Testo: Eine Antwort dazu haben wir auch nicht parat. Aber wenn ich jetzt meinem Bauchgefühl vertraue, dann würde ich eher sagen, dass die Gesellschaft momentan den Bach runter geht, sie aber längerfristig gesehen wieder den Weg nach oben findet. 

Habt ihr manchmal das Gefühl, dass ihr missverstanden werdet oder Menschen eure Musik falsch interpretieren ?

grim104: Mich stört es nicht. Ich finde, man kann aber auch nicht alles erklären, was man macht, weil es dann auch total witzlos und banalisiert wird. Das ist auch nicht die Aufgabe von Künstlern, alles zu erklären, was man macht. Dafür sind dann andere Leute da. Es gibt da allerdings auch die andere Seite, dass Leute bei mir immer alles hochstilisieren. Die denken dann, dass hinter jedem Satz von mir 'ne doppeldeutige Botschaft steckt. Als würden die Leute immer denken, dass ich zuhause bei Kerzenschein in einer mondlosen Nacht mir von den alten Göttern die Eingebung hole. Dabei guck ich eigentlich nur "Die Simpsons" und chille. Das ist alles.

Testo: Das ist auch immer sehr gespalten. Das Eine ist die Künstlerperson, die natürlich am liebsten nicht erklären würde, was hinter der Musik steht. Das andere Ding ist, wenn man von Leuten nett gefragt wird, dann erklär ich natürlich auch gerne einige Sachen. Dabei rede ich mich teilweise um Kopf und Kragen, oder vergesse die Hälfte. Aber so ist das eben. Da geht es auch darum, Kompromisse zu schließen. 

In eurem Song "Steine und Draht" geht ihr auf eure Familiengeschichte in Deutschland ein. Eine Reise in die Vergangenheit Deutschlands und dann wieder zurück.

Testo: Für mich stand am Anfang der Gedanke, dass sich die Welt momentan um mich herum stark verändert. Dann war es für mich auch eine Intention und auch logisch, daran zu denken, was eigentlich vor mir da war. Ich bin in Leipzig geboren und in Stralsund aufgewachsen. Meine Vorfahren lebten in der DDR. Und diese beiden Welten wollten wir dann gegenüberstellen.

Und wenn man mal zurückrechnet, ist das eigentlich gar nicht mal so lange her.

Testo: Es ist ganz und gar nicht lange her. Meine Eltern haben auch noch den Mega-Umbruch kennengelernt. Ich fand es interessant mich damit zu beschäftigen, wo ich eigentlich herkomme. Vor allem auch auf die Unterschiede, die heutzutage  aufgemacht werden zwischen Ost und West. Einfach aufzeigen, wie Deutschland in den 80-er Jahren aussah. Das geteilte Land. Und wie das Feeling da war. Also das, was ich aus den Erzählungen meiner Verwandten kennengelernt habe.

grim104: Bei meiner Familiengeschichte ist es etwas anders. (Anm. d. Red.: sein Großvater kämpfte im Zweiten Weltkrieg, lebte in der Nachkriegszeit dann in Westdeutschland) Die Aussage von dem Track ist auch eher, wie die Hoffnungen unserer Eltern waren, wie sich die Zukunft ausgemalt haben und wie es dann letztendlich doch gekommen ist. Die Geschichte eines Landes und unsere Familie mittendrin.

Danke für das Interview!

Rezension: Das meint der Autor zum Album

"Alle gegen Alle" ist eine Anklage ohne Schuldsprechung. An unsere Generation, unsere Gesellschaft, unser Land. Ein Blick auf die Abgründe in sich selber, die Entfremdungen zwischen den Menschen in der Gesellschaft  und den Freunden aus der Vergangenheit. Eine Abrechnung mit der Leistungsgesellschaft und mit Social Media, Online-Journalismus und sinnlosen Trends. Eine Reise in die Vergangenheit auf das Dorf, eine Konfrontation mit den Hoffnungen, die in die Großstadtflucht gesetzt wurden. Eine Begegnung mit dem müden Tod, der stetig seine Bahnen zieht und mit all dem überfordert ist. Zugezogen Maskulin schaffen mit "Alle gegen Alle" ein Album, wie man es von ihnen gewohnt ist. Das Gift ist immer noch da. Es ist sogar aggressiver als je zuvor. Zugleich schaffen sie es aber, durch die chirurgisch genaue Zusammenlegung von kritischen Texten und einprägenden Melodien ein Portrait von der Gesellschaft zu zeichnen, das an ein "Wo ist Walter?"-Bild erinnert. Man steht irgendwo zwischen all den Reizen und Menschen auf der Suche nach Bedeutung, nach dem, was uns die Gesellschaft immer weniger bieten kann. Wir fahren die Ellenbogen aus, wollen und müssen besser sein als unser Nebenmann.

Und dann sind da die Sozialen Netzwerke und das Dasein als junger Mensch, der alles erreichen kann. Sei interessant, achte auf deine Gesundheit, sei im Internet zu Hause und  verstecke deine Persönlichkeit, wenn sie nicht ins Schema passt. Diese dogmatisierte Gesellschaft lenkt uns von anderen Problemen ab und sorgt dafür, dass wir uns für einen kurzen Moment bedeutend fühlen dürfen. Aber bist du all das nicht und widersetzt dich diesen Dingen, dann gehst du unter und wirst von deinen Mitmenschen überrannt. Darauf macht uns "Alle gegen Alle" auf beklemmende Art und Weise aufmerksam. Das Kollektiv zertrümmert. Eine Gesellschaft, in der der Einzelne an unzähligen Fronten gegen Andere kämpft.