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Astrid Lindgren : Darum ist die Heldin meiner Kindheit auch für mich als Erwachsene noch wichtig

Heute wäre Astrid Lindgren 110 Jahre alt geworden. Die weltberühmte Schöpferin von Pippi Langstrumpf, Michel und Co. ist für unsere NEON-Autorin auch viele Jahre nach der Kindheitslektüre noch immer ein Vorbild.

Von Svenja Napp

Porträt von Astrid Lindgren im Jahre 2002

Astrid Lindgren im Alter von 94 Jahren in ihrer Stockholmer Wohnung

 „Micheeel!“ schreit der alte Anton Svensson mit hochrotem Kopf. Er nimmt seinen Mantel und stapft zu seinem flachsblonden Jungen, der sich heute nicht schnell genug verstecken konnte und an den Ohren zum alten Tischlerschuppen gezogen wird. Und dann sitzt Michel wieder auf dem kleinen Schemel und schnitzt Figuren aus Holz. Ganz Lönneberga steht schon auf den Regalen – jede Figur für einen Streich. Bis der Kopf des Vaters wieder nordisch blass ist und der Türriegel zurückgeschoben wird. Draußen werden stämmige Pferde vor alte Karren gespannt, aus den bunten Holzhäusern weht der erste Geruch vom Abendessen und Klein-Ida holt ihren Bruder, um mit ihm über die Felder zu jagen. So lange, bis Michels nächster Einfall wieder für einigen Trubel sorgt im kleinen Lönneberga.

Jedes Jahr um die Weihnachtszeit werden die Geschichten von im Fernsehen gezeigt – dann sitze ich wieder auf dem Fußboden meiner Eltern und sehe zu, wie Michel von seinen Stelzen in Linas Blaubeersuppe fällt oder Rattenfallen aufstellt, die am Ende nur Menschenfüße fangen. An dem gleichen Ort und in der gleichen Position saß ich auch schon vor 20 Jahren, nur der Couchtisch im Rücken ist ein anderer.

Manche Geschichten bleiben für immer 

Bronzestatue von Astrid Lindgren in Vimmerby, Schweden.

NEON-Autorin Svenja Napp in Astrid Lindgrens Geburtsstadt Vimmerby. Eine Bronzestatue zeigt die berühmte Schriftstellerin an ihrem Schreibtisch.

Man könnte meinen, dass sich Geschichten mit den Jahrzehnten abnutzen, wenn über alle Witze gelacht wurde und alle versteckten Metaphern gefunden sind. Aber so ist es nicht. Oder zumindest nicht immer. Manche Geschichten begleiten uns von der Kindheit in die Jugend, wir ziehen sie hinter uns her wie ein abgenutztes Kuscheltier. Und wenn wir selber Eltern werden, werden sie wieder laut vorgelesen - immer noch genau so lustig und immer noch genau so schön. Solche Geschichten schrieb Astrid Lindgren. Dabei hatte sie das eigentlich nie vor.

An einem Wintertag im Jahre 1941 lag ihre Tochter Karin mit einer Lungenentzündung im Bett und bat ihre Mutter, ihr von zu erzählen. Die damals Siebenjährige dachte sich gerne lustige Namen aus. Lindgren überlegte einen Moment und fing an: Sie erzählte von einem Mädchen mit roten Zöpfen und Sommersprossen, von einem gepunktetem Pferd im Wohnzimmer und einer Truhe voll Piratengold. "Der Name war so verrückt, dass die Geschichte dementsprechend wurde", sagte sie später.

Astrid Lindgren wollte nie Schriftstellerin werden

Zu dieser Zeit arbeitete Lindgren als Stenographin beim schwedischen Nachrichtendienst. Sie schrieb Tagebücher über den noch jungen Zweiten Weltkrieg und hatte sich schon früh geschworen, niemals Schriftstellerin zu werden: „Ich hielt mich nicht für berufen, den Bücherstapel noch höher anwachsen zu lassen“, erzählte Lindgren in ihrer Autobiografie. Die Abenteuer der frechen Piratentochter schrieb sie erst Jahre später auf und schenkte das Manuskript ihrer Tochter zum zehnten Geburtstag. Aus der Gute-Nacht-Geschichte wurde eines der meistverkauften Kinderbücher weltweit. 

Lindgren begann, als Lektorin in einem Verlag in Stockholm zu arbeiten. Sie kam erst mittags ins Büro, am Vormittag schrieb sie – auf ihrem Bett sitzend, in Stenographie. Noch heute sieht man die ausgetretene Stelle im Teppich, auf dem ihre Füße standen, jeden Tag, die handschriftlichen Notizen auf ihrem Schoß. Sie schrieb über Michel in der Suppenschüssel, über den dicken Karlsson, der auf den Dächern balanciert, über Ronja Räubertochter und über Mio mein Mio, dessen Vater das „Land der Ferne“ regiert. In ihrer Wohnung im Stockholmer Vasaviertel erschuf sie magische Welten, ließ  mit Flaschengeistern durch die Gestirne reisen und kehrte dabei immer wieder zurück in die ländliche Idylle ihrer Kindheit.

Ihre Abenteuer gehören uns allen 

Wenn ich heute ihre Bücher lese oder im Fernsehen dabei zusehe, wie Pippi ihr Pferd hochhebt und Kalle Blomquist Kriminalfälle aufdeckt, verstehe ich Astrid Lindgren.

Ich verstehe, was es bedeutet, frei zu sein und dass es am Ende nicht darum geht, mit geschlossenem Kragen und sauberen Schuhen im Ziel stehen, sondern auf dem Weg dorthin so schmutzig wie nur möglich zu werden. Ich erinnere mich an dunkle Nächte im Garten meiner Eltern, in denen ich so mutig sein wollte wie Pippi und an miese Schultage, an denen ich in Gedanken zum "Land der Ferne" reiste. Die Abenteuer von Karlsson, Mio, Madita und all den anderen waren auch meine - so wie sie die von Kindern auf der ganzen Welt waren. 

"Kein normales Kind isst eine ganze Sahnetorte"

Als Astrid Lindgren das Manuskript von Pippi Langstrumpf an den Bonnier Verlag in Stockholm schickte, wurde es abgelehnt. "Ich hatte selbst kleine Kinder und stellte mir mit Entsetzen vor, was passieren würde, wenn sie sich dieses Mädchen zum Vorbild nähmen", sagte der Verleger Jahre später. Mit einiger Hartnäckigkeit gelang Lindgren die Veröffentlichung im Verlag Raben & Sjörgen. Der Gegenwind blieb nicht aus. "Kein normales Kind", schrieb der schwedische Professor für Pädagogik und Psychologie John Landquist, "isst eine ganze Sahnetorte auf oder geht barfuß auf Zucker. Beides erinnert an die Fantasie eines Irren."

Es mag schon sein, dass meine Eltern das ein oder andere Mal irritiert waren, wenn ich versucht habe, meinen Vater hoch zu heben oder Erbsen in Kummulus-Pillen gegen das Erwachsenwerden verwandeln wollte. Aber irre? Weit gefehlt. In einer Zeit, in der antiautoritäre Erziehung noch ein Schimpfwort ist, erfindet Astrid Lindgren ein Mädchen, das jede Form von Autorität ablehnt und alleine in einem Haus lebt, in dem keine Regeln existieren. Das ist nicht irre, sondern mutig. 

Pippi wäre das nicht passiert

Ich habe mich nie gefragt, ob Pippi oder Michel "normale" Kinder waren. Und ich frage es mich heute auch nicht. Daran ist nichts "Irres". Die Geschichten, die Astrid Lindgren erzählt, spielen in Welten abseits der Norm, der wir als Erwachsene oft viel zu sehr hinterherjagen. Im Land "Außerhalb", dass Mio bereist, oder im fiktiven Dorf Bullerbü, das es genau so geben könnte.

Mit einem Augenaufschlag hat sich auch mein Kinderzimmer in diese fernen Welten verwandelt, war an einem Tag ein Piratendorf und am nächsten Kalle Blomquists Detektivbüro. Heute ist das leider nicht mehr so einfach. Wir streben danach, "normale" Dinge zu tun, unser Studium zu beenden und den Job zu bekommen, von dem alle reden. Eigene Wohnung, eigenes Auto, Urlaub auf den Malediven. Und ehe wir uns versehen, stehen wir dann doch mit geschlossenem Kragen und sauberen Schuhen im Ziel und stellen fest: So aufregend ist das alles gar nicht. Pippi wäre das nicht passiert.

Danke, Astrid Lindgren

Es dauert nicht mehr lange, dann werde ich wieder auf dem Fußboden vor dem Fernseher meiner Eltern sitzen. In meiner Vorstellung wird es draußen schneien, in der Realität ist das unwahrscheinlich. Glücklicherweise hat Astrid Lindgren mich schon lange gelehrt, dass Fantasie etwas Schönes ist. 

Ich werde dem frechen Lachen von Michel zuhören und das rote Gesicht seines Vaters bewundern. Und wenn der Abspann kommt, werde ich wieder wissen, dass man die schönsten Erfahrungen abseits der festgetrampelten Wege findet.

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