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Liebe mit Hindernissen: Den falschen Zeitpunkt gibt es nicht

Wer sich auf schlechtes Timing als Grund für's Beziehungsende beruft, macht sich letzten Endes nur etwas vor.

"Wir haben uns einfach zum falschen Zeitpunkt getroffen."

Ein Satz, zu dem in meinem Kopf zwangsläufig Tränen und ein dramatischer Abschied gehören. Der nach einer Trennung gesagt wird, um diese zu erklären. Um eine Erklärung zu finden, die niemanden haftbar macht.

Der falsche Zeitpunkt ist für gescheiterte romantische Beziehungen, was Wetterphänomene für verspätete Flüge sind: Die perfekte Begründung. "Sorry Leute, da kann keiner etwas für, es ist nunmal so neblig/glatt/einfach nicht der richtige Zeitpunkt."

Um den Sänger Bosse zu zitieren: "Ich glaube, ehrlich gesagt, das ist Bullshit."

 Sein Song "Gegen Murphy" beschreibt perfekt mein Problem mit dem "richtigen Zeitpunkt": Davon auszugehen, dass allein das Timing über Gelingen oder Scheitern einer Beziehung entscheidet, ist feige. Es ist einfach, natürlich, und scheint zuerst einmal logisch. Aber letztendlich ist es eine Ausrede, um sich nicht mit den wahren Gründen für das Scheitern einer Beziehung auseinanderzusetzen.

Es gibt nur schlechte Zeitpunkte

Gerade in unseren frühen Zwanzigern ist das Leben wahnsinnig unbeständig, wir ziehen aus, studieren, ziehen um, studieren weiter, gehen ins Ausland, finden einen Job, ziehen wieder um. Vielleicht verlieben wir uns dazwischen auch noch. Und dann beginnt das Chaos.

Als ich 16 oder 17 war, begann mein damaliger Freund, in einer anderen Stadt zu studieren. Die Fernbeziehung ging nicht lange gut, wir trennten uns. Als ich 18 oder 19 war, ging ich für drei Monate nach Indonesien, zog danach von Süddeutschland zum Studieren nach Hamburg. Mein damaliger Freund blieb im Allgäu. Die Fernbeziehung hielt einige Monate, irgendwann trennten wir uns. Schlechtes Timing par excellence? Das dachte ich anfangs auch.

Der Zeitpunkt ist kein Trennungsgrund

Aber trennten wir uns wirklich, weil der Zeitpunkt und die Entfernung und überhaupt die äußeren Umstände nicht stimmten? Nein. Bevor ich eine Beziehung beende, mache ich im Kopf (und manchmal auf Papier) eine Pro-Contra-Liste. Das klingt unromantisch, aber es ist ein Tipp meiner Mutter, und er hilft mir, seit ich mich zum ersten Mal von jemandem trennen musste.

Wir müssen uns fragen: Was ist das eigentliche Problem?

Wir müssen uns fragen: Was ist das eigentliche Problem?

Auf dieser Liste stehen nicht solche Dinge wie Timing, Entfernung, Umstände, sondern Charakterzüge, Verhaltensweisen und Eigenschaften der Menschen, von denen ich eine Trennung in Erwägung ziehe. Sobald die Contra-Seite länger wird als die Pro-Seite, habe ich einen ernsthaften Grund, Schluss zu machen.

Was passt, das passt.

So trennte ich mich von Freund Nummer eins, weil wir einfach nicht zusammen passten, und von Freund Nummer zwei, weil er mich furchtbar behandelte. Der Zeitpunkt? Nur Katalysator für brodelnde Konfliktpunkte. Die Entfernung? Schaffte nur mehr Zeit, um über die Ungereimtheiten der jeweiligen Beziehung nachzudenken.

Einmal erzählte mir Freund Nummer zwei, er kenne ein Paar, das sieben Jahre lang eine Fernbeziehung über unterschiedliche Kontinente hinweg geführt hätte und nun glücklich verheiratet sei. Für ihn bedeutete das: Jedes Paar kann alles schaffen. Um noch einmal Axel Bosse zu zitieren: "Ich glaube, ehrlich gesagt, das ist Bullshit."

Was nicht passt, zerbricht.

Ich glaube nicht, dass jedes Paar mit allen äußeren Umständen klar kommt. Das klingt furchtbar unromantisch, aber was ich damit meine, ist genau das Gegenteil: Ich glaube, dass Paare, die wirklich zusammen passen, alles schaffen können. Dass bei Menschen, die sich wirklich lieben und gut behandeln, der Zeitpunkt keine Rolle spielt. 

Eine Trennung bedeutet: Da kommt noch was Besseres.

Eine Trennung bedeutet: Da kommt noch was Besseres.


Wer diesen jedoch als Grund für eine Trennung vorschiebt, sieht vielleicht einfach nicht, was wirklich dahinter steckt. Mit ein wenig Abstand lässt sich jedoch oft auch im Nachhinein die Pro-Contra-Liste erstellen und macht klar, dass grundlegende Unvereinbarkeiten früher oder später wahrscheinlich auch ohne schwierige Umstände zur Trennung geführt hätten. 

Der schlechte Zeitpunkt bringt nur Gutes

Letztendlich ist meine Abneigung gegen den falschen Zeitpunkt also durchaus romantisch, denn ich glaube an die große Liebe, an das große, ultimative Glück, das jeder von uns verdient hat. Und das lässt sich auch von schlechtem Timing nicht so schnell verscheuchen. Wenn es kommt, bleibt es auch - und überwindet alle Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellen.

Oder, wie Axel Bosse sagen/singen würde: 

Ich glaub' daran, dass Glück auf der Straße liegt/
Dass es uns begegnet und bleibt/
Ich glaub' daran, dass Glück uns anspringt und sich festbeißt/
Dass da die Chance ist, dass es ewig bleibt.

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