HOME

Bezahlen für nichts?: Warum wir aufhören müssen, uns Netflix & Co. zu schnorren

Wer immer alles umsonst will, bekommt irgendwann ein Problem. Darum brauchen wir einen veränderten Umgang mit digitalen Inhalten.

Musik, Filme, Serien - kaufen oder schnorren?

Musik, Filme, Serien - kaufen oder schnorren?

50 Millionen Menschen bezahlen jetzt für Spotify - und das ist auch gut so.

Der Musik-Streamingdienst trat in mein eigenes Leben, als genau 100 Prozent der Musik auf meinem MP3-Player semilegalen YouTube-Downloads entstammte. Damals fand ich das auch vollkommen in Ordnung. Ich war jung und all mein Geld entstammte entweder der Geldbörse meiner Eltern oder der der Eltern meiner Nachhilfeschüler. Musik war mir nie so wichtig gewesen, dass ich mir die Lieder, die ich hören wollte, als CD oder iTunes-Download gekauft hätte. Zu dieser Zeit gab ich mein Geld einfach lieber für Klamotten und Bubble Tea aus.

Dann fing ich an, selbst im Online-Sektor zu arbeiten. Ich habe einen guten Freund, der Webdesigner ist - und in seiner Freizeit irgendwann begann, zu schnitzen.

Handarbeit als Kontrast zur digitalen Arbeit.

Handarbeit als Kontrast zur digitalen Arbeit.

Weißt du, in meinem Job mache ich aus nichts nichts. Es ist einfach schön, ein Endprodukt zu haben, das man anfassen kann.

Als er mir das sagte, wurde mir allmählich klar, was ein Teil meiner mangelnden Motivation war, mir Musik legal zu kaufen: Man kann sie nicht anfassen.

Warum für nichts etwas zahlen?

Immer mehr Produkte unseres Alltags sind nicht greifbar, sie existieren einfach als digitale Buchstaben, Soundwellen und Pixel. Ob Paywalls auf Nachrichtenseiten, Netflix oder Spotify: All diese Dinge fordern Geld für den uneingeschränkten Konsum von Dingen, die kein physisches Bedürfnis befriedigen.

Wer Hunger hat, kauft Essen im Supermarkt, wer Durst hat, kauft sich eine Apfelschorle am Kiosk. Alles sehr greifbar. Auch Zeitungen, DVDs oder CDs kann man sich als reale Produkte ins Regal stellen, nachdem man Geld für sie bezahlt hat. Warum also Geld, das man durch wirkliche Arbeit verdient hat, für Dinge ausgeben, die so flüchtig sind wie ein App-Icon auf dem Bildschirm des Smartphones?

Auch in Digitalem steckt Arbeit

Weil auch diese Dinge das Produkt wirklicher Arbeit wirklicher Menschen sind. Jeder Song bei Spotify wurde von mindestens einer Person geschrieben, in einem Studio, das jemand betreiben muss, von jemandem eingespielt, abgemischt, bei Spotify eingestellt, das eine eigene Firma mit Angestellten ist, die dafür sorgen, dass die Musik letztlich aus den Kopfhörern aller Nutzer des Dienstes kommt.

Vielleicht keine Muskelkraft, dafür aber Hirnschmalz: Digitales ist Arbeit.

Vielleicht keine Muskelkraft, dafür aber Hirnschmalz: Digitales ist Arbeit.

Manchmal erstaunt es mich, darüber nachzudenken, wie viele Menschen wohl daran beteiligt sind, dass gewisse Dinge in meinem Alltag reibungslos funktionieren. Wer damit einmal anfängt, kann die Kette von Personen fast unendlich fortspinnen.

Ein Webdesigner muss auch essen

Nicht alle Menschen, die jeden Tag zur Arbeit gehen, können das Produkt ihrer Arbeit einfach in die Hand nehmen und anderen zeigen. Es kann deswegen schwierig sein, den Wert der Arbeit dieser Menschen zu verstehen. Das ist jedoch essentiell dafür, dass wir weiterhin Serien schauen, Musik hören oder Online-Artikel lesen können. 

Natürlich gibt es Wege, das auch zu tun, ohne dafür zu bezahlen. Es gibt sicher auch Situationen, die es der betreffenden Person schlicht unmöglich machen, für Dienste wie Spotify zu bezahlen. Deswegen gibt es auch hier die Gratis-Version, die monatliche Beiträge durch Werbung ersetzt. Das mag nervig sein, aber letztlich ist und bleibt der Streaming-Dienst ein Produkt, in das die Arbeit unzähliger Menschen geflossen ist und täglich fließt. Und diese Menschen müssen essen, Miete zahlen und vielleicht auch ab und an ins Kino gehen.

Fasst euch ein Herz und öffnet die Geldbörse

Natürlich gibt es Gründe, weder für Spotify noch für Netflix zu bezahlen. Wer allerdings die nötigen finanziellen Mittel hat und aus Bequemlichkeit oder Geiz beschließt, das Produkt der Arbeit anderer Menschen nicht auch finanziell zu honorieren, ist Teil eines Problems, das in den nächsten Jahren dringend gelöst werden muss.

Kleinvieh macht auch Mist - auch im Internet.

Kleinvieh macht auch Mist - auch im Internet.

Unser Leben findet vermehrt online statt - und wir müssen endlich anfangen, digital mit gratis zu verwechseln. Natürlich ist es bequemer, sich das Netflix-Passwort eines Bekannten zu schnorren - und solange dieser damit kein Problem hat, ist das auch soweit in Ordnung. Allerdings sollten wir uns wohl alle darüber Gedanken machen, ob wir wirklich nicht die Mittel haben, oder ob uns die Arbeit anderer Menschen einfach nicht genug wert ist.

Letzteres ist allerdings nicht wirklich nett - und es rächt sich spätestens dann, wenn man selbst Arbeit in etwas steckt, dessen Wert man anderen klar machen muss. Bei der eigenen Arbeit hört die Umsonst-Mentalität nämlich auf.

Danke Spotify, ihr rettet das Internet

Die in diesem Artikel verwendeten Beispiele mögen ihre Makel haben, allerdings sind sie Vordenker einer digitalen Wirtschaft, die ich persönlich unterstützen möchte.

Sie holen Verbraucher bei ihren Konsumgewohnheiten ab und verbessern diese für verhältnismäßig wenig Geld. Davon wird das Internet in Zukunft mehr brauchen, denn es kann nicht länger ignorieren, dass es für viele Menschen Arbeits- und Marktplatz ist. Gratis-Angebote sind großartig und sollen das Web auch niemals ganz verlassen, allerdings muss man sich den Luxus, sie anzubieten, erst einmal leisten können. Danke an dieser Stelle also an alle Menschen, die für Spotify und Co. bezahlen: Ihr rettet WG-Parties genauso wie ein kleines Stück des Internet und zeigt anderen Menschen, dass euch ihre Arbeit etwas wert ist.