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Nachhaltigkeit: Warum dieses Handtuch nie kratzig werden soll und ihr es später einfach auf den Kompost werfen könnt

Flauschig, saugfähig und grün: Mit ihrem Handtuch wollen drei Hamburger Jungs euer Badezimmer und den Markt revolutionieren.

Kushel

Die Idee von Kushel: Ein nachhaltiges Handtuch, das auf dem Kompost entsorgt werden kann

Als ich die drei Handtücher auf meinem Schreibtisch aus ihrer Verpackung mit baby-blauen Punkten, Wassertropfen und geometrischen Formen in Rosatönen befreie, bin ich überrascht. Sie fühlen sich an wie diese Nikki-Plüschteddys, die man als Kind immer haben wollte. Angenehm. Aber sonst eben wie Handtücher. Irgendwie hatte ich etwas Spektakuläreres erwartet vom ersten klima-positiven Handtuch. Oder vielleicht doch etwas, das mehr öko aussieht und nicht wie ein Gebrauchsgegenstand fürs Badezimmer.

"Kushel - The Towel made with Wood" will der Natur mehr zurückgeben, als es in der Herstellung verbraucht. Das steht zumindest auf dem Werbeflyer, der in meinem Paket liegt. Mich strahlen glückliche Menschen in Handtüchern an, Bilder von grünen Wäldern und blauen Himmeln mit Watte-Wolken überziehen das Papier. Ein Handtuch aus Holzfasern – kann das wirklich nachhaltig sein?

Kushels Ziel: Fair, grün und nachhaltig

"Diese Frage bekommen wir eigentlich immer gestellt", sagt Mattias, als ich ihn und seine Mitgründer in Hamburg Altona treffe. Zusammen mit den Brüdern John und Jim hat der 34-Jährige "Kushel: Cosy bei Nature" gegründet. Ihr Ziel: Ein richtig gutes Handtuch herstellen und dabei noch fair, grün und nachhaltig produzieren. Dazu setzen die Jungs auf eine spezielle Herstellung mit der regenerativen Faser Lyocell, die aus Holzfasern hergestellt wird und unter dem Namen Tencel bekannt ist. Dieser Stoff verspricht eine bessere Saugfähigkeit und ein kuscheliges Gefühl beim Anfassen.

Zusätzlich pflanzen sie für jedes verkaufte Handtuch zwei neue Bäume, um die verbrauchten Rohstoffe auszugleichen. Und auch an den CO2-Ausstoß der Produktion ist gedacht: mit einer Klimapatenschaft und der Spende an Projekte, die der Umwelt helfen, wie zum Beispiel im Bereich Windkraft. Im Vergleich zu einem normalen Baumwollhandtuch soll Kushel damit in seiner Herstellung 90 Prozent weniger Wasser und 44 Prozent weniger CO2 verbrauchen.

Grüne Produkte für alle - ohne dass es jeder merkt

Warum die Jungs ausgerechnet Flausch-Handtücher in weiß, grau und rosa herstellen? Die Idee ist so simpel wie einleuchtend: "Handtücher braucht schließlich jeder", sagt John. Auch sonst sind die Gründer sehr strategisch an ihr eigenes Produkt herangegangen. "Wir wollen Kunden ansprechen, die vielleicht noch nie ein grünes Produkt gekauft haben", erklärt Mattias. Denn sobald es an den eigenen Geldbeutel geht, sei bei vielen die Nachhaltigkeit schnell vergessen. "Wenn wir aber Handtücher anbieten, die weicher, saugfähiger und besser sind als die normalen Produkte am Markt und dazu noch gut für das Klima, erkennen die Menschen hoffentlich den zusätzlichen Vorteil", pflichtet Jim bei. Und Kushel soll nicht nur in seiner Produktion dem Klima helfen: Ist das Handtuch nach mehreren Jahren abgenutzt, kann man es auf dem Kompost werfen – denn die Fasern aus Baumwolle und Cellulose sind biologisch abbaubar. "Das könnten wir direkt nächste Woche mal auf meinem Kompost testen", scherzt Jim.

John, Mattias und Jim (v.l.) wollen "das beste Handtuch der Welt" herstellen

John, Mattias und Jim (v.l.) wollen "das beste Handtuch der Welt" herstellen

Dass die drei jetzt im Hinterhof eines Altonaer Fabrikgebäudes sitzen - typisch Startup: gläserne Büroräume ohne Türen, wenig Platz, viele Pflanzen - haben sie ihm zu verdanken. Jim ist verantwortlich für das zweite Standbein der drei Gründer und ihr Weg in die Nachhaltigkeit: Er startete mit dem Vertrieb von Rucksäcken der Marke Ethnotek. Das Unternehmen des US-Amerikaners Jake Orak stellt Rucksäcke her, die fair und nachhaltig produziert werden. Ihre Besonderheit ist eine austauschbare Front mit handgearbeiteten Mustern, die zum Beispiel aus traditionellen Produktionen in Vietnam oder Indien stammen. "Es ist motivierend zu sehen, wenn auch die Menschen, die etwas produzieren, davon profitieren", beschreibt Jim seinen Bezug zur Marke.

Grund genug für ihn, ein eigenes, nachhaltiges Produkt herstellen zu wollen. Sein Bruder John, der beim Werbefilm arbeitete und Mattias, der Wirtschaftspsychologie studierte, kamen dazu. "Zu dritt zu sein hat schon Vorteile", sagt Jim. Jeder ist für einen anderen Bereich zuständig: John sei der mit dem Geschmack, Mattias der mit den besten Ideen. Doch die drei gestehen auch ein, dass es vor wichtigen Abgabeterminen schon manchmal Streit gibt. Und trotzdem: "Ich würde das Ganze gegen nichts auf der Welt eintauschen", sagt Mattias, als wir an einem überdimensionalen Besprechungstisch Kaffee trinken.

Crowdfunding ist gestartet

Um ihr Projekt zu realisieren haben die drei ein Crowdfunding  gestartet – nach etwa einem Jahr der Vorbereitung. Sind genug Bestellungen eingegangen und bezahlt, startet die Produktion. Die Auslieferung der ersten Handtücher ist für April 2019 geplant. "Klingt lang", sagt John, "ist aber für so eine Art von Projekt ziemlich normal". Um die 39 Euro soll ein großes Badetuch kosten.

"Wir haben sehr viel begeistertes Feedback bekommen", sagt Mattias. Auch wenn viele am Anfang sehr kritisch seien, was das Thema Nachhaltigkeit und die Herstellung aus Holz angeht – genau wie ich. Deshalb setze Kushel auf Transparenz. Der bunte Infozettel, der auch in meinem Karton lag, soll aufzeigen, wo und wie grün die Marke ist. Die Baumwolle für Kushel kommt aus der Türkei, die sogenannten Tencel-Fasern von einem Traditionsunternehmen aus Österreich, produziert wird in Portugal, nach europäischen Standards und zum dortigen Mindestlohn.

Abgucken erwünscht!

Außerdem gibt es noch einen Code of Conduct, einen Verhaltenskodex, mit dem sich das Unternehmen verpflichtet, Nachhaltigkeit und gute Arbeitsbedingungen einzuhalten. Langfristig wollen Jim, John und Mattias ihre Produkte im eigenen Online-Shop oder auf Plattformen für nachhaltige Produkte vermarkten. Auch ein Vertrieb an Hotels könnte möglich sein. Doch eigentlich wollen sie mit Kushel noch viel mehr erreichen: "Andere Firmen sollen sich unsere Idee abgucken", sagt John. Kushel soll beweisen, dass nachhaltige Produkte nicht nur gut für die Umwelt sind, sondern von den Kunden auch nachgefragt werden – und sich die Produktion damit für viele Unternehmen rechnen könnte.

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