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Equal-Pay-Day

Gehaltsverhandlungen: Tipps vom Profi: Wie du dein Gehalt richtig verhandelst und gegen ungleiche Bezahlung kämpfst

Das Gehalt ist der Gegenwert für die eigene Leistung. Doch gerade Frauen schrecken oft davor zurück, um Geld zu verhandeln. Wie man sich am besten auf eine Gehaltsverhandlung vorbereitet und die Gender Pay Gap umgeht, erfahrt ihr im NEON-Interview.

Equal Pay Day Bewerbungsgespräch Gehalt

Ob Frau oder Mann – Gehaltsverhandlungen mag eigentlich keiner. NEON hat die besten Tipps, wie man sich vorbereitet und welche Fehler man besser vermeiden sollte.

Getty Images

Würdest du umsonst arbeiten wollen, wenn ein Kollege für die gleiche Arbeit Geld bekommt? Nein?! So geht es aber vielen Frauen – sie haben statistisch im Jahr 2019 77 Tage umsonst gearbeitet. Denn rechnet man die Lücke zwischen dem, was Männer und Frauen verdienen, auf das Jahr um, bekommen beide erst am 18. März gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Die Lohnlücke, die sogenannte Gender Pay Gap, geht von einem Gehaltsunterschied von 21 Prozent zwischen den Geschlechtern aus; laut bereinigten Zahlen des statistischen Bundesamtes liegt sie immerhin noch bei sechs Prozent. Um darauf aufmerksam zu machen, ist an diesem Tag "Equal-Pay-Day".

Doch unabhängig vom Geschlecht tun sich Frauen und Männer oft schwer damit, einzuschätzen, was ihre Arbeit eigentlich wert ist. Und das wirkt sich auch auf die Gehaltsverhandlungen aus. Aber wann ist eigentlich der richtige Zeitpunkt, mit dem Chef über das Gehalt zu sprechen? Welche Fehler sollte ich im Gespräch vermeiden – und wie gehe ich damit um, wenn der Kollege doch mehr verdient? Katrin Luzar arbeitet bei der Online-Jobbörse "Monster.de" und hat tägliche mit Fragen rund um Karriere und Gehalt zu tun. Im NEON-Interview gibt sie Tipps, damit die nächste Gehaltsverhandlung ein Erfolg wird.

Frau Luzar, warum verdienen Frauen immer noch weniger als Männer?
Viele Frauen ahnen, dass sie wahrscheinlich weniger bekommen als ihre männlichen Kollegen; das beeinflusst sie oft in der Gehaltsverhandlung. Sie stapeln dann erst einmal tief, weil sie eh das Gefühl haben, nie so viel zu verdienen, wie ihr männlicher Kollege. In einer Studie unseres Karriereportals "Monster.de" haben wir gefragt, wie selbstbewusst sich Arbeitnehmer fühlen, nach einer Gehaltsverhandlung zu fragen. 55 Prozent der Männer fühlten sich selbstbewusst genug – aber nur 39 Prozent der Frauen. Wenn sich das nicht ändert, wird man langfristig auch die Gender Pay Gap nicht aufheben.

Warum ist es sinnvoll, über das Gehalt zu verhandeln?
Gehaltsverhandlungen sind keine besonders beliebte Situation und in Deutschland ist es auch nicht sehr üblich, über das Thema Gehalt offen zu sprechen. Doch mit dem ersten Gehalt legt man einen Grundstein für den späteren Verdienst, da alle Gehaltserhöhungen darauf aufbauen werden. Man sollte natürlich nicht völlig überhöhte Forderungen stellen oder arrogant wirken, aber viele Bewerber sind zu Beginn oft zu schüchtern, um genug für ihre Leistung zu verlangen. Es heißt aber Gehaltsverhandlung und nicht Gehaltsentscheidung: Wer 62.000 Euro fordert, geht am Ende vielleicht mit den gewünschten 50.000 Euro raus. Es kommt in der Regel niemand und bietet einem Gehalt für die tollen Leistungen an, die man erbracht hat. Man muss für sich selber wissen, was man sich und dem Unternehmen wert ist und die Gehaltsverhandlungen steuern.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Verhandlung?
Abgesehen von Verhandlungen zum Berufseinstieg ist der Zeitpunkt immer richtig, wenn man das Gefühl hat, gerade eine besonders gute Leistung erbracht zu haben. Auch der interne Wechsel auf eine neue Stelle oder die Beförderung innerhalb der eigenen Funktion kann ein geeigneter Moment sein. Doch auch anderen Aspekte spielen eine Rolle: So ist Freitagnachmittag um 17 Uhr wahrscheinlich nicht unbedingt der beste Moment für ein Gespräch, ebenso wenig wie kurz vor dem wichtigen Meeting in einer halben Stunde.

Dr. Katrin Luzar ist Marketingdirektorin bei "Monster.de" und gibt Tipps für die Gehaltsverhandlung

Dr. Katrin Luzar ist Marketingdirektorin bei "Monster.de" und gibt Tipps für die Gehaltsverhandlung

Wie bereite ich mich auf eine Verhandlung für ein Einstiegsgehalt vor?
Vor der Gehaltsverhandlung sollte man sich unbedingt über einige Aspekte im Klaren sein. Es ist wichtig, zu wissen, was man verdienen möchte. Es lohnt sich, zu überlegen: Was muss ich monatlich auf dem Konto haben, um meine Miete zu bezahlen, mich zu ernähren, um mal auszugehen und Kleidung zu kaufen? Daraus ergibt sich dann eine Gehaltsspanne, mit der man in die Verhandlung gehen kann – also zum Beispiel 35.000 bis 42.000 Euro Brutto-Jahreslohn.

Wie finde ich denn heraus, welche Gehälter in der Branche üblich sind?
Wenn man in Deutschland nicht in tarifgebundenen Verträgen arbeitet, bei denen das Gehalt nach Stufen festgelegt ist, ist das gar nicht so einfach. Aber es gibt im Internet durchaus Vergleichsportale oder Foren, in denen Arbeitnehmer ihr Gehalt veröffentlicht haben und daraus ein Durchschnitt für die Branche errechnet wird. Dieser kann helfen, sich selbst einzuschätzen. Es kann sich auch lohnen, bei Freunden aus dem Studium oder in der Familie nachzufragen, die in einer ähnlichen Branche arbeiten. Wenn ich schon in einem Unternehmen arbeite und mein Gehalt neu verhandeln will, gibt es seit vergangenem Jahr die Möglichkeit, vom "Entgelttransparenzgesetz" Gebrauch zu machen. Diese Regelung soll es erleichtern herauszufinden, wie das durchschnittliche Bruttogehalt der Kollegen in einer vergleichbaren Position ist. Das Gesetz hat jedoch Lücken: So gilt es nur für Unternehmen ab 200 Mitarbeiter und es muss zudem andere Kollegen in einer vergleichbaren Position wie der meinen geben.

Wie verhandele ich um mehr Gehalt?
Wer sein Gehalt steigern will, sollte sich langfristig eine Liste anlegen, in die er kontinuierlich die eigenen Projekte und Erfolge einträgt. Einfach kurz in einem Notizheft oder einem Word-Dokument vermerken, an was für Projekten man gearbeitet und welche Erfolge man erzielt hat. Damit lässt sich dann argumentieren. Zudem sollte man das Gespräch mit Freunden und Familie vor der eigentlichen Verhandlung ein paar Mal üben. Dabei lassen sich mögliche Argumente und Gegenargumente erkennen und entkräften.

Welche zum Beispiel?
Natürlich wird der Chef versuchen, den Wunsch nach mehr Gehalt zu relativieren, denn er handelt im wirtschaftlichen Sinn für die Firma. Daher ist es wichtig, seine Argumente zu kennen und gut vorbereitet zu sein. Das Budget des Unternehmens ist in diesem Jahr zu niedrig? Dann bietet man beispielsweise zehn statt 15 Prozent Lohnerhöhung an und kommt dem Arbeitgeber entgegen. Die eigene Erfahrung reicht nicht aus für ein höheres Gehalt? Dabei hilft es, die angesprochenen erfolgreichen Projekte vorzuweisen und zu zeigen, dass man vielleicht weniger Erfahrung hat, aber genauso viel leistet wie Kollegen, die schon fünf Jahre dabei sind.

Und wenn ich mit dem Angebot meines Chefs nicht zufrieden bin?
Sollte das angebotene Gehalt hinter den eigenen Ansprüchen zurückbleiben, muss man natürlich weiter verhandeln. Aber wenn sich der Netto-Verdienst in einem Rahmen bewegt, den man akzeptieren kann, gibt es Möglichkeiten, sein Gehalt durch sogenannte Geldwerte Vorteile aufzuwerten. Manche Unternehmen unterstützen beispielsweise ein Firmenticket oder einen Firmenwagen. Oder man kann über zusätzliche Vergütungen wie Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld verhandeln. Auch Urlaubstage oder einen Zuschuss zu den Umzugskosten, wenn man für den neuen Job die Stadt gewechselt hat, kann man verhandeln.

Welche Fehler sollte ich noch vermeiden?
Im Gespräch ist es wichtig, realistisch zu bleiben. Wenn ich erst vor ein paar Monaten in diesem Unternehmen angefangen habe oder gerade erst befördert worden bin und eine Gehaltserhöhung bekommen habe, sollte ich vielleicht noch etwas warten mit der Gehaltsverhandlung. Auch sehr unrealistische und überzogene Gehaltsvorstellungen können den Erfolg des Gesprächs schmälern – hier geht es darum, gut vorbereitet zu sein und nicht arrogant, sondern selbstsicher aufzutreten. Zudem bringt es nichts, einfach darauf zu pochen, dass die Kollegen ja mehr verdienen – und auch mit Drohungen sollte man vorsichtig sein. Denn wer behauptet, sonst zu kündigen, der muss auch den Mut haben, die Konsequenzen zu ziehen und wirklich zu gehen.

Wie gehe ich damit um, wenn der männlich Kollege nachweislich mehr verdient als ich?
Rechtlich ist es natürlich untersagt, Männer und Frauen aufgrund ihres Geschlechtes bei gleicher Leistung anders zu bezahlen. Praktisch ist es aber oft schwierig nachzuweisen. Daher geht es im ersten Schritt darum, Professionalität und Ruhe zu bewahren. Denn nur darauf zu pochen, dass der männliche Kollege mehr verdient, bringt erst einmal wenig. Stattdessen lohnt es sich, im Gespräch mit dem Chef mit eigenen Leistungen argumentieren und ein höheres Gehalt einzufordern.

Und wenn der Chef trotzdem nicht zustimmt?
Das Gespräch mit dem Chef oder der Chefin ist natürlich der erste Schritt. Doch teilweise kann der Vorgesetzte selbst Teil des Problems sein. Hier kann es helfen, sich im Vertrauen an die Personalabteilung zu wenden. Bei Unternehmen mit Betriebsrat gibt es mittlerweile auch oft direkte Ansprechpartner für Fragen der Gleichberechtigung. Die Schwierigkeit ist natürlich immer, Ungleichbehandlung zu beweisen – das ist aber kein Grund, auf die Problematik nicht aufmerksam zu machen.