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Philipp Büttner: NEON-Traumjob: Wie wird man eigentlich ... Musicaldarsteller?

Wochenend-Arbeit ist für ihn normal: Philipp Büttner steht an sechs Tagen die Woche als Aladdin auf der Bühne. NEON erzählt er, warum er seinen Traum lebt - und zeigt im Video sein Schmink-Programm.

Von Johannes Zimmermann

Philipp Büttner steht als Aladdin auf der Bühne des Theaters "Neue Flora" in Hamburg

Um wen geht’s? 

Philipp Büttner ist 27 Jahre alt und kommt ursprünglich aus Würzburg. Nach dem Abitur ist er nach München gegangen, um Musical zu studieren. Seit zwei Jahren spielt er am Theater "Neue Flora" in Hamburg die Hauptrolle im Musical "Aladdin".

Dieses Märchen ist auch ein Stück weit mit Schuld daran, dass er heute überhaupt hier steht. "Aladdin" war der erste Kinofilm den er als Kind gesehen habe. Das hat ihn damals extrem beeindruckt: Diese Musik, die Farben, die Geschichte. Seine Familie hat überhaupt nichts mit Musik und Theater zutun, aber diese Lust auf das Singen hat er, seit er ganz, ganz klein ist.

Was machst du den ganzen Tag? 

Musicaldarsteller zu sein ist ein Vollzeit-Job. Ich arbeite 40 Stunden die Woche, allerdings an sechs Tagen die Woche und nicht an fünf, wie die meisten anderen. Wir haben nur einen Tag frei in der Woche, das ist der Montag. Unter der Woche spielen wir immer eine Show. Das liebe ich, weil man dann relativ viel Freizeit hat und abends dann im Theater ist. Da sind dann aber auch manchmal Proben oder es gibt eine Anprobe, weil was am Kostüm gemacht werden muss oder so. Und am Samstag und Sonntag spielen wir zwei Shows. Das ist hart, danach braucht man dann wirklichen den freien Montag.

Mein typischer Tagesablauf sieht so aus: Morgens kann ich ausschlafen, wenn ich will. Tagsüber mache ich relativ viel Sport, weil man diese Kondition für die Show braucht, und ich singe zuhause auch total viel. Abends muss ich dann eine Stunde vor Showbeginn im Theater sein, das heißt um 17:30 oder 19 Uhr muss ich dort sein, je nachdem, wann die Show beginnt. Manchmal habe ich Tage, da komme ich relativ knapp, an anderen Tagen komme ich eine halbe Stunde früher, einfach weil es schön ist, die Leute zu sehen und noch ein bisschen zu quatschen. Drei Stunden nach Showbeginn gehe ich normal wieder aus der Tür raus, nachdem ich geduscht und meine Sachen gepackt habe. Aber das ist ganz individuell. Oft geht man hinterher noch in die Kantine und trinkt was zusammen, oder geht noch was essen, oder man geht direkt nachhause.

Wie wird man das?

Es gibt zwei verschiedene Möglichkeiten in Deutschland eine Ausbildung zum Musicaldarsteller zu machen. Man kann eine private Ausbildung machen, die man aus eigener Tasche bezahlt. Ich habe mich für den anderen Weg entschieden und habe an einer staatlichen Hochschule, der Theaterakademie August Everding in München, studiert. Das hatte den schönen Vorteil, dass ich nichts dafür bezahlt habe und dass wir auch viel weniger Leute waren. Wir waren in meinem Jahrgang zu acht. Diese Ausbildung dauert vier Jahre. Ich glaube, dass das so der typische Weg ist, Musicaldarsteller zu werden. Wir haben hier bei "Aladdin" auch viele aus dem Ausland, die auch fast alle eine Ausbildung in dem Bereich Tanz und Gesang gemacht haben. Ich kenne aber auch Leute, die als Quereinsteiger im Business sind. Das sind aber nur wenige, denn: Um einen Job zu bekommen, muss man zu einer Audition (Auswahltermin mit Vorsingen) und muss etwas können. Das bedeutet: Die Leute müssen sich das alles selbst aneignen. Am Ende zählt nur der Moment, wenn du in diesen Raum reingehst und was die Jury dann von dir hält. Wenn die wissen, ein Bewerber kommt von der Theaterschule in München, dann wissen die auch, was es da für eine Ausbildung gibt. Die Wahrscheinlichkeit, dass man zu einer Audition eingeladen wird, ist dann bestimmt höher.       

Welchen Satz kannst du nicht mehr hören?

Ein Satz, den ich leider auch selber immer wieder sage, lautet: "Ah, ich war heute nicht drin". Man hat auf der Bühne nie die Möglichkeit, zu sehen, wie das gerade nach außen wirkt. Deswegen braucht man einen Regisseur, deswegen braucht man Leute, die immer draußen gucken und das zurückmelden. Du kannst einen Tag haben, wo du selber denkst "Boah, ich habe heute den besten Aladdin der Welt gespielt" und die Leute im Publikum denken "Puuuh, das war heute aber nix" . Genauso kann ich auf der Bühne stehen und denken "Boah, ich bin heute richtig schlecht" und im Publikum weinen alle und denken "Woah, wie toll ist das?". Natürlich ist das schön, wenn du das Gefühl hast, du warst heute gut, aber es ist nicht immer ein Zeichen von Qualität, nur weil ich mich gut gefühlt habe.

Wie ist die Bezahlung?

Ich bin bei Stage festangestellt und bekomme ein monatliches Gehalt. Grundsätzlich gibt es bei Stage Tarifverträge für die Mitarbeiter. Die sind aber vor allem fürs Ensemble und die kleinen Rollen gedacht. Als Hauptrolle hat man immer die Möglichkeit, noch zu verhandeln. Und dann kommt es natürlich total darauf an, wie bekannt man ist. Die meisten Leute haben eine Agentur, die das für einen macht, weil das einfach zu komplex ist. Wenn man neu ist, hat man überhaupt keine Ahnung, was man verlangen kann. Wer gut ist, kann damit gutes Geld verdienen. Das ist kein Job, mit dem ich super reich werde. Aber ein Jahresgehalt von 100.000 Euro ist auf jeden Fall machbar. Für einzelne Shows, die ich sonst noch so nebenbei mache, bekomme ich zwischen 700 und 1500 Euro pro Vorstellung. Das Musical ist noch ein gutes Business, was die Theaterwelt angeht. Ich weiß zum Beispiel, was Schauspieler oder Balletttänzer an Theatern verdienen. Teilweise bekommen Leute unter 2000 Euro Brutto. Beim Musical wird man da wirklich noch ordentlich bezahlt. Außerdem habe ich 29 Urlaubstage. An den Feiertagen arbeiten wir grundsätzlich immer, aber die Tage bekommen wir dann als Urlaub obendrauf.

Was ist das Beste am Job?

Ich würde mich selbst immer in erster Linie als Sänger bezeichnen. Und das ist sehr unterschiedlich von Darsteller zu Darsteller: Manche Leute würden sagen, sie sind eher Schauspieler, manche sind Tänzer. Aber ich bin zu allererst Sänger und ich liebe es, zu singen. Einfach richtig geile Musik am Abend zu singen, ist mein Traum. Bei "Aladdin" gefällt mir besonders, dass ich da so gefordert bin. Ich gehe an meine Grenzen und gebe, was ich kann. Du musst dich drei Stunden lang abrackern und ich darf auch viel tanzen. Ich werde da richtig gebraucht. Das liebe ich!

Es kommt für mich aber auch ein bisschen auf die Abwechslung an: Ich liebe es, mal was Rockiges zu machen, jetzt spiele ich ein paar Vorstellungen "Westside Story" parallel zu "Aladdin", das ist eher klassisch angehaucht, ich habe aber jetzt gerade auch drei Vorstellungen "American Idiot" mit Musik von Green Day in Berlin gespielt – dafür benutzte ich dann meinen Urlaub. Ich denke mir "Jetzt bin ich jung, jetzt kann ich das machen" und in zehn Jahren will ich dann vielleicht lieber Urlaub machen.

Was ist das Nervigste an deinem Job?

Ich habe kein Problem damit, abends zu arbeiten. Wenn man um 24 Uhr im Bett sein will, dann schafft man das auch. Da wäre man in einem normalen Job wahrscheinlich auch nicht früher. Es ist für mich auch überhaupt kein Problem, Samstag und Sonntag so viel zu arbeiten. Vor allem Sonntag ist eh meist so ein toter Tag. Am Montag haben wenigstens alle Geschäfte offen. Aber: Schön wäre natürlich, zwei Tage frei zu haben. Das muss ich wirklich sagen. Vor allem, weil man an einem freien Tag so wenig unternehmen kann. Ich würde aber nicht sagen, dass meine Freizeit deswegen zerschossen ist. Dafür habe ich unter der Woche tagsüber relativ viel Freizeit. An Feiertagen und am Wochenende die Familie besuchen, das geht halt nicht. Da hilft nur viel Organisieren und im Voraus planen, wann man wen treffen kann.

Es gibt noch einen zweiten großen Nachteil: Ich muss meinen Wohnort ständig wechseln. Seit ich fertig bin an der Schule war ich in Bielefeld, in Oldenburg, in der Schweiz, in Hamburg, in Frankfurt, in München, in Essen, in Berlin, im nächsten Jahr geht es für mich mit "Aladdin" nach Stuttgart. Da ist man praktisch nie am selben Ort wie Familie, Freunde und Partner.

Deine Empfehlungen für Newcomer?

Natürlich braucht man Talent. Aber auf unserer Bühne stehen so viele verschiedene Menschen, da kann man wirklich vielseitig talentiert sein. Es gibt nicht das eine Rezept. Ich glaube, weil ich das selbst so erlebt habe, dass es oft viel mehr Arbeit ist als Talent. Denn wenn ich überlege: Seit ich klein bin mache ich den ganzen Tag nichts anderes. Ich singe den ganzen Tag von früh bis spät - einfach aus Spaß - und das schon seit ich fünf war. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich es kann, weil ich es die ganze Zeit mache. Deswegen auch der Tipp an Newcomer: Macht so viel es geht. Die Hauptsache ist, sich damit zu beschäftigen. Damit das normal wird, sich mit Stimme und Körper zu beschäftigen.

Und im nächsten Schritt, wenn man sich für Ausbildungen und das Studium bewirbt, kommt es nicht darauf an, was man kann. Denn die wollen dich ja ausbilden, die wollen dir was beibringen, damit du hinterher was kannst. Worum es den Jurys oft geht, ist zu sehen, dass da Potenzial ist. Und ich glaube, es ist sehr wichtig, keine Angst zu haben, sich so zu präsentieren, wie man ist. Die Dozenten müssen auf dich als Mensch Lust haben. Wichtig ist, nicht zu glauben, zu wissen, was die sehen wollen und was die für Typen haben wollen. Ich bin selbst auch nicht der, der im Privatleben rausgeht und immer im Mittelpunkt steht. Aber ich kenne viele, die so sind und ich dachte früher immer, man muss so extrovertiert sein. Aber irgendwann habe ich erkannt "Nein. Wenn du so bist, ist es ok und wenn du nicht so bist, ist es auch ok." Am Ende zählt, was du auf der Bühne ablieferst und ob die Leute gerne mit dir zusammenarbeiten wollen.

Mehr Traumjobs findet ihr unter neon.de/traumjob.

Johann Waschnewski
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