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Drugs on Wheels: "Mein Name ist Lars und ich bin süchtig – nach Carsharing"

Die völlige Freiheit und grenzenlose Unabhängigkeit: Unser Autor hat seine persönliche Wellnessoase entdeckt – das Carsharing. Den größten Spaß hat er inzwischen bei einem hitzigen Abend im Stau, mit angenehmen dreißig Grad, wenn es geht kein Stück vorwärts geht.

Von Lars Weisbrod

Mann sitzt in Auto

Unser Autor hat seinen persönlichen Ruheort gefunden: Im Carsharing-Auto in einem hitzigen Stau (Symbolbild)

Getty Images

Ich lasse das Fenster heruntersirren, fische irgendwo zwischen den Sitzen das Feuerzeug und die Marlboro Gold hervor und zünde mir eine Zigarette an. Die Sonne knallt auf den Unterarm und die Stoßstange bei jedem Ruck fast gegen die Stoßstange vor mir. Ich blicke mich um: Die Fahrer auf der Spur nebenan sehen aus, als wären sie noch genau ein Hupen entfernt vom nächsten Bypass. Vor einer halben Stunde sah ich auch so aus, aber mit jeder Minute länger Kupplung­Gas­Bremse fallen ein paar Kubikmeter mehr von meinen Schultern ab, von meinem Gesicht, von meinen Armen. Von dem einen, den ich aus dem Fenster halte, und dem anderen, mit dem ich möglichst lässig den Gang einlege.

Feierabendstau wird zu Wellness  

Der Feierabendstau, der die an deren in den Wahnsinn treibt, ist inzwischen meine Wellnessoase, mein Yoga, mein Achtsamkeitstraining geworden. Was ist der Unterschied zwischen den Bypassgesichtern und mir? Es ist ein kleiner, aber feiner: Ich sitze in einem Carsharing-­Auto, die anderen nicht. Ich kann mein Auto einfach an jeder Straßenecke wieder loswerden und mit ihm das ganze Pendlerstauleben. Ich habe mir nur ausgeliehen, worin die ausgezehrten Pendlermenschen um mich herum feststecken: ein richtig spießiges Leben. 

Das klingt jetzt hart, ich komme darauf gleich zurück, aber erst mal muss ich ein Geständnis ablegen: Mein Name ist Lars, und ich bin süchtig. Nach Carsharing. Also nach diesen Autos, den Minis und BMWs und Smarts, die Anbieter in unseren Innenstädten abgestellt haben. Mehr als 16 000 von ihnen fahren in deutschen Städten herum, mehr als 1,2 Millionen Anmeldungen verzeichnen die Firmen inzwischen wobei sich nicht genau sagen lässt, wie viele Menschen Carsharing nutzen, weil sich viele bei mehreren Diensten angemeldet haben. So wie ich.

Fahren, rauchen und an nichts wichtiges denken

Ich gebe inzwischen eine ganze Menge Geld dafür aus. Dabei muss ich meistens nicht einmal irgendwohin. Ich will einfach nur: fahren. Fahren und rauchen und an nichts Wichtiges denken. Rauchen darf man natürlich eigentlich nicht, hoffentlich sperren mich die Firmen nicht, wenn sie das hier lesen. Ich wüsste nämlich nicht mehr, wie ich auf ihre Flotten verzichten soll. Manchmal belohne ich mich für einen erfolgreichen Tag im Büro mit einer Fahrt zurück nach Hause.

Vor allem aber fahre ich an schlechten Tagen. Inzwischen endet jeder Beziehungsstreit für mich auf der Autobahn. Nachdem man eine Stunde lang geschrien, Türen geknallt und ausgesucht verzichtbare Dinge geworfen hat, sitze ich in einem Carsharing­Auto und drehe in der Nacht eine halbe Runde auf der Stadtautobahn, ohne Ziel, aber mit dem beruhigenden Wissen, dass man ja einfach auch immer weiterfahren könnte. Mache ich natürlich nicht, irgendwann haben sich so viele Whatsapp­Nachrichten angesammelt, dass ich aus schlechtem Gewissen wieder nach Hause fahre.

Carsharing-Sucht in Mitten eines Kulturkampfes um das Auto

Manchmal reicht es auch schon, einen Wagen zu buchen, sich hineinzusetzen, das sanfte Geräusch der sich schließenden Tür, und dann, abgeschlossen von der Welt, zu schreien und auf das Lenkrad einzuschlagen, bis einem die Fäuste wehtun.

Mit meiner Carsharing-­Sucht platze ich mitten in einen Kulturkampf, der gerade um das Auto tobt. Das Auto stirbt nämlich, zumindest hält sich dieses Gerücht seit einiger Zeit hartnäckig. Junge Menschen, die in Großstädten leben, hätten viel weniger Interesse am eigenen Auto, heißt es. "In den Großstädten wird die Motorisierung weiter zurückgehen", sagt zum Beispiel der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer.

Das Versprechen einer kurzen Ruhepause

Carsharing-Angebote sind deswegen vor allem: Versuche der großen deutschen Autokonzerne, ihr Produkt auf irgendeinem anderen Weg an die jungen Leute zu bringen. Wenn die sich angeblich schon keine Autos mehr kaufen, dann sollen sie wenigstens welche mieten, und zwar als Teil von sogenannten "integrierten Mobilitätsangeboten". U-Bahn, zu Fuß gehen, Autofahren, Mietfahrrad, alles soll nebeneinander existieren, und man kann sich, je nachdem, was gerade am besten passt, sein Fortbewegungsmittel sofort auswählen.

Integrierte Mobilitätsangebote interessieren mich aber gar nicht. Was mich so süchtig nach Carsharing-Autofahren macht, ist ein viel größeres Vergnügen: das Versprechen einer kurzen Ruhepause, einer kleinen Flucht in ein anderes, einfacheres Leben. 1968 schrieb der französische Philosoph Jean Baudrillard in seinem Buch "Das System der Dinge" einige Sätze, in denen ich mich ganz wiederfinde. "Das Auto bereichert das Privatleben mit einem Stück Außenwelt, ohne den Rahmen zu sprengen", heißt es dort und dass die "dynamische Begeisterung" des Fahrens ein Gegenstück bilde zum statischen und ruhigen Zufriedensein im Familienkreis. Baudrillard erzählt von einem Mann, für den der Wagen "eine Art Niemandsland zwischen Heim und Büro" ist. Wirklich heimisch fühle er sich nur noch zwischen den beiden Orten.

Das "verschlossene Gehäuse der Intimität"

"In unserem zweispurigen Alltag ist also der Wagen doch mehr als das Gegenstück zur Wohnung", schließt Baudrillard daraus. "Denn er selbst ist ebenfalls ein Zuhause, allerdings ein außergewöhnliches; ein verschlossenes Gehäuse der Intimität." Heute sind die Vorzeichen genau umgekehrt sowohl das private Zuhause mit der komplizierten Beziehung als auch der Job sind keineswegs Horte der statischen Zufriedenheit, sondern selbst schon so dynamisch, dass man kaum noch mitkommt. Das aber macht Baudrillards andere Beobachtungen nur umso treffender: Das "verschlossene Gehäuse der Intimität", das "Niemandsland" zwischen beiden Orten hat von seinem Reiz nichts verloren. Statt in der U-Bahn noch die letzte Arbeitsmail zu beantworten oder die ersten Nachrichten darüber auszutauschen, was man abends essen soll, tritt in der Autoblase eine willkommene Pause ein.

Im Auto kann ich mich kurz der Vorstellung hingeben, ich sei dieser Familienvater aus den 60er Jahren, der sich eben an der Stechuhr ausgestempelt und schon auf der Fahrt nach Hause seine Arbeit komplett vergessen hat, weil sie so unglaublich bedeutungslos ist.

Die Sehnsucht nach dem spießigen Leben von früher

Das ist dann wohl die oft beschworene, komplizierte Sehnsucht nach einem spießigen Leben. Wir wünschen uns so gern, und ich erst recht, die spießige Ruhe zurück, die unsere Elterngeneration noch genießen durfte.

Bloß: Wenn es hart auf hart kommt, sind wir dann doch abgeschreckt vom Reihenhaus und dem Kombi in der Einfahrt, mit dem Papa jeden Tag ins Büro pendelt. Bisher kam mir das vor wie ein ewiger Widerspruch, der sich nicht auflösen ließ. Bis ich dann das Carsharing für mich entdeckt habe. Hier kommt das Auto endlich zu sich selbst, so wie es Baudrillard auch schon beschrieben hat: "Ein großartiger Kompromiss wird vollzogen", sagt er, "bei sich zu sein und stets weit fort zu sein. Der Wagen erweist sich so als ein Zentrum einer neuen Ichbezogenheit, deren Umkreis gar nicht deutlich abgesteckt ist." Ich bin mir sicher, er meinte eins von den blauen Drivenow-Autos.

Mit denen kann ich zum Großeinkauf ins Shoppingparadies vor der Stadt fahren, als wäre ich über Nacht plötzlich Mitte vierzig geworden. Aber ich leihe mir zusammen mit dem Auto diese Welt eben nur aus, ich probiere sie kurz an, kann ein bisschen so tun, als ob, als hätte ich schon ein Kind, das in den Kindersitz passt, der in den Drivenow-Autos schon auf der Rückbank bereitliegt. Es ist ein Spiel, aus dem eben nie Ernst wird. Ernst wäre es, würde ich mir tatsächlich ein langweiliges Kombiauto kaufen und stünde mit ihm dauernd im Feierabendstau.

Das eigene Auto stiehlt die Unabhängigkeit

Ich würde sofort Angst bekommen, so geworden zu sein, wie ich es nie werden wollte. Den eigenen Kombi könnte ich nicht schnell irgendwo stehen lassen, wenn mir die Sache zu heiß wird und ich doch lieber noch in den Club gehe. Den Kombi müsste ich ja am Samstag früh dann auch in die Waschanlage fahren. Das wäre eindeutig zu viel der Spießigkeit. Aber die nur geborgte Spießigkeit eines Carsharing-BMWs, sie passt perfekt.

Bei Baudrillard besaß man die Dinge noch, die sein System bilden. Aber, und das scheint mir heute, im Feierabendstau, Zigarette in der linken Hand, die rechte auf der Gangschaltung, die Grünphase wieder verpasst, ziemlich klar: Der Besitz war der Fehler. Das Niemandsland Automobil, es ist nur schön, wenn man zu Besuch da ist.

Dieser Artikel ist erstmals im August 2016 in der NEON erschienen.

Autos und Lkw fahren auf einer Autobahn in Deutschland. Durch die Bewegung sind die Fahrzeuge unscharf