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Interview

"Who made my clothes?": Sechs Jahre nach Unfall in Bangladesch: So kannst du die Fashion-Welt verbessern

Beim Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch 2013 starben über 1100 Menschen. Seitdem will die Kampagne "Fashion Revolution" für mehr Transparenz sorgen. NEON hat mit der Gründerin einer Online-Plattform für Secondhand-Designermode darüber gesprochen. 

Fashion Revolution Rana Plaza Bangladesch

Weltweit kämpfen Verbraucher am 24. April für ein Umdenken und faire Arbeits- und Produktionsbedingungen in der Modeindustrie.

Jährlich werden weltweit über 100 Milliarden Kleidungsstücke produziert – jeder von uns hat im Schnitt über 100 von ihnen im Schrank. Aber woher kommt diese Kleidung? Wer hat sie produziert und unter welchen Bedingungen? Der Einsturz des Fabrikkomplexes Rana Plaza in Bangladesch am 24. April 2013 machte öffentlich sichtbar, wie Arbeiterinnen und Arbeiter ohne Arbeitsschutz und zu Niedriglöhnen für H&M, Primark aber auch Hugo Boss Kleidung produzieren. Noch im selben Jahr gründeten Aktivisten, Unternehmen, Produzenten und Modeliebhaber die Kampagne "Fashion Revolution". Unter dem Motto "Wo made my clothes?" will die Aktion für mehr Transparenz in der Modeindustrie sorgen. Mittlerweile findet in vielen Städten weltweit vom 22. bis zum 28. April die "Fashion Revolution Week" mit zahlreichen Aktionen rund um das Thema faire Mode statt.

In Deutschland fordern zudem immer mehr Menschen und auch einige Fashion-Labels ein Gesetz, das Unternehmen verpflichtet, faire Arbeitsbedingungen zu fördern und Verstöße dagegen rechtlich zu bestrafen. Lisa Jaspers, Gründerin des Fair-Fashion-Labels Folkdays, startete 2018 eine Petition zu einem Gesetz zur unternehmerischen Sorgfaltspflicht, die in diesem Jahr unter dem Hashtag #fairbylaw in die zweite Runde geht.

Auch Cécile Wickmann hat im Jahr 2013 ihr Unternehmen Rebelle gegründet, eine Plattform für Designer-Secondhand-Fashion. Nach zahlreichen Umzügen wusste sie nicht wohin mit ihren gut erhaltenen Teilen und schaffte einen eigenen Marktplatz. Mittlerweile hat das Unternehmen mit Sitz in Hamburg 85 Mitarbeiter und verschickt Artikel in über 40 Länder. Mit NEON hat Cécile über den Einfluss von Secondhand-Mode auf die Fashionindustrie gesprochen und gibt Tipps, wie jeder seine eigene Fashion Revolution starten kann.

Cécile, in der "Fashion Revolution Week" sollen sich Kunden fragen: "Who made my clothes?". Weißt du, woher die Kleidung stammt, die du heute trägst?
Meinen schwarzen Pullover mit den bunten Streifen haben wir von Rebelle in Kooperation mit der nachhaltigen Kaschmir-Marke Madeleine Thompson in Großbritannien hergestellt. Bis auf meine Schuhe ist der Rest Secondhand-Kleidung – aber natürlich kann ich nicht bei jedem Teil sagen, wo es genau herkommt, denn dazu sind die Lieferketten in den Unternehmen oft viel zu komplex. Und genau die Intransparenz ist das Problem – aber das Unglück in Bangladesch 2013 hat mich und auch viele andere Konsumenten aufgerüttelt, mehr darüber nachzudenken und nachzufragen, woher unsere Mode eigentlich kommt und wie man sein Verhalten beim Einkaufen verändern kann.

Warum sollte ich mich mit der Frage beschäftigen, woher meine Kleidung kommt?

Die Frage dahinter ist ja nicht nur, woher meine Kleidung kommt, sondern welchen Einfluss ich mit meinem Einkauf nehmen kann – welchen Footprint hinterlasse ich? Diese Frage ist in den letzten Jahren für die Konsumenten immer wichtiger geworden und ein Großteil weiß, dass die Fashionindustrie zu den schmutzigsten Industrien weltweit gehört. Das Unglück in Bangladesch 2013 war ausschlaggebend, da viele Menschen zum ersten Mal die indirekten Auswirkungen des Fast-Fashion-Konsumverhaltens gesehen haben. In den letzten Jahren zeigt sich bei vielen Themen, wie zum Beispiel Essen oder Mobilität, dass Konsumenten immer mehr darauf schauen, unter welchen Bedingungen Dinge hergestellt werden und welchen Impact sie auf die Umwelt haben.

Viele Marken springen mittlerweile auf diesen Trend auf ...
Das stimmt. Den Labels und auch Ketten ist klargeworden, dass die Kunden wissen wollen, woher ihre Kleidung kommt. Trotzdem sollte ich mich als Konsument nicht vom Marketing blenden lassen und auch hinter die Fassade der Kampagnen schauen und überprüfen, wie nachhaltig dort wirklich produziert wird. Denn eine Kollektion mit ein paar fair produzierten T-Shirts macht nicht gleich die ganze Produktion besser.

Cécile Wickmann Rebelle Hamburg

Rebelle Gründerin Cécile Wickmann hat ihre Online-Plattform "Rebelle" 2013 ins Leben gerufen.

Was kann ich denn konkret als Konsument verbessern?
Jeder kann mit kleinen Veränderungen in seinem Alltag anfangen. Zuerst kann man sich fragen, bei welchen Labels man bisher einkauft und wieviel man dafür ausgibt. Dann sollte ich mir die Frage stellen: Was kaufe ich eigentlich? Brauche ich wirklich zehn blaue Jeans oder sieben weiße Blusen? Folge ich gern Trends und trage die Sachen eine Saison oder kaufe ich Dinge, die ich langfristig mag und die qualitativ hochwertig sind? Und abschließend kann ich mir immer überlegen, ob ich nicht Sachen von mir in einen zweiten oder vielleicht auch dritten Lebenszyklus geben kann, indem ich sie weiterverkaufe.

Bei vielen Käufern ist aber immer noch eine gewisse Hemmschwelle: Man kauft eher eine Markenjeans für 100 Euro, statt eine nachhaltig produzierte Jeans zum gleichen Preis.
Das stimmt, aber dieses Umdenken braucht einfach seine Zeit. Viele Marken haben natürlich den Vorteil, dass sie in den letzten Jahren viel Geld in Marketing investiert und sich eine Art Status aufgebaut haben. Aber ich denke, wir sind auf einem guten Weg, dass neue Marken die Chance haben, sich zu etablieren. Auch große Designer, wie Stella McCartney und andere gehen da bereits sehr spannende Wege. Besonders die jungen Konsumenten machen sich immer mehr Gedanken darüber, was sie kaufen. Und wir nehmen immer mehr komplett nachhaltige Marken in unser Sortiment auf, um sie secondhand zu verkaufen und ihre Lebensdauer zu verlängern.

Welche Rolle spielt Secondhand-Kleidung denn in dieser Entwicklung?
Secondhand-Kleidung spielt dabei eine große Rolle. Früher galt das Konzept als verstaubt, bei Secondhand dachte man an Mottenkugeln und kleine, ramschige Läden. Heute tragen Influencer ganz selbstverständlich alte und neue Kleidung, Marke und Fast Fashion und leben damit einen Trend. Denn besonders bei den Millennials geht es um individuellen Stil und nicht darum, zu tragen, was überall angeboten wird. Besonders für diese Generation ist Secondhand und Vintage ein großes Thema. Wir bieten ihnen Unikate, die sonst keiner hat. Zudem spielt auch der langfristige Besitz von Sachen für sie nicht mehr eine so große Rolle. Sie sind wesentlich schneller bereit, sich von Dingen zu trennen. Man kauft und verkauft ganz selbstverständlich seine Kleidung – das spart Platz, Geld und man kann Trends mitmachen, ohne sich direkt hundert neue Kleidungsstücke zuzulegen.

Rebelle verkauft Designer-Secondhand-Kleidung. Doch allein ein Designername steht ja nicht unbedingt für Nachhaltigkeit und gute Kleidung oder?

Das stimmt. Aber wir setzten uns mit unserem Geschäftsmodell für ein nachhaltiges Konsumkonzept ein. Wir wollen ein Umdenken im Kopf der Konsumenten fördern, das dazu führt, die klassischen Spielregen und schnelllebigen Trends der Modeindustrie zu hinterfragen. Der Kauf von Secondhand bzw. pre-loved Fashion ist inzwischen salonfähig und vor allem nachhaltig. Das war als wir vor fünf Jahren angefangen haben noch anders. Wir wissen natürlich nicht bei jedem unserer Teile, zu 100 Prozent wo es herkommt, denn oftmals wird in vielen Produktionsstationen gefertigt. Aber man merkt, dass bei vielen Unternehmen ein Umdenken stattgefunden hat, wenn es um die Herstellung und den Umgang mit Kleidung geht. Denn es gibt viel mehr Berichterstattung darüber, wer heute noch überschüssige Produktionen verbrennt oder unter unmenschlichen Bedingungen fertigen lässt. Und durch das Internet bekommen es natürlich auch deutlich mehr Kunden mit.

Worauf sollte ich denn beim Einkauf achten?
Wenn ich einen werthaltigen Kleiderschrank haben möchte, der mich davor schützt, zu viel zu kaufen, dann würde ich auf größere Designermarken setzen. Auf qualitativ hochwertige Materialien und klassische Farben und lieber auf die richtige Größe warten, als jeden Super-Sale mitzunehmen. Man sollte sich die Frage stellen, passt es wirklich zu mir? Aber es geht auch um sorgsames Aufbewahren, Pflegen und Reparieren – denn wer seine Schuhe zum Schuster bringt oder den Blazer umnähen lässt, der hat noch viel länger etwas von seinem Lieblingsteil und kann es dann im guten Zustand zu einem guten Preis weiterverkaufen.