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Der tiefe Fall des Society-Girls: Anna Delvey gab sich jahrelang als reiche deutsche Erbin aus. Dann flog ihr falsches Spiel auf

Anna Delvey gab sich in New York als reiche deutsche Erbin aus und schaffte es so in den Inner Circle der Society-Größen. Jetzt wird ihr in New York der Prozess gemacht.

Anna Delvey: Russin Anna Sorokin gab sich jahrelang als reiche deutsche Erbin aus

Der folgende Artikel wurde erstmals am 14. Februar 2019 veröffentlicht. Aus dem aktuellen Anlass, dass heute in New York mit den Eröffnungsplädoyers der Strafprozess gegen Anna Delvey beginnen soll, spielen wir ihn noch einmal.


Es gilt, wer was hat. Und wie viel davon. In der New Yorker High Society, die sich zum Party-Brunch trifft oder im neuesten It-Restaurant der Stadt, gibt es nur drei Währungen: Geld, Attraktivität und Macht. Als Anna Delvey im Februar 2017 in das schicke, neu eröffnete Hotel "11 Howard" eincheckte, legte sie die ersten Anker, um sich in der gut betuchten Gesellschaft zu etablieren. Jetzt sitzt die 28-Jährige im Gefängnis. Aber von vorne.

Anna Delvey: Das It-Girl, das keines war

Im "11 Howard" traf Delvey auf Neffatari Davis, genannt "Neff". Die beiden Frauen freundeten sich kurze Zeit später an, nachdem Neff Delvey Tipps für die besten Hot Spots der Stadt gegeben hatte. Delvey erzählte der Hotelmitarbeiterin, sie sei aus Deutschland, wo ihr Vater eine Firma habe, die Solaranlagen produziere. 

Und Delvey war großzügig. Wie Neff dem "New York Magazine" erzählt hat, riss sich das Hotelpersonal darum, Delvey jeden Wunsch zu erfüllen. Denn die vermeintliche Deutsche war so spendabel wie sie illuster war. Hier ein 100-Dollar-Schein, dort noch mehr. Immer in bar. Sie speiste in den teuersten Restaurants der Stadt, erzählte ihren reichen Bekannten dort von dem Business, das sie plane. Einen Mitgliederclub mit einem Fokus auf Kunst, ähnlich wie das bekannte "Soho House" wolle sie eröffnen, oben, Uptown. Um einen Kredit in Höhe von 25 Millionen Dollar zu bekommen, wurde Anna kriminell. Sie fälschte Dokumente, erfand Finanzberater, die es nicht gab und eine Erbschaft, die nicht existierte.

Anna kannte jeden. Doch niemand kannte Anna

"Anna kannte jeden", verriet Neff dem Magazin. Doch niemand kannte Anna, wie sich später herausstellen sollte. Denn woher sie genau stamme, ließ sie offen. Aus Köln, erzählte sie manchen. Dass ihr Deutsch nicht wirklich gut war, fiel zwar auf, störte aber offenbar niemanden. Immerhin war das Geld da und ihr angeblicher Treuhandfonds unerschöpflich.

Doch irgendwann fing Anna an, nicht mehr selbst zu bezahlen. Immer wieder bat sie ihre vielen Freunde, kleine Rechnungen zu übernehmen. Hier eine Taxifahrt, da ein Abendessen. Und Freunde wie Neff taten wie geheißen. Immerhin hatte Delvey bis dahin so viel bezahlt. Im Mai 2017 reiste Delvey mit Freundinnen, darunter eine Fotoredakteurin der "Vanity Fair", Rachel Williams, nach Marrakesch. Die Frauen nächtigten in luxuriösen Villen – Vip-Service und Butler inklusive. Auf Kosten Delveys, klar. 7000 Dollar die Nacht, nur für die Unterkunft. Der Urlaub sollte für Williams in einer Katastrophe enden. Denn schon bald funktionierten Delveys Kreditkarten nicht mehr. 

Williams, die Anna vertraute und selbst nicht verstehen konnte, wie ihre sonst so flüssige Freundin in eine solche Bredouille kommen konnte, erklärte sich schließlich bereit, die Rechnung zu stemmen. 62.000 US-Dollar zahlte die Redakteurin. Mehr als sie in einem Jahr verdiene. Bis heute hat die 31-Jährige die vollständige Summe nicht zurückerhalten. 

Verfilmung bei Netflix

Denn Anna Delveys Masche, ihre vielen Strategien, im kleinen und großen Rahmen zu betrügen, sollten ans Licht kommen. Dass Anna Delvey überhaupt nicht Anna Delvey heißt, zum Beispiel, sondern Anna Sorokin. Dass sie nicht in Deutschland geboren wurde, sondern in Russland. Und dass der Treuhandfonds, mit dem sie ihr extravagantes Leben finanzierte, gar nicht existierte. Ihr Lügengerüst profitierte davon, dass in New York nur die wenigsten hinter die Fassade blicken. Was interessiert es auch, wo das Geld herkommt. Hauptsache, es ist da – bis es eben nicht mehr da ist. Die falsche deutsche Erbin Delvey profitierte außerdem davon, dass sie sich dank illustrer Freunde einen Namen gemacht hatte. Wer sich mit den wichtigsten, einflussreichsten Menschen umgibt und von diesen gemocht wird, der kann nur vertrauenswürdig sein. Dass Anna im "11 Howard" nie eine funktionierende Kreditkarte hinterlegte und sich ihr Schuldenberg mit jedem Tag häufte, wurde da zur Nebensache. Sie war eine Meisterin im Lügen, die es schaffte, alle um sich herum zu täuschen.

Im Oktober 2017 wurde Anna Delvey verhaftet. Momentan wartet sie im Gefängnis von Rikers Island auf ihren Prozess. Ihr drohen bis zu 15 Jahre Haft. Die Geschichte der "fake German heiress" ("gefälschte deutsche Erbin") wird jetzt sogar verfilmt. Shonda Rhimes, die Macherin von "Grey's Anatomy" und "How To Get Away With Murder" wird eine Dokumentation über Delveys üble Machenschaften für den Streamingsender Netflix produzieren. Und Lena Dunham wurde beauftragt, die Geschichte von Rachel Williams, der "Vanity Fair"-Fotoredakteurin, in einer Serie für HBO zu erzählen. 

"Ihr macht eher Sorgen, wer sie spielen wird, als der Schaden, den sie vielen Menschen zugefügt hat", sagte kürzlich Richterin Diane Kiesel über Delvey. Auch im Gefängnis zählt für das einstige It-Girl nur der Schein.  

Quellen: "The Cut" / "Vanity Fair"

Fyre