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Am Hamburger Bahnhof: Alltagsrassismus: Wieso ich letztens beinahe eine Bahn-Mitarbeiterin vermöbelt hätte

Seit Jahren fährt unsere Autorin die gleiche Strecke von Hamburg nach Westerland auf Sylt. Aber beim letzten Mal wurde sie Zeugin einer Situation, die man nur als widerlich beschreiben kann. 

Deutsche Bahn

Alltags-Rassismus scheint auch den Mitarbeitern der Deutschen Bahn kein Fremdwort zu sein

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Meine Oma wohnt auf Sylt. Schon mein ganzes Leben lang. Das bedeutet, dass ich mich schon seit vielen, vielen Jahren in mehr oder minder regelmäßigen Abständen auf die dreistündige Zugfahrt von -Altona nach Westerland begebe. Und seit vielen, vielen Jahren weiß ich, dass es völlig unnötig ist, sich ein eigenes Zugticket zu kaufen. 

Fahre ich alleine, würde ich selbst mit Sparpreis noch rund 30 Euro bezahlen. Deswegen macht das keiner. Stattdessen stellt man sich mit einem freundlichen Lächeln an den Automaten und sucht sich neue Freunde. "Hallo, fahrt ihr auch nach ? Super." Und schwuppdiwupp zahlen wir alle statt 30 nur noch knapp acht Euro pro Person – Gruppenticket sei Dank. 

Es ist nicht so, als hätte ich mir diesen Trick ausgedacht. Das weiß ich, das wissen die anderen Bahnfahrer, das weiß die Bahn. Das weiß original jeder. Umso überraschender fand ich, was mir diese Woche am Bahnhof in passierte.

Auf einmal kommt eine wütende Bahnmitarbeiterin auf uns zugewalzt 

Von vorne:  Am Mittwoch will ich mich mal wieder auf die Socken gen Insel machen. Ich laufe also vollbepackt bis obenhin am Bahnhof auf und sehe direkt zwei junge Frauen, die neben dem stehen. In leicht gebrochenem Deutsch erklären sie mir, dass sie zwar nicht ganz bis Westerland fahren wollen, aber ein Gruppenticket haben. Top. Läuft. Wir sprechen noch keine 30 Sekunden, als ich eine platinblondgefärbte, uniformierte Bahnmitarbeiterin in einem Affenzahn auf uns zuwalzen sehe. Noch bevor mir ein freundliches "Moin" entfleuchen kann, beginnt die Furie zu brüllen: "IHR VERKAUFT HIER KEINE TICKETS! DAS MACHT DIE BAHN!" Bitte?

Die Mädels gucken erst sie, dann mich, dann sich gegenseitig fragend an. "Hier wird nichts verkauft", sage ich beschwichtigend und leicht irritiert, "wir fahren zusammen." "IHR VERKAUFT HIER NICHTS! DAS IST ILLEGAL! ICH WILL DAS NICHT!" Ähm, hallo? Hört die mir zu? Die Mädels zeigen ihr das Ticket, auf dem vorschriftsmäßig ihre Namen eingetragen sind. "MIR WURDE GESAGT, DASS IHR HIER TICKETS VERKAUFT! DAS IST ILLEGAL! ICH RUFE DIE BUNDESPOLIZEI!" Nein, sie hört mir nicht zu. Um genau zu sein, beachtet sie mich nicht einmal, sondern hat nur Augen für die anderen zwei. Und während sie da so völlig kopflos vor sich hin brüllt, wird mir auch klar, wieso. Ich bin blond. Und ziemlich blass. Die Mädchen nicht. Wie sie mir später erzählen, kommen sie aus dem Iran und aus Afghanistan. Und diese Bahnmitarbeiterin ist nichts weiteres als eine Rassistin, die ihre "Machtposition" ausnutzt, um Menschen anzubrüllen, die sie aus niederen Gründen für weniger respektierenswert empfindet. 

"Wieso sollten sie die Bundespolizei anrufen", frage ich so ruhig wie möglich, "weil wir gemeinsam auf einem Gruppenticket fahren?" Die hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank. "ICH WERDE DEM JETZT NACHGEHEN UND WENN ICH HERAUSFINDE, DASS IHR HIER TICKETS VERKAUFT, WERDE ICH DIE BUNDESPOLIZEI EINSCHALTEN!" Dann macht sie eine Kehrtwende und dampft von dannen. 

Ich wünschte, die Mädchen wären schockierter gewesen

Ich wünschte, ich wäre eine Sekunde weniger schockiert gewesen. Ich wünschte, ich hätte noch bevor sie weg war, den Mund aufbekommen, um ihr mal so richtig die Meinung zu geigen. Ich wünschte, ich hätte mir ihre Personalnummer und ihren Namen aufgeschrieben, um mich bei der Bahn zu beschweren. Ich wünschte, ich hätte nicht einfach nur wie der hinterletzte Depp dagestanden und ihr ein paar mickrige Widerworte gegeben. Und vor allem wünschte ich, die Mädels wären schockierter gewesen und hätten nicht geguckt, als wären sie solches Misstrauen und solch völlig grundlose Wut irgendwie schon gewohnt. 

Was ich der Bahnmitarbeiterin gerne gesagt hätte

Also, um das jetzt einmal zu klären: 

Liebe uniformierte Furie, diese Dinge hätte ich dir gerne gesagt: Zunächst einmal finde ich, dass man eine Unterhaltung mit "Hallo" oder "Moin" oder meinetwegen auch "Grüß Gott" zu beginnen hat, auf keinen Fall aber völlig ohne Begrüßung mit knapp 120dB. Das ist unhöflich, respektlos und spricht Ihnen einiges an Glaubwürdigkeit ab.

 Zweitens ist mir ziemlich egal, was Ihnen irgendein anderer rassistischer Mitbürger verschwörerisch zugeraunt hat, weil er sich vermutlich von der einfachen Frage "Fahren Sie nach Westerland?" belästigt fühlte. Als offizielle Mitarbeiterin der Deutschen Bahn haben Sie Ruhe zu bewahren und abzuwägen, was die wahrscheinlichste Antwort auf dieses Mysterium ist. Sie sitzen vermutlich nicht erst seit gestern an dem Schalter. Sie wissen um die Gruppentickets. Erst denken, dann reden. 

Und wissen Sie was? Selbst wenn sie tatsächlich solch eine spießige Kuh sind, dass sie sich trotzdem darüber aufregen, dass Menschen fremde Menschen ansprechen und uns gern zur Schnecke machen wollen, dann erwarte ich verdammtnochmal von Ihnen, dass Sie mich auch anbrüllen. Schreien Sie mir ins Gesicht, sprühen Sie mich dabei mit Speichel voll und fuchteln Sie mit Ihrem Finger vor meiner Nase rum, das ist mir alles völlig egal. Aber "verschonen" Sie mich nicht, nur weil ich europäisch aussehe. Denn das ist der Moment, in dem aus Spießigkeit Rassismus wird.

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