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Interview

Anne Franks 90. Geburtstag: Das Babysitter-Kind von Anne Frank erzählt: "Ich wusste, dass es ein Abschied für immer war"

Pieter Kohnstam lebte in den 1930er und 40er Jahren in Amsterdam. Die damals 13-jährige Anne Frank war seine Babysitterin, bis sich ihre Familie entschied, unterzutauchen. Im Interview mit NEON erzählt der 82-Jährige von seinen Erlebnissen mit ihr.

Pieter Kohnstam und Anne Frank

Der 82-jährige Pieter Kohnstam lebte in der Nachbarschaft von Anne Frank in Amsterdam

In diesem Jahr wäre Anneliese "Anne" Marie Frank 90 Jahre alt geworden. Doch die damals 15-Jährige starb Anfang 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Das Tagebuch des deutsch-jüdischen Mädchens, das mit ihrer Familie in die Niederlande auswanderte, um der Verfolgung der Nationalsozialisten zu entgehen, ist wohl eines der bekanntesten privaten Dokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus. Es gibt nicht mehr viele Menschen, die sich an die junge Frau erinnern können, die mit ihren Gedanken aus einem Versteck im Hinterhaus erst nach ihrem Tod zur Symbolfigur wurde. Doch Pieter Kohnstam gehört dazu.

Der heute 82-Jährige war der Nachbar und das Babysitter-Kind von Anne Frank im  Merweideplijn – ein Teil Amsterdams, in dem sich viele deutsch-jüdische Emigranten niederließen. Schon 1933 waren sein Vater und seine Mutter aus Nürnberg geflohen. Doch anders als die Franks entschied sich seine Familie auch in den Niederlanden vor der drohenden Deportation der Nationalsozialisten zu fliehen, anstatt unterzutauchen. Über Belgien, Frankreich, Spanien und Argentinien kam Pieter später in die USA, wo er heute noch lebt. Als Zeitzeuge spricht er zum bundesweiten Anne-Frank-Gedenktag mit NEON über Annes Talent als Schriftstellerin und wie er den Abschied von ihr erlebte.

Pieter, Anna Frank wäre heute 90 Jahre alt geworden. Sie haben als kleiner Junge in Amsterdam in ihrer Nachbarschaft gewohnt, sie war quasi Ihre Babysitterin. An was erinnern Sie sich von Anne?

Oh, da könnte ich unendlich viel erzählen. Anne war sieben Jahre älter als ich und vielen in ihrem Alter einen Schritt voraus. Sie war unglaublich kreativ und hatte einen riesigen Einfallsreichtum, wenn es um das Schreiben und Geschichtenerzählen ging. Wir lebten nur zwei Häuser auseinander und Anne war oft zu Besuch. Sie war begeistert, als meine Mutter sie fragte, ob sie auf mich aufpassen wolle und kam eine Zeit lang jeden Tag nach der Schule. Denn ihre Schwester war sehr ruhig und ihre Mutter nicht so glücklich mit der Lebenssituation in Amsterdam. Wenn sie zu Hause überall Blätter mit ihren Notizen herumliegen ließ, war ihre Familie meist nicht sehr begeistert, also schrieb sie oft bei uns.

Ich kann mich daran erinnern, dass Anne mir oft Texte vorgelesen oder mich als Schauspieler benutzt hat, um in ihren Fabeln mitzuspielen; aber ich war ja gerade mal sechs Jahre alt. Wir hatten zusammen eine schöne Zeit und haben uns gern in eine Fantasiewelt zurückgezogen. Denn außerhalb dieser Spiele zog sich die Schlinge der Bedrohung durch die Nationalsozialisten immer weiter zu.

Hat Anne jemals mit Ihnen über die Bedrohung gesprochen, die auf die jüdische Bevölkerung in den Niederland zukam?

Nein, wir haben nicht darüber gesprochen und auch ich habe eher so getan, als wäre nichts. Aber wir sahen natürlich jeden Tag in unserer Umgebung, was vor sich ging. Menschen verschwanden, es gab Razzien bei jüdischen Familien - in unserer Nachbarschaft wurde nahezu eine komplette Familie einfach erschossen. Aber das war etwas, das sich über Monate und Jahre entwickelt hatte.

Die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung entstand nicht aus dem Nichts. Die Bedrohung begann 1933 in Deutschland, 1938 kam es zur sogenannten "Reichskristallnacht" in der zahlreiche jüdische Geschäfte mutwillig zerstört und auch Menschen ermordet wurden, 1942 tagten am Berliner Wannsee verschiedene Vertreter der NS-Regierung, um den Holocaust zu organisieren. Wir trugen ab 1941 den Judenstern, standen für Essen an. Die Bedrohung nahm über die Jahre zu. Aber jeder fand für sich einen Weg, damit irgendwie umzugehen. Ich bin mir sicher, dass Anne mit meiner Mutter und meiner Großmutter über die Situation sprach und wahrscheinlich auch mit ihren Eltern.

Im Jahr 1942 ordneten die Nationalsozialisten die Deportation aller Juden aus Amsterdam in Konzentrationslager an. Familie Frank entschied sich, sich im Hinterhaus bei Freunden zu verstecken. Wie haben Sie die letzten Tage zusammen in der Nachbarschaft damals erlebt?

Wie schon gesagt, war die Entwicklung keine Überraschung für uns. Schließlich bekamen wir alle die Aufforderung, uns am Bahnhof einzufinden. Von dort sollten wir nach Westerbork gebracht werden, ein Durchgangslager, von dem aus die Menschen weiter deportiert wurden. Anders als die Familie Frank entschieden meine Eltern, nicht unterzutauchen, sondern zu fliehen. Ich war damals noch ein Kind – aber ich erinnere mich daran, wie wir die Familie Frank zum letzten Mal sahen. Wir umarmten uns und als sie gingen, drehte Anne sich noch einmal um und winkte mir zu. Aber in diesem Moment wusste ich, dass es ein Abschied für immer war. Obwohl ich schon viele schlimme Sachen gesehen habe, ergriff mich dieser Moment und tut es noch heute.

Haben Sie jemals darüber nachgedacht, was passiert wäre, wenn sich Ihre Familie anders entschieden hätte?

Ja, natürlich habe ich das. Als wir die Aufforderung zum Abtransport bekamen, wussten wir alle, dass dies das Ende einer Reihe von furchtbaren Entwicklungen war und uns war klar, dass wir nur überleben würden, wenn wir fliehen. Aber die Hoffnung zu überleben, konnten die Nazis uns nicht nehmen. Wir wussten, dass wir gehen mussten. Mit der Hilfe einer Freundin meiner Eltern gelang uns dann die Flucht nach Belgien.

Von dort aus floh Ihre Familie über Frankreich, Spanien nach Argentinien. Sie waren noch ein Kind – aber wie haben Sie diese Situation damals erlebt?

Ich bin mit dieser Situation im Verhältnis ganz gut zurechtgekommen. Auf der Flucht war ich nie allein, ich hatte immer einen Teil meiner Familie bei mir. Einige Menschen kommen mit solchen Erlebnissen besser klar als andere, manche verarbeiten so etwas nie. Viele Überlebende mit ähnlichen Erfahrungen haben Suizid begangen, viele sprechen immer noch nicht darüber. Du vergisst so eine Erfahrung nie, aber du musst lernen, damit zu leben. Leider gibt es immer noch sehr viele Überlebende, die nicht mit ihren Familien darüber sprechen wollen oder können. Uns war es daher sehr wichtig, unseren Kindern davon zu erzählen als sie älter waren. Ich habe schließlich die ganze Geschichte meiner Familie auch in einem Buch aufgeschrieben. Die Basis dafür bildeten die Aufzeichnungen meines Vaters.

Sie waren in den letzten Tagen im "Anne Frank House" in Amsterdam, einem Museum, dass Anne Frank gewidmet ist, und auch in Berlin unterwegs. Wie fühlt es sich für Sie an, zurück in den Niederlanden und in Deutschland zu sein?
In die Niederlande zurückzukommen, ist wie nach Hause kommen für mich. Ich bin in Amsterdam geboren und war dort auch später öfter zu Besuch, ich habe immer noch einige Freunde dort. Wenn ich an die Niederlande und meine Zeit dort denke, empfinde ich keine Wut oder Hass, sondern mir kommen nur gute Erinnerungen in den Sinn. Mein Besuch in Berlin war sehr emotional, da ich zum ersten Mal dort war. Viele Überlebende des Holocaust und auch viele jüdische Mitbürger wollen nicht nach Berlin reisen. Manche bezeichnen mich deshalb als Verräter. Aber ich denke, es ist wichtig, die Geschichte von Anne Frank weiterzutragen und dafür müssen wir zusammenarbeiten. Genau wie Anne Frank gesagt hat: Hoffentlich gibt es dadurch eine bessere Zukunft.

Anne wusste nicht, dass die Gedanken aus ihrem Tagebuch jemals veröffentlicht werden würden. Warum ist es wichtig, sich mit solchen persönlichen Schicksalen auseinanderzusetzen?

Wenn wir uns nicht an Geschichte erinnern und Lehren daraus ziehen, machen wir dieselben Fehler noch einmal. In den USA und Deutschland gibt es gerade große politische und gesellschaftliche Herausforderungen. Viele Menschen wissen nicht einmal, dass es den Holocaust gab oder haben sich noch nie damit beschäftigt. Daher ist es umso wichtiger, dass besonders junge Menschen die Geschichte kennen lernen, diese Inhalte sollten Pflichtprogramm in der Schule sein. Das ist, was auch Anne Frank wollte: Sie glaubte, dass die Menschen im Herzen gut sind. Das ist eine noble Annahme und wir müssen noch mehr tun, als nur darauf zu hoffen.

Ruth Meros mit Tochter Gabrielle