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Interview

Seit über 40 Jahren im Fernsehen: Produktionsleiter verrät: Das ist das Erfolgsgeheimnis der "Sesamstraße"

Seit Dezember ist Ben Lehmann Produktionsleiter der US-"Sesamstraße" und damit verantwortlich für eine der bekanntesten Kinderserien der Welt. Mit NEON sprach er über Geschlechterklischees, Kinderfernsehen in Zeiten von Digitalisierung und die pornöse Vergangenheit von "Manah Manah".

Ben Lehmann ist seit Dezember 2017 Executive Producer der US-Sesamstraße

Ben Lehmann ist seit Dezember 2017 Executive Producer der US-"Sesamstraße"

Die "Sesamstraße" und meine Kindheit lassen sich nicht voneinander trennen. Jeden Abend um 18 Uhr saß ich für eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen gebannt vor dem Fernseher, sang mit Ernie, tanzte mit Samson und rechnete mit Graf Zahl.

Vor Kurzem lief mir die "Sesamstraße" wieder über den Weg. Ich war durch Zufall auf die Tatsache gestoßen, dass einer der größten Song-Klassiker der Sendung, "Manah Manah", ursprünglich für einen italienischen Softcore-Porno geschrieben wurde. Doch bei der Recherche stolperte ich über etwas noch viel Schockierenderes: Die "Sesamstraße" läuft im NDR nur noch zu völlig unmenschlichen Zeiten morgens um sechs. Wieso hat man die Helden meiner Kindheit in die Dämmerung verbannt? Gucken die Kinder von heute etwa keine "Sesamstraße" mehr?

Wir fragten nach und bekamen Antwort – von Ben Lehmann. Er ist seit Dezember 2017 Produktionsleiter der US-"Sesamstraße" und sprach mit NEON über die Konkurrenz aus dem Internet, Genderklischees und den Grund, weshalb die "Sesamstraße" niemals aus der Mode kommen wird.

NEON: Vor Kurzem haben wir darüber berichtet, dass der beliebte Song-Klassiker "Manah Manah" ursprünglich aus einem italienischen Softcore-Porno stammt. Wissen Sie, wie es dazu kam?

Ben Lehmann: Das ist so lange her, dass ich Ihnen leider nicht sagen kann, was genau da passiert ist. Aber ich weiß, dass der Song später noch in der "Ed Sullivan Show", der "Dick Cavett Show" und der "Muppet Show" verwendet wurde. Ich nehme an Jim Henson (Fernsehproduzent und Erfinder der Muppets, Anm. d. Red.) hat den Song irgendwo gehört, fand ihn gut und hat ihn in der Sesamstraße benutzt. Aber ich persönlich verbinde "Manah Manah" tatsächlich mehr mit der "Muppet Show".

Würde so etwas heutzutage passieren, wäre der Shitstorm höchstwahrscheinlich immens. Viele Menschen haben eine Meinung zu allem und scheuen nicht davor zurück, sie in sozialen Medien kundzutun. Wie schützen Sie sich vor solchen Anfeindungen?

Die Musik wird beispielsweise inzwischen komplett von uns produziert. Wir arbeiten mit einem Musikdirektor, der den Ablauf beaufsichtigt. Die Drehbuchautoren schreiben Songtexte, die gut zum jeweiligen Skript passen. Die Musik geben wir dann bei Komponisten in Auftrag, die meistens schon Erfahrung im Kinderfernsehen oder am Broadway haben. Dadurch, dass alles bei uns geschrieben und produziert wird, können wir uns immer sicher sein, woher die Musik kommt.

Im Allgemeinen muss man natürlich immer sehr auf die Herkunft des Materials achten. Unsere Rechtsabteilung liest vor jedem Dreh das Skript. Aber unabhängig etwa vom politischen Klima: Unsere Zuschauer sind Kinder zwischen zwei und vier Jahren. Wir versuchen, ihnen so zeitlose Werte wie Freundschaft, die Fähigkeit zu Teilen, Nächstenliebe und Empathie nahezubringen. Diese Werte haben sich nicht verändert.

Die ganze Welt führt eine Gender-Debatte, bei der auch immer wieder Kinderspielzeughersteller und Kinderserien ins Kreuzfeuer geraten. Wie stehen Sie zu der Diskussion über Geschlechterrollen?

Die Gleichstellung der Geschlechter ist für uns ein riesiges Thema. Im November kommt eine neue Staffel der "Sesamstraße" heraus, die den Fokus "See it, Play it, Be it" hat. Es geht um Jobs und Karriere. Wir glauben, dass ein Kind, das die Möglichkeit hat, einen Supermarkt oder ein Krankenhaus zu sehen, diese Situation nachspielen und das Spiel irgendwann zur Realität machen kann. Deshalb ist es uns unheimlich wichtig, dass in der Sendung keine Geschlechter-Stereotypen gezeigt werden. Wir zeigen Frauen auf der Baustelle und Männer als Lehrer. Wir arbeiten hart daran, diesen festgefahrenen Stereotypen etwas entgegenzusetzen und allen Kindern die Türen zu allen Berufen zu öffnen. Wir treffen uns jedes Jahr mit dem gesamten Team, um unseren "Lehrplan" zu entwerfen. Zu diesen Treffen laden wir dann auch Experten und Kinderpsychologen ein und erarbeiten die wichtigsten Themen der nächsten Staffel.

Als ich klein war, lief die Sesamstraße noch jeden Abend im Fernsehen. Inzwischen wurde sie in die frühen Morgenstunden verbannt. Sind Netflix und Co. zu ernsthaften Konkurrenten für Sie geworden?

Früher haben die Kinder die Sendung im Fernsehen geschaut. Inzwischen leben wir in einer so digitalisierten Welt, dass es unfassbar viel mehr Optionen gibt, als einfach den Fernseher einzuschalten. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, wo die Kinder jetzt sind. Wir haben einen YouTube-Kanal, der sehr beliebt ist und eigene Apps. Wenn wir die Show designen, achten wir inzwischen sehr darauf, dass Details auch auf kleineren Tablet- oder Handybildschirmen erkennbar sind.

Wie ist die Sesamstraße international vertreten?

Wir sind weltweit in 150 Ländern verfügbar. Einige, wie Deutschland, haben sogar ihre eigene Produktion. Das bedeutet: Was Sie als Kind gesehen haben, wird nicht das Gleiche sein, das Kinder in den USA gesehen haben. Schließlich haben Kinder in unterschiedlichen Teilen der Welt unterschiedliche Bedürfnisse, da sie in ihrem Alltag unterschiedliche Dinge erfahren. Daher werden sie sich in unterschiedliche Handlungsstränge mit unterschiedlichen Charakteren einfühlen können. Wir versuchen, Kindern weltweit dabei zu helfen, ihren Platz in der Gesellschaft und ihrer eigenen Kultur zu finden.

Zu meiner Zeit hatte die Sesamstraße ein ziemliches Monopol in Sachen Kinderfernsehen. Wie sieht das heute aus?

Natürlich gibt es viel Konkurrenz. Aber wenn ich das mal so ganz objektiv als Produktionsleiter sagen darf: Ich glaube, dass die Sesamstraße immer noch die Sendung ist, die Kindern weltweit am meisten zu bieten hat.