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Work & Travel: Nach dem Abi ans andere Ende der Welt: Mein Jahr in Neuseeland

Es ist der Traum vieler Abiturienten nach dem Abschluss: erst einmal raus, weit weg, das Abenteuer suchen. Zum Beispiel für acht Monate in Neuseeland. Aber was gilt es dabei zu beachten, sowohl im Voraus als auch vor Ort? Ein Erfahrungsbericht.

Von Lena Nigbur

Neuseeland

Warum nicht in die Ferne schweifen: Unsere Autorin auf dem Trip ihres Lebens in Neuseeland

Einmal ans andere Ende der Welt reisen? Die Drehorte der Hobbit-Filme besuchen, das Land sehen, in dem das Bungee-Jumping seinen Ursprung fand, seine Strände erkunden, seine Gipfel erklimmen? Und all das, ohne viel Geld auszugeben? Klingt wie ein Traum. War aber acht Monate lang meine Wirklichkeit.

Vielen Abiturienten stellt sich nach dem Abschluss die Frage: "Und jetzt?" Direkt ein Studium beginnen oder doch ein "Gap Year" machen? Ich habe mich dazu entschieden, meinen neuen Lebensabschnitt im Ausland zu starten. Ich wollte dort mein Leben eigenständig gestalten, auf niemanden angewiesen sein. Die Frage, in welches Land ich reisen möchte, stellte sich mir gar nicht. Mich hat Neuseeland schon immer fasziniert, diese perfekte Kombination aus wunderschöner Natur und interessanter Kultur. Außerdem gilt Neuseeland als sehr sicher, was man als allein reisende Frau durchaus wohlwollend zur Kenntnis nimmt. Auch die sprichwörtliche Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft der "Kiwis" wollte ich erleben.

Neuseeland und die Variante Work & Travel

Da ich möglichst flexibel sein wollte, kam für mich nur die Variante des Work & Travels infrage. Es empfiehlt sich sehr, sich bei der Organisation von einer Agentur (zum Beispiel Praktikawelten oder Travelworks) helfen zu lassen. Bei einem Infoabend wurden verschiedene Arbeitsformen vorgestellt – Beschäftigung als Au Pair-Mädchen, Auslandspraktika, Freiwilligenarbeit und eben Work & Travel. Der Abend gefiel mir sehr, ich habe mich schnell für ein Einzelberatungsgespräch angemeldet. Anschließend habe ich mich mit der Vorbereitung der Reise und der Visumsbeschaffung befasst. Außerdem bin ich über die Community meiner Agentur mit anderen Reisenden in Kontakt getreten. Wer darüber hinaus Reisegenossen suchen möchte, sollte der Facebook- Gruppe "Neuseeland - Work and Travel - Backpacker" beitreten. Hier kann man Kontakte zu anderen Backpackern knüpfen und Fragen stellen.

Schließlich galt es nur noch, die richtige Ausrüstung zu kaufen: Ich habe mich für einen Backpack entschieden, den man sowohl auf dem Rücken tragen als auch mit Rollen ziehen kann. Eine gute Wahl – der Backpack hat mir so einige anstrengende Wege erleichtert. Über den Inhalt des Rucksacks lässt sich streiten, aber weniger ist auf jeden Fall mehr: Ich tat mich sehr schwer, auf einige meiner Lieblingskleidungsstücke zu verzichten – im Nachhinein hätte noch mehr zu Hause bleiben können. Bitte auf keinen Fall vergessen: Eine ordentliche Regenjacke und eine Sonnencreme mit sehr hohem Lichtschutzfaktor. In Neuseeland kann man alle vier Jahreszeiten an einem Tag erleben. Und die Ozonschicht über Neuseeland ist viel dünner als in Europa, schon ein kurzer ungeschützter Strandaufenthalt kann zu wirklich gemeinen Sonnenbränden führen.

In den letzten Wochen vor meinem Abflug habe ich mich gar nicht weiter mit dem Thema Neuseeland beschäftigt - ich habe darauf vertraut, dass sich der Rest vor Ort ergeben wird. So kam es dann auch.

Ankommen - und was jetzt?

Als ich dann in Auckland angekommen war, fühlte ich mich nach der 24-stündigen Reise wirklich erschlagen. Und bei meinem ersten Supermarkt-Besuch musste ich feststellen, dass die Preise für Lebensmittel durchaus gesalzen sind – für eine Paprika sind z. B. sieben Dollar (gut vier Euro) zu bezahlen. Der hohe Preis hängt natürlich damit zusammen, dass die Insel Neuseeland vieles importieren muss. Ich habe daher schnell entschieden, mich wie fast jeder Backpacker überwiegend von Toast und Nudeln zu ernähren.

In Auckland lassen sich die organisatorischen Dinge - z. B. Steuernummer beantragen, Bankkonto eröffnen und einen passenden Handyvertrag finden - hervorragend erledigen. Auch dabei hat mich meine Agentur unterstützt: Sie haben mir beispielsweise einen Termin für die Eröffnung eines kostenlosen Bankkontos organisiert, wo ich lediglich meinen Reisepass vorzeigen musste. Eine neuseeländische Sim-Karte wurde mir ebenfalls kostenlos zur Verfügung gestellt. Dazu habe ich mir das "Carryover Combo"- Paket gekauft, das monatlich umgerechnet elf Euro kostet und unter anderem 1,25 GB Datenvolumen beinhaltet. Alternativ ist auch "Sparks" zu empfehlen: Dieser Anbieter unterhält in fast in jeder Stadt Telefonzellen, wo man täglich 1 GB Wlan nutzen kann – ziemlich vorteilhaft, wenn man Freunde oder die Familie über WhatsApp anrufen möchte.

Am aufwendigsten war die Beantragung der Steuernummer – ohne sie kann man in Neuseeland nicht arbeiten. Hierfür gab mir meine Agentur ein Formular, welches man mit entsprechenden Nachweisen wie Adresse, Reisepass und Bestätigung des Bankkontos an die Behörde in Wellington schicken muss. Da man als Backpacker keinen langfristigen Wohnort hat, habe ich im Hostel nach einer Wohnorts- Bescheinigung gefragt und sie auch bekommen. Die IRD-Nummer wurde mir zwei Wochen später per E-Mail zugeschickt.

Die letzten Tage in Auckland habe ich genutzt, um zu entscheiden, wie ich reisen möchte: mit dem Hop-on-Hop-off Bus "Stray", der durch ganz Neuseeland fährt und die Möglichkeit bietet, Reisende aus aller Welt kennenzulernen. Die Busfahrer sind die besten Guides und haben Insider-Tipps parat. Außerdem gilt dieses Busticket ein Jahr und man kann überall aussteigen und nach Tagen, Wochen oder Monaten einfach wieder in den nächsten Bus einsteigen.

Arbeiten in Neuseeland

Arbeit in Neuseeland ist leicht zu finden, es gibt aber ganz unterschiedliche Varianten. Wichtig ist, den Arbeitgebern immer zuzusichern, die ganze Saison für sie zu arbeiten – sonst bekommt man meistens eine Absage. Allerdings ist es dann ratsam, die vereinbarten Arbeitsfristen im Vertrag zu kontrollieren. 

Zum einen besteht die Möglichkeit, über das Netzwerk "WWOOF" bei Einheimischen für Unterkunft und Essen zu arbeiten. Auch die Arbeit auf dem Feld, das sogenannte "Fruitpicking", gehört zu den beliebtesten Backpackerjobs. Grundsätzlich sollte man sich nicht auf eine bestimmte Tätigkeit festlegen, sondern auch für Jobs offen sein, die man in Deutschland nicht machen würde. So habe ich im kleinen Ort Paihia Restaurants und Hotels abgeklappert und habe mich immer mit meinem Lebenslauf persönlich vorgestellt. Nach zahlreichen Absagen wurde ich in einer Bar zum Probearbeiten eingeladen. Zufälligerweise fand dort an jenem Wochenende ein Konzert statt, die Band Smashproof spielte. Ich habe erst später mitgekriegt, dass sie auch auf dem Soundtrack zu "Fack ju Göhte" zu hören sind. Das war ein spannendes Erlebnis – auch wenn ich mich schlussendlich gegen diesen Job entschieden habe.

Meinen ersten richtigen Job habe ich dann in einem Hotel in Paihia gefunden. Dort habe ich als "Housekeeper" gearbeitet: Viermal die Woche acht Stunden Betten beziehen, Badezimmer putzen und die Zimmer in Ordnung halten. Parallel dazu habe ich in einem Hostel für meine Unterkunft gearbeitet. Das hört sich zunächst nicht gerade nach einem Traumjob an, aber rückblickend habe ich gerade in dieser Zeit viel gelernt.

So war der Housekeeping-Job im Hotel Teamarbeit, da wir lediglich 15 Minuten Zeit für jedes Zimmer eingeplant haben. Wir waren zu dritt: James, Trudi und ich. Mein persönliches Highlight war immer die Pause um zwölf Uhr – "Tea Time" in Neuseeland. Nach der Arbeit ging es für mich zurück in das Hostel, wo ich mir mit vier anderen Backpackern ein Zimmer teilte. Wir hatten das beste Zimmer im Haus – inklusive Zugang zur Dachterrasse und der wunderschönen Aussicht auf das Meer. Im Hostel habe ich viele interessante Menschen kennengelernt, zum Beispiel einen Weltreisenden aus Tel Aviv, der Schuhe machen konnte und seine komplette Werkzeugausrüstung dabei hatte. Mein Englisch habe ich so jedenfalls schnell erheblich verbessert.

Auf der Südinsel in der Kleinstadt Franz Josef fühlte ich mich dann so sprachsicher, dass ich mich getraut habe, zu kellnern. Der kleine Ort besteht lediglich aus zwei Straßen, und ist mit Touristen aus aller Welt vollgepackt – er liegt direkt neben dem berühmten Franz-Josef-Gletscher. Ich habe dort 60 Stunden die Woche gearbeitet - der anstrengendste Job, den ich je hatte. Der Stundenlohn von 16 Dollar (knapp 10 Euro) pro Stunde war wirklich nicht üppig, andererseits galt die Regel: "Viele Stunden, viel Geld."

Etwas entspannter war meine einwöchige Arbeit auf einer Pferdefarm in Cambridge. Dort habe ich mit zwei anderen deutschen Mädchen bei einer neuseeländischen Familie gelebt und ihnen im Gegenzug auf ihrer Farm geholfen. Von Fensterputzen, bis Gartenarbeit über Tiere füttern – alles war dabei. Die Familie hat ihre Schafe auch eigenhändig geschlachtet – der Anblick war nicht das Schönste, was ich in Neuseeland erleben durfte.

Reisen in Neuseeland

Als ich genug Geld zusammen hatte, bin ich losgefahren.

Ich bin durch das ganze Land gereist – vom nördlichsten Punkt Cape Reinga bis hinunter nach Stewart Island, vor der Südinsel. Dabei habe ich auch viele Wanderungen gemacht, wie den Ben Lommomd Track in Queenstown, den Roys Peak in Wanaka oder das Tongario Alpine Crossing – auf jedem dieser Trips wird man mit unfassbar schöner Landschaft belohnt. Schließlich habe ich mich auch an den "Routeburn Greatwalk" getraut, einen der schönsten Wanderwege der Welt. Der ganze Walk ist über 32 Kilometer lang, vorsorglich habe ich mir einen Zelt- und einen Schlafplatz in einer Hütte gemietet. Aber Achtung: Die beiden Schlafplätze lagen ganz am Anfang und am Ende des Trails, so dass ich am zweiten Tag fast den ganzen Weg zurücklegen musste und über neun Stunden gewandert bin.

Mehrtägige Touren sind auch mit dem Kajak möglich. So habe ich mit drei Freunden eine dreitägige Tour durch den Abel Tasman gemacht, wo wir auf Zeltplätzen an Stränden gecampt haben. Goldener Sand, das Wasser ist türkis, freilebende Seehunde sind hier ein normaler Anblick – der Trip war ein echtes Highlight! Aber Achtung: Unser zweiter Zeltplatz hieß Mosquito Bay. Nicht zu Unrecht: Tausende Mücken und Sandflöhe haben ordentlich an uns geknabbert.

Neuseeland bietet viele bekannte Surfspots, auch Weltmeisterschaften finden hier statt. Daher habe ich mich dazu entschieden, in Raglan an einem fünftägigen Surfkurs teilzunehmen. Da die Saison noch nicht begonnen hatte, waren die Kurse nie vollbesetzt und ich hatte sogar das Glück, eine Einzelstunde zu bekommen – was für Anfänger wirklich prima ist. Im WM-Ort Westport habe ich mich dann erneut auf das Surfboard getraut, musste aber feststellen, dass ich diesen großen Wellen noch nicht gewachsen war.

Neuseeland macht auch mutig und deshalb habe ich in Taupo einen Tandemsprung aus 4500 Meter Höhe gewagt. Wem das noch nicht genug ist, der sollte die Adrenalinstadt Queenstown besuchen: Der größten Schaukel der Welt und dem Bungee-Sprung von der Kawarau Bridge konnte ich nicht wiederstehen.

Ob wandern, Wasser- und Extremsportarten, Farmarbeit, am Strand liegen oder einfach nur die Gastfreundschaft der Kiwis genießen: Neuseeland bietet für jeden Menschen nahezu unbegrenzte Möglichkeiten. Dafür ist kein großer Geldbeutel notwendig, man kann sich sein Budget vor Ort erarbeiten. Und dann schreibt hier jeder seine eigene Geschichte.

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