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EU-Gipfel in Sibiu: Offener Brief von Greta und 16.000 Schülern: "Liebe EU-Staatchefs, wir fühlen uns verraten!"

Die "Fridays for Future"-Bewegung fordert seit Wochen ein Umdenken in der europäischen Politik – doch passiert ist nichts. In einem offenen Brief an die EU-Staatschefs, den NEON exklusiv veröffentlicht, fordern Greta Thunberg, Luisa Neubauer und 16.000 Schüler: "Machen Sie das Klima zur Priorität!"

Greta Thunberg und Luisa Neubauer bei einer "Fridays for Future"-Demo

Greta Thunberg hält ihr weltberühmtes Schild "Schulstreik für das Klima" bei einer "Fridays for Future"-Demo in Berlin hoch. Links neben ihr die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer. 

Getty Images

Heute, am 9. Mai 2019, treffen sich die europäischen Staats- und Regierungschefs zu einem informellen EU-Gipfen in Sibiu, Rumänien. Viele von ihnen werden wohl, wie üblich, mit Privatflugzeugen und Auto-Eskorten anreisen. Nicht so eine Gruppe junger Menschen. Denn auch die Schüler der "Fridays for Future"-Bewegung machen sich aus München, Wien und Budapest auf den Weg zum Gipfel – mit einem Bus. Die 24-stündige Fahrt dorthin kann man auf dem Twitter-Account der deutschen Klimaaktivistin Luisa Neubauer live mitverfolgen.

In Rumänien angekommen, wollen die Schüler zusammen mit einheimischen Studenten aus Sibiu einen Streik veranstalten. Außerdem haben sie einen offenen Brief an die Staatsoberhäupter verfasst. Er wurde bis jetzt von 16.000 Schülern aus allen 28 EU-Ländern sowie Australien und Japan unterzeichnet. Auf NEON veröffentlichen wir diesen offenen Brief exklusiv.

Offener Brief von Greta Thunberg und "Fridays for Future"

An alle Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union,

es ist jetzt schon mehr als sechs Monate her, dass Schüler und Studierende inspiriert durch Greta Thunberg i n ganz Europa die #FridaysForFuture-Streiks gestartet haben. Wenn wir seitdem jedes Mal einen Cent bekommen hätten, wenn uns ein Politiker gesagt hat, dass der Klimawandel nicht auf nationaler Ebene, durch ein einzelnes Land allein, angegangen werden kann, sondern nur durch internationales oder europäisches Handeln – wir wären jetzt reich.

Am 9. Mai kommt Ihre Gruppe von Premierministern, Kanzlern und anderen Staatschefs in Sibiu zusammen, um über die Zukunft Europas zu sprechen. Nur wird Europa keine Zukunft haben, wenn wir keine Lösung für die Klimakrise finden. Werden Sie also über das Klima sprechen? Werden Sie es in Zukunft zur Priorität machen? Werden Sie es als Krise benennen und es nicht als "Nachhaltigkeitsthema" abtun?

Machen Sie das Klima zur Priorität!

Legen Sie verbindliche Ziele für Europa fest, um der Klimakrise zu begegnen!

Handeln Sie für unsere Zukunft!

Im Moment erleben Europa und die ganze Welt eine Bewegung, die es so noch nie zuvor gegeben hat. Wir jungen Menschen haben uns in einer Anzahl und Häufigkeit mobilisiert, welche viele für unmöglich gehalten hatten.

Wir haben es aber getan. Denn wir haben einfach Angst. Wir haben Angst, dass mächtige Menschen damit angefangen haben, unsere Zukunft zu verkaufen. Und weil wir uns von Ihnen verraten fühlen, da Sie wiederholt das Ergreifen dringender Maßnahmen versäumen. Denn wir jungen Menschen wachsen mitten im sechsten Massensterben auf. Und das auf einem Planeten, der bereits im unvorstellbaren Maße Schaden genommen hat. Wir stehen jetzt vor der größten Katastrophe der Menschheitsgeschichte.

Diese Krise hat uns junge Europäer zusammengebracht. Wir sind vereint: eine europäische Generation, die in eine Klimakrise hineingeboren wurde. Und deren Zukunft von einer Europäischen Union abhängt, die ihre Verantwortung für den Schutz unserer Zukunft anerkennt.

Immer wieder haben Sie uns in Brüssel, Straßburg und Paris gesagt, dass Sie bereit seien, europäische Antworten auf diese Krise zu finden. In Sibiu werden sich nun Schülern und Studierende aus ganz Europa den Streikenden aus Rumänien anschließen, um Sie an Ihre Worte zu erinnern und Sie aufzufordern, sich mit uns zu treffen.

Derzeit sind Sie noch weit davon entfernt, Maßnahmen und verbindliche Ziele zu schaffen, um weit vor 2050 ein CO2-neutrales Europa zu ermöglichen – was, wie die Wissenschaft belegt, die einzige Möglichkeit ist, um den Planeten auf einen Kurs von 1,5 Grad zu bringen.

Die EU ist der drittgrößte Emissions-Verursacher der Welt. Sie trägt eine enorme Verantwortung, nicht nur für unsere Zukunft, sondern auch für das Leben von Milliarden Menschen auf der ganzen Welt.

Werden Sie dieser Verantwortung gerecht. Machen Sie das Klima zur Priorität. Es ist der einzig vernünftige Weg.

Im vergangenen Monat haben Sie uns eingeladen, vor dem Europäischen Parlament zu sprechen. Sie sagten, Sie hätten uns verstanden. Sie sagten, Sie würden sich für dringende Maßnahmen einsetzen. Also handeln Sie. Die ganze Welt, so wie wir auch, schaut Ihnen zu.

Hochachtungsvoll,

Fridays for Future aus ganz Europa:

Paula Dörr, Sibiu, Rumänien

Claudia Kamla, Sibiu, Rumänien

Diana  Negrita, Rumänien

Gabriel-Jerom Nicoara, Rumänien

Anuna de Wever, Belgien

Hugo Viel, Frankreich

Anna Taylor, Großbritannien

Noémi Hartmann, Ungarn

Nicolas Roux, Österreich

Lara Leik, Österreich

Dora Zeiko, Österreich

David Wicker, Italien

Antonia Messerschmitt, Deutschland

Luisa Neubauer, Deutschland

Greta Thunberg in Hamburg